Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Kultur Weltweit Wozu brauchen wir Idealisten, Andreas Dresen?
Nachrichten Kultur Kultur Weltweit Wozu brauchen wir Idealisten, Andreas Dresen?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:02 04.08.2018
Respektvoll, humorvoll und zärtlich: Regisseur Andreas Dresen ergreift in seinen Filmen oft Partei für Menschen auf der Verliererseite. Quelle: dpa-Zentralbild

Herr Dresen, warum tischen Sie den Kinozuschauern in Ihrem DDR-Film weder Spreewaldgurken noch Rotkäppchen-Sekt auf?

So wie in “Good Bye, Lenin!“? Die Komödie war wirklich lustig. Aber auch wenn das seitdem alle im Westen glauben: Gurken mit Sekt gehörten bei den Ossis nicht zu den Grundnahrungsmitteln.

Sie haben das Leben des singenden Baggerfahrers Gerhard Gundermann verfilmt. Erklären Sie einem unkundigen Westler wie mir, wer das war?

Gundermann führte quasi zwei Leben gleichzeitig. Er war ein großer Poet, ein toller Sänger, ein Künstler mit ganzer Seele. Aber nach seinen Konzerten fuhr er zur Schicht im Braunkohletagebau in der Lausitz. Für seine Fans blieb er immer eine glaubwürdige Arbeiterfigur. Er war glühender Kommunist, hat aber die Bonzen offen kritisiert und flog deshalb aus der Partei. Andererseits hat er jahrelang bei der Stasi mitgemacht – und wurde später selbst bespitzelt. Er war ein lebender Widerspruch auf zwei Beinen.

Wieso soll uns dieser Gundermann heute, 20 Jahre nach seinem frühen Tod, noch interessieren?

Menschen wie er nerven, bringen aber die Welt voran. Wir können von ihm lernen: Wie mache ich mich mir selbst gegenüber ehrlich? Irrtümer zu begehen, besonders moralischer Art, war ja kein Alleinstellungsmerkmal von DDR-Bürgern.

Hätte ein Regisseur ohne Ostbiografie diesen Film drehen können?

Es war sicher hilfreich, aus dem Osten zu kommen. Aber mir würden auch Westkollegen einfallen, die Gundermann verstanden hätten.

Okay, das Stasi-Drama “Das Leben der Anderen“ hat auch ein West-Filmemacher gedreht …

… aber gerade dieser – toll gemachte! – Film hat wenig mit dem Osten zu tun. Er zeigt die DDR in Hollywooddramaturgie: Böswillige Funktionäre spinnen eine Intrige.

Wie war es wirklich?

Ich glaube, die meisten Inoffiziellen Mitarbeiter (IM) der Stasi haben nicht aus einer Art Befehlsnotstand gehandelt, sondern aus freien Stücken. Sie waren von ihrem Tun überzeugt, weil sie von der Idee überzeugt waren, mit der die DDR angetreten war. Und das ist viel interessanter: schuldig zu werden aus Überzeugung. Auch Gundermann verstrickte sich in seinem Idealismus. Er konnte sich nicht hinter ein paar Fieslingen verstecken. Später hat er sich auf offener Konzertbühne mutig seiner Verantwortung gestellt. Das hat nicht jeder getan.

Klingt beinahe nach einem Beitrag zu einer differenzierteren DDR-Geschichtsschreibung mit Kinomitteln.

Zumindest wollen wir auf komplizierte Fragen keine einfachen Antworten geben.

Regisseur Andreas Dresen beim RadioEins Berlinale-Nighttalk am Rande der 66. Internationalen Filmfestspiele Berlin. Quelle: Imago

Wie kompliziert war die DDR?

Ein Beispiel aus meiner Familie: Mein Vater hatte 1976 die Petition gegen die Biermann-Ausbürgerung unterschrieben, wurde aus der SED ausgeschlossen und als Feind im eigenen Land abgestempelt – obwohl er ja eigentlich kein Gegner war. An solchen Widersprüchen ist die DDR letztlich kaputt gegangen.

Also nehmen Sie den Film persönlich?

So wie jeden anderen auch, aber diesen vielleicht noch ein bisschen mehr: 1984 hatte ich einen kritischen Amateurfilm gedreht, prompt holte mich die Stasi ab. Ich fühlte mich ungerecht behandelt: Ich war doch kein Feind! Ich wollte, dass die DDR ein besseres Land wird. Und zu verbessern gab es viel.

War Ihr Vertrauen in die DDR irgendwann aufgezehrt?

Ich hatte das Glück, dass ich 1986 an die Filmhochschule Babelsberg kam und dort auf den Rektor Lothar Bisky traf. Bisky vertrat Glasnost und Perestroika, ein wunderbarer Mensch. Er beschützte uns, wenn wir die DDR kritisierten, und öffnete die Hochschule. Wir befanden uns auf einer Art Insel und hofften, dass sich vielleicht das ganze System irgendwann reformieren lässt.

Und dann fiel 1989 die Mauer, und ...

... mir schien, dass plötzlich vieles möglich ist. Die spießige Führung wurde hinweggefegt, die Leute standen auf. Dass das Ganze dann schnell eine andere Richtung nahm, hat manchen Linken enttäuscht. Aber die Wünsche des Volkes waren größer. Wer will es den Leuten verübeln? Sie wollten all die schönen Dinge aus der Westwerbung haben. Sie wollten reisen.

Wie haben Sie 1995 die Nachricht aufgenommen, dass Gundermann für die Stasi gespitzelt hatte?

Das war die Zeit, als man aufstöhnte, wenn wieder einer als IM enttarnt wurde. Nicht der auch noch! Es herrschte aber auch eine regelrechte Pogromstimmung. Nehmen Sie Christa Wolf, das war absurd: Wie konnte ihr ganzes Lebenswerk infrage gestellt werden? Die Stasi nutzte gezielt Lebenssituationen aus. Gundermann war 21, vermisste seinen Vater, und dann saß dieser freundliche Führungsoffizier vor ihm. Das spricht Gundermann keinesfalls frei von Schuld, zeigt aber, wie perfide die Stasi vorging.

Wurden Sie selbst von Stasi-Spitzeln in Ihrem Umfeld überrascht?

Mein bester Schulfreund tauchte eines Abends bei mir auf. Beim Wein in der Küche eröffnete er mir, dass er mich über Jahre bespitzelt hatte. Das war ein Hammer – und seltsamerweise peinlich für mich. Sollte ich ihn sofort rausschmeißen?

Haben Sie?

Nein, ich konnte ihm aber auch nicht sagen: Danke, dass du so mutig warst, zu kommen. Wir haben versucht, die Freundschaft zu retten, aber der Vertrauensbruch war zu groß. Der Freund hatte mir zwar nicht wirklich geschadet, aber das konnte er ja damals nicht wissen.

Mit “Stilles Land“, einer Geschichte über die Auswirkungen der Wendewirren auf ein Kleinstadttheater, debütierte Andreas Dresen im Kino Quelle: Verleih

Vermissen Sie heute Idealisten wie Gundermann?

Es gibt immer Leute, die für ihre Ideale brennen. Die Gesellschaft braucht Menschen, die einem gnadenlos auf die Nerven gehen, die Anstöße geben und anecken. Die sitzen nicht wie ich abends gern mal entspannt bei einem Bier. Idealisten geben nie Ruhe – und reiben sich auf, siehe Gundermann.

Sie sind auch Laienrichter am Landesverfassungsgericht Brandenburg. Was lernt man da über Menschen?

Man lernt, worüber sie sich aufregen – ob über tatsächliche oder vermeintliche Justizirrtümer oder auch Kita-Gebühren. Man bekommt einen guten Einblick in die Mechanik der Demokratie.

Verlieren Sie beim aktuellen politischen Wahnsinn – etwa unserem mitleidlosen Umgang mit Flüchtlingen – den Glauben an die Menschen?

Ein paar Wahnsinnige sollten einen nicht dazu bringen, den Glauben zu verlieren. Bislang hat sich zum Glück meist irgendwann doch wieder die Vernunft durchgesetzt. Wir hätten auch nicht so viele Flüchtlinge, wenn es in der kapitalistischen Welt nicht so ungerecht zuginge bei der Verteilung des Reichtums.

Könnten Sie einen Film über jemanden drehen, für den Sie keine besonderen Sympathien hegen – sagen wir: über Horst Seehofer?

Den kenne ich ja gar nicht persönlich. Politisch steht er mir gewiss nicht nahe, aber auch ein Horst Seehofer hat bestimmt liebenswerte Seiten. So wie jeder Mensch.

Sie sind Schauspielprofessor in Rostock: Welche Grundhaltung wollen Sie Ihren Studierenden mitgeben?

Offen zu sein gegenüber Menschen und ihren Widersprüchen. Und künstlerisch ins Risiko zu gehen.

Wenn Gundermann heute aus seinem Baggerführerhäuschen steigen würde, was würden Sie ihm sagen?

Manchmal habe ich mich gefragt, ob er uns wohl gerade grinsend über die Schulter schaut und sich wundert, welchen Bohei wir um ihn veranstalten. Ich würde gern wissen, welche Lieder ihm heute einfallen würden. Die würde ich wirklich gern hören.

Ab 23. August im Kino: Andreas Dresen hat das Leben des ostdeutschen Baggerfahrers und Liedermachers Gerhard Gundermann verfilmt, mit Alexander Scheer in der Hauptrolle. Quelle: Verleih

Zur Person: Andreas Dresen

Andreas Dresens Kinofiguren finden sich zumeist auf der Verliererseite des Lebens wieder. Aber man muss keine Angst um sie haben: Der Regisseur lässt seine Helden des Alltags auch dann nicht im Stich, wenn sie scheitern.

Ob Dresen in “Nachtgestalten“ (1999) Junkies, Obdachlose und einen Flüchtlingsjungen durch Berlin streunen lässt, in der Tragikomödie “Halbe Treppe“ (2002) zwei befreundete Pärchen in die Krise treibt oder sich in “Wolke 9“ (2008) eine Seniorin in einen noch älteren Senioren verliebt und sie damit zur unwürdigen Greisin wird: So sanft und behutsam wie der 1963 in Gera geborene Regisseur geht kaum ein anderer mit seinem filmischen Personal um.

Zärtlich, aber stets auch mit Humor betrachtet Dresen die Menschen. Das gilt sogar dann, wenn sie wie in “Halt auf freier Strecke“ (2011) gerade an einem Gehirntumor sterben oder wenn er ein rein dokumentarisches Porträt abliefert: Ein sympathischeres CDU-Mitglied als “Herrn Wichmann von der CDU“ (2003) hat man wohl selten gesehen. Kein Wunder, dass da später noch die Doku “Herr Wichmann aus der dritten Reihe“ (2012) folgte. Herr Wichmann fühlte sich gut behandelt von Herrn Dresen.

Dresens familiäre Wurzeln haben bei seiner Berufswahl gewiss eine Rolle gespielt: Er ist der Sohn des Theaterregisseurs Adolf Dresen und der Schauspielerin Barbara Bachmann. Bereits während der Schulzeit drehte er Amateurfilme und inszenierte Theaterstücke. Nach dem Wehrdienst war er als Tontechniker am Schweriner Theater tätig. Ein Volontariat im Defa-Studio für Spielfilme folgte, dann arbeitete er als Regieassistent bei seinem späteren Mentor Günter Reisch.

Von 1986 bis 1991 studierte Dresen Regie an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg – und seitdem zählt er zu den genauesten Beobachtern von Lebenswirklichkeiten in Deutschland vor und nach der politischen Wende.

In seinem Kinodebüt “Stilles Land“ (1991/1992) widmete sich Dresen den Wendewirren in einem Kleinstadttheater. Sein wohl größter Publikumserfolg: “Sommer vorm Balkon“ über zwei Freundinnen in einem alten Mietshaus in Prenzlauer Berg in Berlin. Das Werk brachte es auf knapp eine Million Zuschauer – und das will etwas heißen für eine Kinokomödie, die sich für ein bisschen mehr als nur für die üblichen Liebesirrungen interessiert.

Ob Silberner Bär der Berlinale, Deutscher Filmpreis oder auch Auszeichnungen in Cannes: Dresen kann viele Ehrungen vorweisen. Seine Spielfilme wirken zumeist unangestrengt realistisch, beinahe dokumentarisch. Der Grund dafür liegt nicht nur im Einfühlungsvermögen des Regisseurs, sondern auch in der Art ihrer Entstehung: Dresen gibt gern der Improvisation den Vorzug und ist zumeist mit der Handkamera unterwegs.

Nun hat der Filmemacher ein Projekt verwirklicht, an dem er mit seiner Lieblingsdrehbuchautorin Laila Stieler schon mehr als zehn Jahre gearbeitet hat: Er hat das Leben des ostdeutschen Baggerfahrers und Liedermachers Gerhard Gundermann verfilmt, mit Alexander Scheer in der Hauptrolle.

Gundermann sprach und sang den Menschen im Lausitzer Braunkohlerevier aus dem Herzen. Als 1995 herauskam, dass er in der DDR nicht nur bespitzelt worden war, sondern auch selbst als inoffizieller Stasi-Mitarbeiter gespitzelt hatte, rechtfertigte er sich so: “Ich sehe mich nicht als Opfer und auch nicht als Täter. Ich habe mich mit der DDR eingelassen – mit wem sonst? –, und ich habe ausgeteilt und eingesteckt. Und ich habe gelernt. Deswegen bin ich auf der Welt.“

Auch Gerhard Gundermann, der 1998 im Alter von gerade einmal 43 Jahren an einem Schlaganfall starb, ist bei diesem Regisseur in guten Händen. Kinostart ist der 23. August.

Von Stefan Stosch

Sie meinen es ja gut, dass sie mich mitnehmen. Aber ich wollte ja nicht. Jetzt, wo der Heinrich nicht mehr ist. Aber Dänemark! Muss das denn?

04.08.2018

Es beginnt mit einer Flöte. Leise erhebt sie sich von unten links in den Raum, einzelne Töne, dahingetupft, fast kindlich kommen sie daher. Dann stimmt von hinten rechts ein Gurren mit ein.

04.08.2018

Unweit von Hamburg, in der Lüneburger Heide, feiern Menschen jeden Alters, Familien und Paare ein friedliches Festival. Mit dabei auf dem „A Summer’s Tale“ sind auch Mando Diao, Passenger und Fury in the Slaughterhouse.

03.08.2018