Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Kultur Weltweit „#minaret“ ist eine Szenerie voller Rätsel, Spannungen und Wandlungen
Nachrichten Kultur Kultur Weltweit „#minaret“ ist eine Szenerie voller Rätsel, Spannungen und Wandlungen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:01 18.05.2018
Szene aus „#minaret" von Omar Rajeh mit dem Maqamat Dance Theatre (Libanon) im  Festspielhaus Hellerau      Quelle: Stephan Floß
Dresden

Die Bühne im Großen Saal vom Festspielhaus Hellerau ist frei einsehbar, wenn sich die Zuschauer auf ihren Plätzen niederlassen. Und die Tischfolge im Hintergrund mit daran Platzierten assoziiert mehr eine Art von Gespräch mit dem Publikum, weniger eine Aufführung. Bis sich ein Tänzer auf dem farbig abgesetzten Kreis dazwischen platziert, in der Stille noch den letzten Ankömmling abwartet, bevor sich die Tür zum Einlass schließt. Eine trügerische Ruhe, ein Ort irgendwo?

Der libanesische Regisseur und Choreograf Omar Rajeh – bekannt auch vom Eröffnungsgastspiel zum Festival Mashreq to Maghreb 2017 in Hellerau – entwirft mit dem Maqamat Dance Theatre aus Beirut für „#minaret“ eine Szenerie, die voller Rätsel, Spannungen und Wandlungen ist. Da gibt es nichts Dokumentarisches, sind keine Trümmerlandschaften oder Aufnahmen von angstvoll Herumirrenden zu erleben. Und wenn auch im Programmblatt die Rede ist vom heillos zerstörten Aleppo, vom Minarett der Omajjaden-Moschee, das dem Stück seinen Namen gegeben hat, erzählt Rajeh mehr eine Geschichte überhaupt von Menschen und Orten in extremen Situationen. Und er assoziiert vor allem über Körper-, Stimm- und Klangbilder in bewegt-bewegender szenischer Sprache Bedrohliches, Verletzungen, Ängste - die erschreckende Stille „davor“ und die schreckliche „Stille“ danach.

Was zählt, ist das Beispiel. Aber was zählt das Beispiel, wenn es seiner Existenz weitgehend ausgelöscht ist. Diese Gefahr im „Widerschein“ der Darsteller nimmt in der Aufführung auch Gestalt an als blinkende, surrende, verfolgende, angreifende Drohne, von Rajeh als Metapher bereits wiederholt eingesetzt. Eine ferngesteuerte, zerstörerische, verfolgende Kraft. Sie erscheint wie ein vermeintlicher Himmelskörper und ist doch „in der Hand“ von Menschen. Ein unheilvolles Szenario mit neuen Kriegsgöttern und kaum mehr durchschaubaren Verquickungen.

Die in Hellerau uraufgeführte und koproduzierte Performance „#minaret“ – zugleich auch als work in progress zu verstehen –, erzählt vor allem, was es mit den Menschen macht, dieses Chaos. Denn letztlich sind auch berühmte alte Bauwerke von Menschen geschaffen und Teil ihrer Identität, ihres Glaubens. So zielt die Zerstörung ebenso auf deren Zerrissenheit, Brüchigkeit, Verletzlichkeit, wie und wem sie ausgesetzt sind, wem sie sich unterordnen sollen. Ein zerstörerisches Szenario, zu dem Rajeh mit den Tänzern, Musikern, der Sängerin und allen an der Produktion Beteiligen beredte Bilder geschaffen hat.

Zugleich mit dem Gastspiel-Auftakt zum Festival „B-Europe“ sind im Festspielhaus auch zwei Ausstellungen eröffnet worden. Zum einen „Echoland“ mit Arbeiten des Fotografen Jörg Gläscher, der offensichtlich die Rand-Erscheinungen „im Ringen um Europa in den Hallen des EU-Parlaments, in den Büros der EU-Kommission oder in der Lobby des EU-Rates“ aufgenommen hat. Wozu wohl auch jene in Repräsentationshaltung im Freien abgelichteten Entscheidungsträger gehören, die er “zufällig“ mit einer roten Absperrung „kopflos“ macht. Eine Metapher, über die es sich nachdenken lässt.

Auf der anderen Seite der „Trennlinie“ verweist der spanische Journalist und Fotograf César Dezfuli mit seiner 2016 entstandenen Serie „Passengers“ auf Migranten, die er nur wenige Minuten nach ihrer Rettung als Insassen eines Flüchtlingsbootes fotografiert. Dafür bleibt ihm kaum Zeit. Und dennoch gelingt es ihm, jeden unverwechselbar und nah zu zeigen in diesem so besonderen Moment. Eine mit Dokumenten und weiteren Zeugnissen beredt ergänzte Ausstellung, die sehenswert ist.

Von Gabriele Gorgas

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Kultur Weltweit Architektur-Biennale in Venedig - Das Leben nach der Mauer

Drei Stararchitekten vertreten gemeinsam mit Marianne Birthler Deutschland auf der Architektur-Biennale. Ab dem 26. Mai geht um die Frage, was von der Mauer bleibt, 28 Jahre nach ihrem Ende.

18.05.2018
Kultur Weltweit Musiktipps von Karsten Röhrbein - Gaz Coombes und andere Musiktipps

Der stärkste Mann der Welt braucht keine Mitgrölrefrains mehr, aus einem ehemals rotzigen Indie-Rocker ist ein Freund des Klaviersounds geworden und dass die Welt am Abgrund steht, lässt sich auch bestens mit Folk-Rock ausdrücken – die Musiktipps von Karsten Röhrbein.

18.05.2018

Ein Ausflug in eine längst untergegangene Bergwelt, ein Hollywood-Musical mit viel Zirkusflair und ein Animationsfilm, der in eine ganz andere Gesellschaft führt – die DVD-Tipps von Stefan Stosch.

18.05.2018