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18:15 14.12.2017
Willi Baumeister: Safer – Montaru, 1954, Collage mit Fotokarton und Ingres-Bütten sowie Pastell auf Karton, 25 x 34,8 cm. Quelle: Archiv Baumeister im Kunstmuseum Stuttgart
Berlin

Der Rückgriff in die Geschichte sollte es an den Tag bringen. Die Nazis suchten dort in Mythen und Legenden die Ursprünge des Germanentums. Willi Baumeister, der von den nationalsozialistischen Machthabern verfemte Künstler, versprach sich von der Rückkehr zu den reduzierten Formen und mythologischen Figuren archaischer Kulturen der Vorzeit dagegen eher eine Blick auf die Wurzeln allgemeiner Menschlichkeit. Vor allem in den politisch bedingten Zeiten innerer Emigration der 30er- und 40er-Jahre hat der Stuttgarter Maler und Grafiker sich damit beschäftigt. Was er in jenen Jahren zu Papier gebracht hat, ist Teil einer bemerkenswerten Ausstellung im Berliner Kupferstichkabinett: „Willi Baumeister. Der Zeichner.“

Baumeister gilt als einer der einflussreichsten Künstler der unmittelbare Nachkriegzeit in Europa. Seine von den Nazis als „entartet“ diffamierten Werke waren bahnbrechend für die Entwicklung der modernen Kunst. Seine Idee, dass Kunst nicht die Natur nachzubilden habe, sondern dass wahre Kunst, wie die Natur, neue Geschöpfe hervorbringen muss, die er auch 1947 in seiner theoretischen Abhandlung „Das Unbekannte in der Kunst“ formulierte, brachte das Kunstverständnis der Moderne auf dem Punkt. Baumeister war zeitlebens auf der Suche nach neuen Formen und Darstellungsweisen.

Die Zeichnungen sind eigenständige Werke

Die Ausstellung im Kupferstichkabinett konzentriert sich auf die Zeichnungen des 1889 ins Stuttgart geborenen Künstlers. Das ist besonders interessant, weil sie in Baumeisters Gesamtwerk als durchaus eigenständig zu betrachten sind. „Die Zeichnungen sind in der Regel keine Vorstudien für Gemälde, sondern häufig neue Anläufe, um ein bereits gemaltes Thema neu umzusetzen“, sagt Andreas Schalhorn, der Kurator der Ausstellung.

Die rund 100 gezeigten Arbeiten stammen aus allen Phasen seines künstlerischen Schaffens – von den ersten Anfängen mit Bleistift von 1908 bis zu Baumeisters Tod 1955, als der Künstler, so die Legende, mit dem Pinsel in der Hand vor der Staffelei gestorben sein soll. Aufschlussreich die Werke der 20-Jahre. Sie zeigen den typischen und wohl bekanntesten Baumeister der frühen Phase. Konstruktivistische, oft mit Zirkel und Lineal komponierte Arrangements, wie etwa das Bild „Mensch und Maschine“, eine Arbeit, die die Technikgläubigkeit und die Hoffnungen auf ein neues Menschenbild auf dem Höhepunkt des Industriezeitalters transportieren. Baumeister arbeitet komplett in der Fläche, noch radikaler als die Kubisten jener Zeit. Die Ausstellung verdeutlicht dies sehr schön, in dem einzelne Werke von Picasso oder Juan Gris als Kontrastprogramm dazwischen gehängt sind.

Baumeister, der Zeichner

Das Berliner Kupferstichkabinett zeigt das zeichnerische Werk. Ein Großteil der Arbeiten stammen aus dem Archiv Baumeister im Kunstmuseum Stuttgart. Hinzu kommen Leihgaben aus Privatsammlungen und der Nationalgalerie.

Willi Baumeister. Der Zeichner. Figur und Abstraktion in der Kunst auf Papier. Kupferstichkabinett im Kulturforum Berlin, Matthäikirchplatz, Di - Fr. 10 – 18 Uhr, Sa/So 11 – 18 Uhr. Bis 8. April.

Doch schon in dieser eher konstruktivistische Phase tauchen erste weiche, wolkenhafte Formen auf, die bald die Bildkompositionen dominieren. Baumeister legt sich stilistisch nicht fest. „Femme“ – die Frau – von 1930 zum Beispiel, übrigens das einzige Gemälde in der Schau, zeigt einen auf ein eine Ansammlung runder Flächen reduzierten Frauenkörper. Die nur minimalistisch angedeuteten Konturen entfernen sich von jeder Geometrie. Baumeister konzentriert sich darauf, das Organische in der Natur zu vergegenständlichen.

Werke aus der inneren Emigration

Als er mit der Machtübernahme der Nazis Lehrverbot an der Frankfurter Städelschule und zudem Malverbot verordnet bekommt, zieht sich Baumeister ins Privatleben zurück. Es entstehen Zeichnungen mit archaischen Formen auf Untergründen, die mit der von dem Surrealisten Max Ernst entwickelten Frottagetechnik bearbeitete sind. Afrikanische Erzählungen heißt eine dieser Arbeiten von 1942. Rätselhafte Figuren in nur angedeuteten Formen sind darauf zusehen, es könnten auch Hieroglyphen sein, Zeichen jedenfalls, deren Entschlüsselung dem Betrachter überlassen wird. Schlagend auch hier Baumeisters Aktualität. Parallelen zu den Arbeiten von A. R. Penck sind nicht zu übersehen. Ein dazwischen gehängtes Werk des in diesem Jahr verstorbenen ostdeutschen Künstlers hilft dabei.

Überhaupt verdeutlichen immer wieder eingestreute Bilder anderer Künstler, darunter Gerhard Altenbourg, Karl Otto Götz oder Jackson Pollock, überzeugend welchen Einfluss Baumeister auf die Nachwelt hatte. Nicht zuletzt wohl auch, weil es ihm gelang, nach 1945 weiter zu Hochform aufzulaufen. Auch das zeigt diese sehenswerte Schau im Berliner Kupferstichkabinett.

Von Mathias Richter

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