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Kultur Weltweit #kämpfen und #führen: Bundeswehr will mit neuer Plakat-Kampagne Millenials abgreifen
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11:09 12.09.2018
Die Bundeswehr geht mit Hashtag auf Rekrutenfang: „#führen.“ Quelle: Geraldine Oetken
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Hannover

Eine Soldatin kniet auf dem Waldboden, ihre Uniform verschmilzt farblich mit dem Grün dahinter. Durch die Blätterkronen hindurch bricht das Sonnenlicht, durch den Nebel zieht es in Kegeln zwischen den Blumen entlang. Die anderen Soldaten sind nur schemenhaft zu erkennen. Obwohl die Sonne von hinten kommt, ist das Gesicht der Soldatin hell ausgeleuchtet. Der Mund ist offen, ein Sturmgewehr G36 im Anschlag. Unter dem sauberen Gesicht steht groß: „#KÄMPFEN“. Und dann: „Folge deiner Berufung.“ Die Bundeswehr ist wieder auf Rekrutenfang.

Auch mit anderen Motiven und Schlagworten will sie den Nachwuchs ködern: Eine blonde Marinesoldatin hat das Hashtag „#FÜHREN“ verpasst gekriegt. „#RETTEN“, „#SICHERN“, „#FLIEGEN“ sowie „#OFFICE“, „#TECH“ und „#IT“ stehen auf anderen. Seit einigen Tagen hängen die Plakate an den Bushaltestellen der Bundesrepublik.

Ein Plakat mit dem Hashtag #kämpfen. Quelle: Bundeswehr

Nach bewusst provokativen Kampagnen gibt sich die Bundeswehr harmloser

In früheren Kampagnen hat die Bundeswehr aggressiver um Nachwuchs geworben, mit markigen Sprüchen. „Wir kämpfen auch dafür, dass du gegen uns sein kannst“ stand da im November 2015 auf Plakatflächen. Bei der Computerspiel-Messe Gamescom im August dieses Jahres wollte die Karriere-Abteilung der Bundeswehr die Sprache der Gamer imitieren: „Multiplayer at its best“ prangte neben Soldaten-Köpfen. Bei einem Multiplayer-Game, also einem Mehrspieler-Spiel, können mehrere gleichzeitig zocken, während das öffentliche Bild des Soldaten eher dem eines Egoshooters entspricht. Für die Werbung musste die Bundeswehr viel Kritik einstecken.

Diesmal ist die Provokation subtiler: Auf den ersten Blick zeigen die Bilder Soldaten bei ihrer Arbeit – auf einem Kriegsschiff, im Gefecht, als Sanitäter. Auf den zweiten Blick sind die Bilder detailgenau konzipiert: kalte Farben, weich ausgeleuchtete Gesichter – eine Perspektive auf Augenhöhe, hohe Kontraste. Die Ästhetik erinnert an moderne Kriegsfilme wie zum Beispiel „American Sniper“ aus dem Jahr 2014. In dem Film zieht der amerikanische Elitesoldat Chris Kyle als Scharfschütze in den Irak-Krieg und ballert mit Präzision anonyme Gegner, vornehmlich vollbärtige, weg. Seine Kameraden feiern ihn dafür als Legende. Auffällig ist, dass die Straßenschlachten im Film die gleißende Sonne zeigt, die harte Schatten wirft. Wenn Bradley Cooper als Scharfschütze aber auf seinem Beton-Flachdach liegt, ist das Licht sanfter, obwohl es eigentlich ebenso hart auf ihn fallen müsste. Er ist ästhetisch dem Chaos des Krieges enthoben – wie die Soldaten auf den Werbeplakaten der Bundeswehr.

Auch die Motivwahl ist höchst symbolisch: Auf den Wiesen und in den Wäldern sprießt üppiges Grün – die Fauna sieht gewohnt heimisch aus. Doch die aktuellen Einsätze der Bundeswehr führen die Soldaten nach Libyen, Syrien, in den Irak, in den Libanon, nach Jordanien, Afghanistan oder Mali – also an Orte mit wenig üppigem Grün. Außerdem fehlen die Gegner. Auf den Bildern sind die Soldaten nur mit sich selbst beschäftigt. Damit nimmt die Bundeswehr die Bilder aus dem realen Kontext: Es gilt nicht, junge Menschen für einen wirklichen Einsatz anzulocken, sondern fürs vermeintlich unblutige Abenteuer. Das Kriegsspiel wird quasi als Lifestyle inszeniert.

Kampagne startete pünktlich zum Schulanfang

Ein Plakat mit dem Hashtag #tech. Quelle: Geraldine Oetken

Die Kampagne richtet sich an junge Menschen, die sich für einen Beruf oder – um die Plakate zu zitieren – für eine „Berufung“ entscheiden müssen. „Wir sind mit der Kampagne pünktlich zum Beginn des neuen Schuljahres gestartet“, schreibt die Bundeswehr auf Anfrage. Schüler, junge Menschen, die vielleicht zwischen 1995 und 2001 geboren wurden. Menschen, die noch nie einen Krieg erleben mussten, die in weitgehend stabilen Gesellschaftsverhältnissen geboren wurden, denen vielleicht schlicht auch etwas langweilig ist. Die Bundeswehr versucht so, ihre Nachwuchsprobleme in den Griff zu kriegen, die sie seit der Aussetzung der Wehrpflicht 2011 hat. Dass der Dienst an der Waffe aber kein Abenteuerurlaub ist, zeigt die Statistik der Todesfälle bei der Bundeswehr: Von 2000 bis einschließlich 2017 sind 417 Soldaten infolge der Ausübung ihres Dienstes gestorben. Im selben Zeitraum haben sich 502 Soldaten selbst getötet.

Welche inneren Bilder aus dem Krieg entstehen, haben – unter anderem – Maler des 20. Jahrhunderts wie Otto Dix im Triptychon „Der Krieg“ gezeigt: Dort ist der Krieg eine entstellende, entrückende, zerfetzende, zerstörende, ziellose Walze, die vor Welt und Mensch nicht haltmacht – und kein Abenteuerurlaub. Wer das nicht glaubt, kann ja noch einmal die Großeltern fragen.

Von Geraldine Oetken / RND

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