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Kultur Weltweit Zu Hause bei Johnny B. Goode
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17:00 06.06.2017
Rock’n’Roll für die Ewigkeit: Das Cover des am 9. Juni 2017 erscheinenden Chuck-Berry-Albums „Chuck“. Zehn unveröffentlichte Songs sind darauf zu hören. Quelle: Dualtone
Hannover/St. Louis

Auf dem Cover ist er wieder jung. Chuck Berry, der Duckwalker, ist da in einer der klassischen Posen des Rock’n’Roll zu sehen: beide Beine im Beinahespagat durchgestreckt, die Gitarre dazwischen, das aufragende phallische Instrument, das mitreißenden Rock’n’Roll auswirft. Die Augen des Musikers sind geschlossen, die Lippen aufeinandergepresst, einer, der völlig betört ist von seiner Musik. Und da sind die berühmten großen Berry-Hände, die den Gitarrenhals umschließen, Finger, von denen man sagte, sie gingen einmal ganz rum und könnten dann immer noch Barrégriffe spielen. Das Cover kündigt dem Fan an: Hier kommt kein lendenlahmes Abschiedswerk, das man sich aus Komplettierungsgründen ins Regal stellt und nie wieder auflegt. Das Cover verspricht, dass hier gerockt und gerollt wird.

Berry bleibt bei seinen Leisten

Was eingelöst wird: Berry, der vorigen Herbst im Alter von 90 Jahren starb, spielt auf „Chuck“, seinem ersten Studialbum seit fast 40 Jahren, vornehmlich die Musik, mit der er zur Ikone wurde: Rock’n’Roll und Blues. Er erfindet nichts neu, er variiert meist seine berühmten, elektrisierenden Riffs, die außer Beatles und Rolling Stones praktisch alle Bands beeinflussten. Chuck Berry bleibt bei seinen Leisten, und nichts findet sich hier, was alte Hits wie „Sweet little 16“, „Schooldays“, „Roll over Beethoven“ oder „Rock’n’Roll Music“ übertreffen könnte. Aber das meiste zaubert doch ein Grinsen auf Hörers Gesicht. Man freut sich an Berrys Spielfreude und der seiner Spießgesellen, unter denen sich neben seiner Tourband und der Familie Überraschungen finden wie der Songwriter Nathaniel Rateliff, der „backing vocals“ singt und Tom Morello, selbst ein Rock’n’Roll-Klassiker als Gitarrist von Rage Against The Machine, der beim Song „Big Boys“´Gitarre spielt.

„Big Boys“ – Chuck Berrys erster Videoclip

„Big Boys“ ist eine von gleich zwei Reminiszenzen an Berrys berühmteste Nummer: „Johnny B. Goode“. Der Riff ist modifiziert, das Tempo wird gehalten, ab geht die Post. Zum Song gibt es auch Berrys erstes Video, denn 1979, als sein bislang letztes Album, das erfolglose „Rockit“ erschien, lag das Medium noch in den Anfängen – es war das Jahr in dem die britischen Buggles prophezeiten, dass Video den Radiostar killen würde.

Im Clip, der angeblich noch zu Berrys Lebzeiten entstand, erobert ein kleiner schwarzer Junge mit seinen Moves einen Fünfzigerjahre-Tanzschuppen, in dem Berry (ein Imitator, meist im Gegenlicht, macht seine Sache nicht schlecht) und seine Band richtig aufdrehen. Es ist ein gemischtrassiges Tanzvölkchen, weiße und schwarze Petticoatmädels werden durch die Luft gewirbelt oder schürzen die Kleidchen zum gemeinsamen Duckwalk. Ein Hinweis darauf, dass Berrys „race music“ 1955/56 den Sprung über den breiten amerikanischen Rassismusgraben zum weißen Publikum geschafft hatte. Der kindliche Rock’n’Roller im Video steht für die nachfolgenden Generationen, die sich bis heute vom lässigen Berry-Drive inspirieren lassen.

„Lady B. Goode“ hat Berry wohl für seine Frau Themetta geschrieben, mit der er seit 1948 verheiratet war. Es ist die dritte Weitererzählung der Geschichte vom Meistergitarristen als Landei. Nach „Johnny B. Goode“, kam „Bye-Bye, Johnny“, in dem berichtet wurde, wie Goode berühmt wurde und sein Zuhause verlässt. „Lady B. Goode“ nun blickt aufs Leben einer Musikerfrau, die den Haushalt alleine wuppen muss und die Kinder aufzieht, während der Gatte berühmt und immer weg ist. Familie aus der Ferne.

Drei Chucks spielen hier Gitarre

Hier ist sie nah: Drei Chucks sind auf „Chuck“ zu hören. Außer Sohn Charles Berry Jr spielt auch Berrys 23-jähriger Enkel Charles Berry III Gitarre. Ingrid Berry singt bei der Vater-Tochter-Ballade „Darlin“. Nicht wenige Songs hier reichen zurück bis in die Achtzigerjahre, ein Studiobrand warf Berry 1989 auf Null zurück. Immer mal wieder, zuletzt ausgiebig über das Jahr 2015, arbeitete er in diversen Studios seiner Heimatstadt St. Louis an dem Material, dem walzernden „3/$ Enchiladas“, dem bluesigen Bartresen-Rezitativ „The Dutchman“ oder dem traumartigen „Jamaica Moon“, einem Update der Liebesballade „Havana Moon“, die 1956 gefloppt war. In der letzten Phase übernahm dann Charles Jr die Leitung. Die Plattenfirma Dualtone kam ins Spiel, bestand auf Gästen, vermutlich, um die Verkäuflichkeit zu erhöhen. Die meisten aber lehnte Chuck Berry ab. Simple Begründung: „Das bin nicht ich.“

Heckflossen-Cadillac gegen Mini-Chevy

Und jetzt ist er das, voll und ganz. Hält man „Chuck“, die Letzte von „Mister Rock’n’Roll“, gegen „Moody Blue“, die Letzte des 1977 verstorbenen „King“ Elvis, wirkt das wie Leder gegen Plüsch, Heckflossen-Cadillac gegen Chevrolet Spark, Rock gegen Schlager „Deliver me from the days of old“, hat Chuck Berry 1958 in „Schooldays“ gesungen. Die alten Zeiten, die Elvis am Ende voll erwischten, hat er sich bis zum Ende vom Leib halten können. Für „Chuck“ gilt der alte Refrain: „Hail, Hail, Rock’n’Roll!“

Chuck Berrys Album „Chuck“ erscheint am 9. Juni beim Label Dualtone Records

Von Matthias Halbig / RND

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