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100. Geburtstag von Dresdner Flötist Immanuel Lucchesi

Persönlichkeit 100. Geburtstag von Dresdner Flötist Immanuel Lucchesi

„Flöte ist ein wunderbares Instrument“, davon war Flötist Immanuel Lucchesi überzeugt. Der Dresdner wirkte unter anderem im Stadttheater Meißen, war Flötist in der Dresdner Philharmonie sowie Soloflötist an der Komische Oper Berlin. 1998 starb er in Berlin-Karlshorst. Nun findet dort ein Gedenkkonzert zu seinem 100. Geburtstag statt.

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Immanuel Lucchesi

Quelle: Foto: Archiv M.Lucchesi

Dresden. Sein Flötenton war etwas Besonderes. Ebenso – damals – die goldene Flöte, die Immanuel Lucchesi mit Augenzwinkern als „die einzige zwischen Helmstedt und Peking“ favorisierte und hinzufügte: „Flöte ist ein wunderbares Instrument.“ Das war auch das Urteil derer, die ihn hörten oder die er unterrichtete.

Vor 100 Jahren kam Immanuel Lucchesi am 28. Dezember 1917 als jüngstes der sechs Kinder des Dresdner Pfarrers Paul Matteo Lucchesi zur Welt. Er studierte bei Fritz Rucker an der Orchesterschule der Sächsischen Staatskapelle. Bei Kriegsbeginn wurde er mit 21 Jahren eingezogen. In den letzten Kriegstagen gelang ihm in Frankreich die Flucht. Die Schrecken des Krieges und der Tod seines Schwagers, des Dresdner Schriftstellers Martin Raschke, an der Ostfront prägten seine pazifistisch-christliche Gesinnung.

Als dieser Krieg vorbei war, wirkte er zunächst ein Jahr am Stadttheater Meißen, dann im Rundfunkorchester in Leipzig und zugleich als Redakteur beim Mitteldeutschen Rundfunk. 1950 kam er nach Dresden zurück, erst als Flötist in der Dresdner Philharmonie, dann in der Dresdner Staatskapelle.

Damals war Lucchesi In der künstlerischen Atmosphäre der Elbestadt eine inspirierende Persönlichkeit. Die Musik des 18. Jahrhunderts war seine Welt. Er verschrieb sich der von den französischen Flötisten Jean-Pierre Rampal und Aurèle Nicolet präferierten beschwingten und rhythmisch akzentuierten Spielweise. Unvergessen sind Kammerkonzerte in Schloss Moritzburg, in Kirchen und Gemeindesälen mit dem Ulbrich-Quartett, mit Musikerkollegen und den Cembalisten Hans Otto, dem Collum-Schüler Claus Dittmann, und vor allem mit der exzeptionellen Cembalistin Zuzana Ruzickova, die als Kind nach der Hölle von Theresienstadt und Auschwitz 1945 in Bergen-Belsen befreit wurde und in Prag lebte. Wenn Immanuel Lucchesis kleines Cembalo passgenau in den VW-Käfer gehievt war, ging die Reise in Dresdens Umgebung, zu Schlössern und Kirchen in Thüringen und Brandenburg.

Das andere Standbein war die zeitgenössische Flötenmusik. Mitte der 50er Jahre gab es in Dresden regelmäßig Kammerkonzerte „Wege zur Neuen Musik“ mit ausschließlich (!) moderner Musik, teils in dem kriegsbedingt ramponierten Festsaal der Kreuzschule, damals am Fritz-Heckert-Platz, teils in der Oberschule Dresden-Ost. Lucchesi muszierte mit Kollegen und den Harfenistinnen Annemarie Helmert-Poralla und später Jutta Zoff. Die Noten dieser als formalistisch und elitär abgestempelten Musik mussten aus dem „nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet“ beschafft werden. Auf den Pulten standen Kompositionen von Edgar Varese, Arthur Honegger, Andrè Jolivet, der bei Lucchesi in Blasewitz zu Gast war, von Komponisten aus Estland, Polen oder dem Prager Jindrich Feld und Viktor Kalabis sowie des Japaners Makoto Moroi. Diesseits des Eisernen Vorhang entstand im „Tal der Ahnungslosen“ ein Raum musikalischer und geistiger Grenzübertritte, so auch die Musik bei Eröffnungen in der Kunsthandlung Kühl, bei denen die Menschen sich sogar im Treppenhaus drängten. Die Zusammenarbeit mit dem Tänzer Manfred Schnelle begann in der Porzellansammlung im Zwinger, konnte später nur in Gemeindesälen und Kirchen fortgesetzt werden, da der Ausdruckstanz nicht ins Kulturkonzept passte. Das gastliche Haus Lucchesi in Blasewitz war ein Ort nachdenklicher Gespräche zu Kunst und Politik und heiterer Konversation ohne Scheuklappen. Dazu kamen persönliche Kontakte zu bildenden Künstlern wie Hans-Theo Richter, Albert Wiegand und Josef Hegenbarth, zu dessen Beerdigung in Loschwitz Lucchesi spielte. Die Verbindung zu Carlfriedrich Claus knüpfte seine legendäre „Tante Ilse“, die europaweit bewunderte Einbandforscherin Dr. Ilse Schunke.

Zu erwähnen ist die Freundschaft mit Gerhard Lenssen, dem Protagonisten neuer Musik, der nach den kulturpolitischen Querelen um die dann verbotene Aufführung der „Antigone“ seines Lehrers Carl Orff nach seiner Entlassung 1958 in die BRD flüchtete. Auch der Germanist Fritz Gay passte nicht ins Kulturschema. Er schrieb zu Schattenspielen mit beweglichen, farbigen Figuren in der chinesischen Tradition Texte aus christlicher Gesinnung und konnte nur in Kirchgemeinden auftreten. Dorthin fuhr Lucchesi den stark gehbehinderten Künstler mit dem Auto, betreute ihn und sorgte für das Musikalische.

In lebendiger Erinnerung ist die offene künstlerische und familiäre Atmosphäre in seiner Umgebung, in der Fürsorglichkeit und aufrechte Gesinnung zu Hause waren. Lucchesi zählte zu denen, die sich nicht geschmeidig dem offiziellen Diktat karriereförderlich anpassten. So bleibt ihm nach dem Mauerbau eine internationale Wirksamkeit verwehrt. Entlarvend ist die Ablehnung einer Konzerteinladung nach London durch das DDR-Kulturministerium: „Die Flöte ist kein repräsentatives Instrument.“

Kurt Masur rief 1963 Lucchesi als Soloflötist an die Komische Oper Berlin. Das Bedauern in Dresden war groß. Er pendelte noch zeitweise zu Konzerten nach Dresden. In Berlin entfaltete er später eine ausgedehnte pädagogische Tätigkeit, verfasste eine bis heute geschätzte Flötenschule und gab Flötenmusik heraus. Schallplatten- und Rundfunkaufnahmen der Uraufführungen von Flötenmusik renommierter DDR-Komponisten werden weiterhin gelegentlich gesendet. Konzertbesucher und der große Schülerkreis erinnern sich dankbar an einen prägenden und aufrichtigen Menschen und Musiker. Er verstarb kurz nach seinem 80. Geburtstag am 2. Januar 1998 in Berlin-Karlshorst.

Dort wird in einem Gedenkkonzert heute zu seinem 100. Geburtstag Elke Lange, Soloflötistin der Staatskapelle Halle, die jetzt von ihr gespielte Flöte Immanuel Lucchesis zum Klingen bringen.

Von Christoph Münchow

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