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09:13 06.10.2018
Das Buchlesen gehörte zu einem verregneten Herbsttag, zum Bahnfahren, zum Warten in der Warteschlange, es versprach Spannung und Entspannung. Diese Zeiten sind vorbei – aus mehreren Gründen. Quelle: Csabi Elter/Unsplash
Hannover

Das Buch gehörte dazu. Wer vor 20, 25 Jahren in einem Zug oder einer S-Bahn saß, sah Leser über Leser. Entweder sie verschwanden hinter einer Zeitung, oder aber sie saßen da mit einem Buch in der Hand, versunken in eine Geschichte, das Rütteln der Bahn auf den Schienen, das warnende Signal vor dem Schließen der Türen und das hektische Treiben der Ein- und Aussteigenden ausblendend. Ihr Buch hatten manche in Packpapier eingeschlagen, um es zu schützen vor Schmutz und auch ein bisschen vor der Welt, aus der sie gerade lesend fliehen wollten.

Das Buch gehörte auch im Freibad dazu, zwischen zwei Sprüngen ins Wasser. Noch mit kleinen Wasserperlen auf dem Rücken lagen Leserinnen wie Leser bäuchlings auf ihrem Handtuch und tauchten ab – in wundersame Welten und dann, wenn die Sonne wieder zu sehr auf den Seiten reflektierte, auch wieder ins Wasser. Das Buchlesen gehörte zu einem verregneten Herbsttag und zum Warten in der Warteschlange, es versprach Spannung und Entspannung. Natürlich: Nicht alle Deutschen lasen Bücher, aber es waren auch nicht wenige – es war die Mehrheit.

Büchermenschen in der Minderheit

Das ist vorbei. Mittlerweile sind die Büchermenschen in diesem Land in der Minderheit. Zwischen 2013 und 2017 ging laut Börsenverein des Deutschen Buchhandels die Zahl der Käufer – Schul- und Fachlektüre nicht eingerechnet – um 6,4 Millionen zurück. Im Jahr 2017 kauften nur noch 29,6 Millionen Menschen und damit 44 Prozent der Deutschen ab zehn Jahren mindestens ein Buch.

Wer Gründe dafür sucht, dass so viele dem Buch den Rücken zuwenden, muss nur einmal einen Blick in eine S-Bahn, ein Freibad oder eine Warteschlange werfen. Das Smartphone ist allgegenwärtig. Es ist aber nicht der einzige Grund: Die Abwanderer, sagt der Börsenvereins-Hauptgeschäftsführer Alexander Skipis, „leiden unter der Hektik und dem Stress in der digitalen Multitasking-Gesellschaft“. Es wachse der soziale Druck, ständig reagieren und dranbleiben zu müssen, um nicht abgehängt zu werden, sagt Skipis weiter.

Und man muss es ja zugeben: Die fein zugerichteten Konsumhäppchen auf Facebook und Co., die schnellen Nachrichten auf Whatsapp und die kurzen Texte auf Twitter passen zu unserer rastlosen, stressvollen Zeit viel besser als ein 500-Seiten-Schmöker oder ein kompliziertes Sachbuch. Die Branche wird sich auch auf der am Mittwoch beginnenden Frankfurter Buchmesse neue Strategien überlegen müssen, wie sie wieder mehr Buchleser erreichen will.

Weniger Kunden, weniger Verkäufe: Die Zahl der verkauften Bücher geht zurück. Quelle: RND

Das Paradoxe daran ist, dass der Mensch heute wahrscheinlich so viel liest wie nie zuvor in seiner Geschichte: Das Handy und die sozialen Netzwerke führen dazu, dass wir uns ständig mit Nachrichten, Posts und Tweets beschäftigen. Wir lesen mit dem Smartphone in der Hand am Arbeitsplatz, beim Gehen auf dem Flur, im Fahrstuhl, beim Kochen, beim Einschlafen und beim Aufwachen. Lesen bestimmt unseren Alltag wie niemals zuvor. Wir lesen – aber wir lesen keine Bücher mehr.

Können wir es also begraben, das gute, alte Buch? Im neuen Ikea-Katalog fehlt es schon. Die Regale sind frei von Büchern, alles Mögliche liegt in den Aufbewahrungsmöbeln, aber keine Romane, keine Lyrik. Es ist ein Drama. Denn Bücher sind nichts, was man einfach so verschwinden lassen kann wie die Musikkassette oder die Schreibmaschine.

Es ist eine Binsenweisheit: Romane eröffnen dem Leser viele neue Welten, er kann neben seinem eigenen Leben unendlich viele andere führen. „Ich probiere Geschichten an wie Kleider“, sagt der Protagonist in Max Frischs „Mein Name sei Gantenbein“. Es ist eines der zentralen Versprechen von Romanen an den Leser: Man kann gefahrenlos die Welt jenseits der eigenen Erfahrungen erschließen. Als Schauspieler auf einer Gedankenbühne.

Türen in andere Welten

Klar, auch das Leben ist oft ein Rollenspiel, der Auftritt in der Familie ist ein anderer als der im Job oder als der unter Freunden. Leben ist Theater. Und doch begrenzt das eigene Ich die Auswahl der Stücke und der Rollen. Aus einem zurückhaltenden Menschen wird voraussichtlich in keiner noch so anderen Umgebung ein Draufgänger.

Im Roman hingegen können wir auf Ich-Reise gehen. Wir können mit Jules Verne zum Mond fliegen, mit Herman Melville auf Walfahrt gehen, uns mit Peter Stamms „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“ fragen, wie wir unserem Doppelgänger begegnen würden, und uns mit Andrea Camilleris Commissario Montalbano bis zur Selbstvergessenheit in italienischem Essen verlieren. Wir können in Länder reisen, die wir nie mit eigenen Augen sehen werden, in Zeiten, die lange verloren sind, in Welten, die noch vor uns liegen, und sogar an Orte, die es gar nicht gibt. Das klassische Rom, der Mars, Utopia – wer Bücher öffnet, öffnet Türen in andere Welten. Man muss nur hindurchgehen.

„Lesen heißt, mit einem fremden Kopfe statt des eigenen denken“, hat Arthur Schopenhauer gesagt. Aber es ist nicht nur das: Wir lesen, um Spaß und Freude zu haben, um Erlebtes zu bewältigen, um zu entfliehen, um zu entdecken. Das dadurch Erfahrene und Gedachte können wir dann entweder als Fiktion abheften oder ins eigene Leben integrieren.

Lektüre kann das Erleben nicht ersetzen

Den Unterschied gilt es natürlich zu machen. Zwischen der Gedankenflucht aus dem Alltag und dem Verlorengehen in eben dieser Realitätsflucht verläuft ein schmaler Grat. Es gibt diese Bücherwürmer, die nur in ihrer eigenen Welt leben und für das normale Leben unfähig zu sein scheinen. Georg Christoph Lichtenberg, der Aphoristiker der Aufklärung, hat dieses Phänomen in den schönen kleinen Satz gekleidet: „Er las immer ,Agamemnon’ statt ,angenommen’, so sehr hatte er den Homer gelesen.“

Und Franz Kafka warnte ausdrücklich davor, die Lektüre mit dem Leben zu verwechseln. Seinem Gesprächspartner Gustav Janouch, der vorgab, ohne Bücher nicht leben zu können, sagte er bei einem Spaziergang: „Das Buch kann die Welt nicht ersetzen. Das ist unmöglich. Im Leben hat alles seinen Sinn und seine Aufgabe, die von etwas anderem nicht restlos erfüllt werden kann. Man kann – zum Beispiel – sein Erleben nicht mittels eines Ersatzmannes bewältigen. So ist es auch mit der Welt und dem Buch. Man versucht, das Leben in Bücher wie Singvögel in Käfige einzusperren. Doch das gelingt nicht.“

Aber auch wenn die Lektüre das eigene Leben und Erleben nicht ersetzen kann, so hilft es dem Lesenden manchmal schon, in Büchern Antworten auf seine Fragen zu finden oder einfach zu merken, dass er mit einem Problem, einer Sichtweise, seinen Befürchtungen oder einer Frage nicht allein ist.

Viele der Nicht-mehr-Leser empfinden laut einer Umfrage “eine tiefe Sehnsucht nach Entschleunigung“. Die Lösung könnte so einfach sein. Quelle: Kinga Cichewicz/Unsplash

Vielleicht auch deswegen gibt es Leser, die streichen einem besonders schönen, begeisternden, anrührenden Buch beim Lesen ab und an über den Rücken. Wie einem guten Freund. Manche Leser lesen zuallererst das Ende, um die drohende Spannung zu mindern. Andere hingegen werden auf den letzten Seiten immer langsamer, weil sie das Ende möglichst weit hinauszögern wollen. Schließlich wohnt jedem zu Ende gelesenen Buch ein Abschied inne – denn man weiß, man wird es nie wieder zum ersten Mal lesen können.

Nicht nur gute Bücher, auch Protagonisten sind manchmal wie gute Freunde – und nach besonders intensiver Lektüre ertappt sich mancher dabei, Romanfiguren mit echten Menschen zu verwechseln. Darin unterscheidet sich der Leser nicht vom Seriengucker.

In einer Studie der Frankfurt University of Applied Sciences haben Forscher die starke Identifikation zwischen Zuschauern und einzelnen Serienfiguren ermittelt. „Die Zuschauerinnen und Zuschauer betrachten die Figuren der Serien als vertraute Freunde, an deren Leben sie gefühlten Anteil haben, und wollen mehr davon“, erklärt Claus-Peter H. Ernst, Professor für Wirtschaftsinformatik und BWL.

US-Serien als größte Konkurrenten des Buches

Überhaupt sind amerikanische Serien neben dem Smartphone einer der größten Konkurrenten des Buches. Nicht nur, dass ihre Erzählkraft und ihr Aufbau oft Romanen ähneln. Die Serien sind auch das, was Bücher immer weniger werden: Gegenstand von Gesprächen. Die Unterhaltung in der Kantine oder im Freundeskreis dreht sich immer seltener um das jüngst gelesene Buch, sondern um neue Serien und neue Staffeln.

Dadurch geht ein wichtiger Bestandteil der Lektüre verloren, denn die Horizonterweiterung, die das Lesen verspricht, wird durch den Austausch mit anderen noch größer. Schließlich liest jeder ein Buch anders.

Es ist paradox: Viele der Nicht-mehr-Leser, die der Börsenverein des Deutschen Buchhandels jüngst befragt hat, verrieten, dass ihnen in der Schnelllebigkeit des modernen Alltags etwas fehlt. Sie empfinden „eine tiefe Sehnsucht nach Entschleunigung“. Die Lösung könnte so einfach sein: Bücher können helfen, bei der Suche nach mehr Ruhe in hektischen Zeiten. In der Bahn, in der Warteschlange und im Sommer auch wieder im Freibad.

Von Kristian Teetz/RND

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