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Kultur Weltweit Leben wir wieder in „Weimarer Verhältnissen“?
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11:00 29.09.2018
Das Reichstagsgebäude in Berlin, Deutschland, historisches Bild ca. 1893. Quelle: imagebroker
Hannover

Woran denken wir, wenn wir von Weimar sprechen und damit nicht den thüringischen Musentempel zur Zeit Goethes und Schillers meinen, sondern die Stadt, die der vor 100 Jahren gegründeten ersten deutschen Republik den Namen gab? Die Weimarer Republik: Das war das große Laboratorium der klassischen Moderne, eine Zeit des kulturellen Aufbruchs, der Befreiung von hohlen Konventionen, der großen Triumphe einer weltoffenen künstlerischen und intellektuellen Avantgarde.

Mit der ersten Republik verbindet sich aber auch die Erinnerung an gewaltsame Umsturzversuche und galoppierende Inflation, an Massenarbeitslosigkeit und politischen Radikalismus, an die Krisen und den Untergang einer Demokratie, der in den Augen vieler Deutscher von Anfang an der nationale Makel anhaftete, dass sie aus der militärischen Niederlage des deutschen Kaiserreichs im Ersten Weltkrieg erwachsen war.

Was auf Weimar folgte, war so schrecklich, dass wir das Scheitern der ersten deutschen Republik zu den großen Katastrophen der Weltgeschichte rechnen müssen. Weil dem so ist, denken wir bei Weimar immer sogleich an die Machtübertragung an Hitler am 30. Januar 1933, das große Menetekel der deutschen Geschichte.

„Bonn ist nicht Weimar“

“Bonn ist nicht Weimar“: So lautete der bald zum Sprichwort gewordene Titel eines Buches des Schweizer Publizisten Fritz René Allemann aus dem Jahr 1956. Sieben Jahre nach Gründung der Bundesrepublik gehörte noch Mut zu dieser These. Wenig später klang Allemanns Formel fast schon wie eine Binsenweisheit. Die westdeutsche Republik wurde bald zu einem wirtschaftlich erfolgreichen, international respektierten Staatswesen. Ihr demokratisches System überstand Rezessionen und Terroranschläge.

Dass sie dies schaffte, verdankte sie nicht zuletzt den weise gewordenen Weimarern, die, als sie 1948/1949 im Parlamentarischen Rat in Bonn das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland zu Papier brachten, systematische Konsequenzen aus den Fehlern und Schwächen der ersten Republik zogen. Das Ergebnis war eine funktionstüchtige, parlamentarische Demokratie, die ihren Feinden vorsorglich den Kampf ansagte: Nie wieder sollte ein freiheitliches Staatswesen auf formal legalem Weg durch eine totalitäre Diktatur abgelöst werden können.

Die Chance, in diesem Sinn aus Weimar zu lernen, erhielt nach 1945 nur ein Teil der Deutschen: jene, die in den drei westlichen Besatzungszonen und in West-Berlin lebten. Sie konnten sich der politischen Kultur des Westens öffnen, die große Teile der deutschen Eliten vor 1945 verachtet hatten: den Ideen der unveräußerlichen Menschenrechte, der Volkssouveränität und der repräsentativen Demokratie.

Es gilt vielerorts als „chic“, sich ex­trem zu geben

Den Deutschen, die in der Sowjetischen Besatzungszone und späteren DDR lebten, wurde diese Chance bis zum Ende der Achtzigerjahre vorenthalten. Die friedliche Revolution, die 1980 ihren Anfang mit der Gründung der unabhängigen Gewerkschaft “Solidarnosc“ in Polen nahm und 1989 die DDR erfasste, legte den Grund für eine freiheitliche Entwicklung in ganz Deutschland.

Heute, 28 Jahre nach der Wiedervereinigung, hört man eher häufiger als damals die Warnung vor “Weimarer Verhältnissen“. Die ex­treme Ungleichzeitigkeit der deutschen Nachkriegsentwicklung wirkt nach; wo es viele Jahrzehnte über nicht die Möglichkeit gab, die Demokratie als Lebensform einzuüben, haben altdeutsche, obrigkeitsstaatlich geprägte Vorurteile gegenüber der westlichen Demokratie in höherem Maß überleben können als dort, wo die Ausgangsbedingungen für das Lernen aus Weimar günstig waren: im Westen.

Aber Krisenzeichen gibt es längst überall im vereinigten Deutschland. Es gilt vielerorts als “chic“, sich ex­trem zu geben und politische Gegner als Feinde zu behandeln, nur eigene Positionen für legitim zu halten und für sich und die eigenen Gesinnungsfreunde den Anspruch zu erheben, “das Volk“ zu sein.

Demokratie ist sehr viel mehr als nur Herrschaft des Mehrheitswillens

Von “Weimarer Verhältnissen“ kann heute dennoch keine Rede sein. Es gibt weder links noch rechts Massenbewegungen, die sich die Beseitigung des demokratischen Verfassungsstaates zum Ziel gesetzt haben, und keine Parteiarmeen, die den Bürgerkrieg proben. Die Bundesrepublik ist innenpolitisch nach wie vor stabiler als viele andere europäische Staaten.

Der Einzug einer nationalpopulistischen Partei in den Bundestag macht Regierungsbildungen schwieriger. Aber da es einen breiten Verfassungskonsens und in außenpolitischen Fragen einen soliden Fundus an Gemeinsamkeit zwischen den inzwischen “klassischen“ demokratischen Parteien gibt, wäre auch eine Regierung, die auf wechselnde Mehrheiten angewiesen ist, anders als in der ersten Republik, nicht gleichbedeutend mit politischer Instabilität.

Gefährdet wird die westliche Demokratie heute nicht zuletzt durch Demokraten, die ein allzu simples Verständnis von Demokratie pflegen. Sie ist sehr viel mehr als nur Herrschaft des Mehrheitswillens. Sie setzt die Herrschaft des Rechts, die Unabhängigkeit der Gerichte und den Respekt vor den Rechten der Minderheit voraus. Es ist diese politische Kultur des transatlantischen Westens, der sich Deutschland so lange mit katastrophalen Folgen widersetzt hat. Diese Kultur gilt es zu verteidigen, wo immer und von wem auch immer sie bedroht wird. Das ist von allen Lektionen aus Weimar die wichtigste.

Heinrich August Winkler Quelle: dpa

Heinrich August Winkler ist emeritierter Professor für Geschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin. Einem breiten Publikum wurde er durch seine mehrbändigen Werke “Der lange Weg nach Westen“ und “Geschichte des Westens“ bekannt. Sein Buch “Weimar 1918–1933. Die Geschichte der ersten deutschen Demokratie“ ist vor wenigen Tagen bei C. H. Beck (711 Seiten, 24,95 Euro) neu aufgelegt worden.

Von Heinrich August Winkler

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