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Kultur Weltweit Weltumspannend – und ein Blick zurück in die Geschichte
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23:01 06.05.2018
Der polnische Komponist Krzysztof Penderecki bei der Probe mit der Dresdner Philharmonie im Kulturpalast. Quelle: Dietrich Flechtner

Zweierlei war am Konzert der Dresdner Philharmonie am Sonnabend bemerkenswert: Da war das Programm, das mit seinen Werken – der 6. Sinfonie „Chinesische Lieder“ des Polen Krzysztof Penderecki und der 9. Sinfonie „Aus der neuen Welt“ des Tschechen Antonín Dvorák – den Blick konsequent weltumspannend nach außen richtete. Und da gab es das eigenartige zeitliche Zusammentreffen der europäischen Erstaufführung von Pendereckis Sinfonie, geschrieben im Auftrag des Guangzhou Symphony Orchestra und der Dresdner Philharmonie, im Dresdner Kulturpalast mit der Enthüllung eines vom chinesischen Staatsbildhauer Wu Weishan geschaffenen Marx-Standbildes in Trier.

Nun kann man Krzysztof Penderecki nicht ansatzweise vorwerfen, sein Stück aktueller chinesischer Ideologie anverwandelt zu haben, aber das überdimensionierte Denkmal und die „Chinesischen Lieder“ haben doch eines gemeinsam: Sie blicken nach Kräften zurück und haben darin wenig Aussagekraft für die Gegenwart. Penderecki, dessen Interesse an chinesischer Kultur nach eigner Aussage gut 20 Jahre währt, nahm als literarische Grundlage Hans Bethges Sammlung „Die chinesische Flöte“ mit dessen Nachdichtungen ältester bis neuerer chinesischer Lyrik. Seit deren Erscheinen vor gut 100 Jahren haben sich viele Komponisten (beileibe nicht nur Mahler) darauf bezogen, und so ist Penderecki in bester Gesellschaft.

Doch das klingende Ergebnis der Aufführung, in der einige neu hinzugesetzte Intermezzi für die chinesische Geige Erhu ihre Uraufführung erlebten, verriet auch ein Problem: Der verklärte Ton, der aus Bethges Gedichtband klingt, schlägt bis heute durch und fand so in einem Tongemälde seinen Ausdruck, das man kaum den Jahren 2017 (Uraufführung in Guangzhou) und 2018 zurechnen würde. Bethge schrieb bereits von der Schwierigkeit, die über 1000 Jahre alte Lyrik dem europäischen Leser zu vermitteln, und so sind seine Verse oft doppelt so umfänglich wie die Originale. Warum Penderecki sich nicht neuere Übertragungen hernahm, die es gibt und die den Gehalt im Chinesischen genauer treffen, bleibt unverständlich. Es beginnt schon beim Namen des bedeutenden, bei Bethge Li-Tai-Po genannten Dichters, der aber Li Bai heißt.

Was Krzysztof Penderecki entlang der meist melancholischen Verse gelungen ist, ist ein tiefes, ausdrucksstarkes Stimmungsbild. Dass er im Charakter dabei unfreiwillig ins Kielwasser Gustav Mahlers geraten ist, bleibt besagtem Tonfall der Nachdichtungen geschuldet. Dirigent Cristian Macelaru ließ Pendereckis Musik so filigran, pittoresk und auch hochdramatisch erklingen, wie sie dem Inhalt der Texte folgt. Der Komponist setzte allerdings keinen gedanklichen Kontrapunkt, sondern übertrug die Worte ganz impressionistisch in eine Musik, die das Ohr nirgends zu Widerstand reizt und so die allgemeine Zustimmung schon bei den ersten Tönen sicher hatte. Bariton Stephan Genz gestaltete die Gesangspartie inhaltlich hervorragend, war aber bei der gelegentlichen Wucht des Orchesterparts auch ein mitunter zu lyrischer Liedsänger. Die kurzen Erhu-Intermezzi (gespielt von der Geigerin Zen Hu) ließen einiges der Virtuosität und Lebendigkeit vermissen, die man von diesem Instrument kennen kann. Eindrücklich bleibt aber die wirkungsvolle Dramaturgie von Pendereckis Werk in Erinnerung, das die Gedankenwelt der Gedichte schlüssig aufnahm.

Der Rest ist schnell erzählt. Dvoráks Sinfonie e-Moll blieb – bei allen Eindrücken, die den Komponisten in den USA beeinflusst haben dürften – ein Kind tschechischer Musiktradition. Cristian Macelaru las das Stück aber ganz transatlantisch, setzte auf übermäßig hochgezogenes Fortissimo und die seltsame Idee, dass Tuttistellen schnell (und undeutlich), Soli dagegen langsam (unter Aufkündigung des melodischen Zusammenhalts) zu spielen sind. So schwankte schon der erste Satz zwischen Raserei und Pathos.

Auch sonst war nicht mehr Tiefgang zu vernehmen. Übergänge gerieten schwammig, das Englischhorn (hervorragend: Isabel Kern) stand als Lichtblick vor einem sonst in Süßlichkeit ertränkten Largo, der durchaus konturierte Beginn des Scherzo verplätscherte sich spätestens im Herunterhetzen des tänzerischen Mittelteils. Und die Hast im Finale (hier eher ein Presto) raubte dem nachdenklichen Abschied, der im Schluss steckt, jede Wirkung. Dass die Dresdner Philharmonie ihre klanglichen Qualitäten bei solcher Interpretation nur zum Teil zeigen konnte, blieb als Ergebnis.

Von Hartmut Schütz

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