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Kultur Weltweit Wann ist Facebook problematisch, Marina Weisband?
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08:07 05.05.2018
Marina Weisband ist Tangotänzerin, Rollenspielerin, Politikerin – und sagt von sich selbst, sie sei “manchmal ein wenig verwirrt“. Ein Gespräch über soziale Medien und Bildung in Zeiten der Digitalisierung. Quelle: rtn

Frau Weisband, kurz bevor wir sprachen, haben Sie auf Twitter geschrieben, dass Sie gern Hollandrad fahren. Ist es problematisch, dass die Welt das jetzt weiß?

Nein, das ist Imagepflege (lacht). Ich bin generell ein offener Mensch und würde das ja nicht kommunizieren, wenn ich damit ein Problem hätte. Ich schütze meine Privatsphäre eher durch aktive Kommunikation irrelevanter Teile meines Lebens.

Und jetzt bekommen Sie bestimmt sehr viel Werbung für Hollandräder zu sehen.

Das wäre nicht sehr schlau, ich habe ja schon eins.

Sie arbeiten bundesweit in Schulen für das Projekt Aula, das steht für “Ausdiskutieren und live abstimmen“. Welche sozialen Netzwerke nutzen die Schülerinnen und Schüler, die Sie dort kennenlernen?

Am meisten genutzt werden Whats­app, Snapchat und Instagram. Facebook nutzen die Schülerinnen und Schüler weniger, obwohl viele einen Facebook-Account haben. Aula ist eine Onlineplattform, die darauf zugeschnitten ist, demokratische Entscheidungen in der Schule zu treffen. Wir können während des Projektes sehr gut darüber sprechen, welche anderen Plattformen für diese Aufgabe geeignet oder ungeeignet sind.

Wie machen Sie das?

Die Schülerinnen und Schüler benutzen aktiv soziale Netzwerke, um für ihre Aula-Ideen Werbung zu machen. Sie machen Snapchat-Storys, weisen auf Abstimmungen hin. Problematisch ist aber: Für einen souveränen Umgang muss man dem Netzwerk Grenzen setzen. Facebook ist kein Lebensraum, sondern ein Werkzeug für bestimmte Aufgaben. Für andere Aufgaben ist es absolut ungeeignet. Jugendliche nehmen diese Unterschiede nicht klar wahr. Ich frage sie immer: Was genau willst du machen, was ist dein Ziel? Und dann gucken wir uns die verschiedenen Werkzeuge an.

Wann ist es problematisch, Facebook zu nutzen?

Mark Zuckerberg will das gesamte Internet zu Facebook holen, um seinen Gewinn zu maximieren. Es soll kein Werkzeug mehr sein, sondern zu einem kompletten Lebensraum werden, das Alpha und Omega des Internet. Wenn du Facebook nicht nutzt, sondern als selbstverständliche Umgebung ansiehst, dann nutzt Facebook dich.

Sie haben auch ein Facebook-Profil. Haben Sie nach dem jüngsten Datenskandal darüber nachgedacht, es zu löschen?

Ich nutze Facebook vor allem, um mit meiner Familie Kontakt zu halten, die in der ganzen Welt verstreut lebt. Das ist super, und ich wüsste nicht, was ich ohne Facebook tun sollte – für diese Aufgabe. Also brauche ich mein Profil. Gleichzeitig ist Facebook für politische Diskussionen massiv ungeeignet und erst recht ungeeignet, um demokratische Entscheidungen zu treffen. Wenn ich sage, wir können demokratische Entscheidungen mithilfe des Internets treffen, denken die Leute sofort an soziale Medien. Das meine ich gar nicht.

Sascha Lobo hat Facebook die “Gefühlsmaschine“ genannt – je simpler und populistischer man dort argumentiert, desto erfolgreicher ist man.

Das ist eines der Probleme. Facebook ist eine emotionale Plattform in vielerlei Hinsicht, es begünstigt Populismus, das macht politische Diskussionen auf Facebook so ex­trem anstrengend. Das gilt für politische Diskussionen in sozialen Netzwerken generell. Das andere Pro­blem ist, dass Facebook-Diskussionen kein Ende haben. Bei Aula hingegen haben Fragen eine Diskussions- und eine Abstimmungsphase, und dann ist das Thema abgeschlossen.

Nicht mehr in der Partei, aber weiterhin politisch aktiv: Die Ex-Piratin Marina Weisband, hier während des Bundesparteitags der Piratenpartei im Jahr 2012. Quelle: dpa

Facebook ist nur vordergründig kostenlos. Womit bezahlt man wirklich?

Das ist sehr schwer nachzuvollziehen. Ja, ich zahle mit meinen Daten, aber es ist für mich als Mensch sehr schwer nachzuvollziehen, was das genau bedeutet. Es ist ein amorphes Übel. Ich kann nicht sofort erkennen, was damit passiert – außer, dass ich jetzt vermutlich Werbung für Hollandräder bekomme. Es gibt aber keine unschuldigen Daten. Jetzt wird uns immer wieder Panik davor eingeredet, dass große Unternehmen unsere Daten haben. Gleichzeitig ist gesellschaftliche Teilhabe sehr schwierig, ohne den Unternehmen unsere Daten zu geben. Teilweise haben die Datenschützer gewonnen. Ab 25. Mai gilt in der EU die Datenschutz-Grundverordnung. Die macht es aber zum Beispiel Schulen extrem schwer, soziale Medien zu nutzen. Manche Datenschutzbeauftragten raten gar ganz vom Teilen der eigenen Daten im Rahmen des Unterrichts ab. Das heißt, gar keine Nutzung sozialer Medien. Wo aber sonst sollen Schülerinnen und Schüler so begleitet den Umgang mit Daten und sozialen Netzen lernen?

Welche Regulierung einer Firma wie Facebook ist überhaupt möglich?

Ich glaube, dass es durchaus möglich ist für die Politik, Regulierungen zu treffen. Das ist uns bei Lebensmitteln und Straßenverkehr ja auch sehr gut gelungen. Das Problem ist: Viele Politiker verstehen das Thema nicht. Viele haben eine strafenswert geringe Medienkompetenz. Die Anhörung von Mark Zuckerberg vor dem US-Kongress war teilweise peinlich anzusehen, weil Senatoren sie genutzt haben, um sich ein bisschen technische Nachhilfe zu holen, als wäre Zuckerberg ihr Neffe oder Enkel und nicht der Boss eines Milliardenunternehmens, das man regulieren möchte. In der Schule hätte man gesagt: Du hast deine Hausaufgaben nicht gemacht. Sie haben sich nicht vorbereitet. Bei deutschen Politikern ist es nicht besser. Wir können nicht 20 Jahre warten, bis eine digital kompetente Generation Politik macht. In 20 Jahren wird es für alle Regulierungen zu spät sein, wir hinken jetzt schon hinterher. Wir brauchen Weiterbildungen und auch eine verstärkte Nutzung dieser Netzwerke durch die Politikerinnen und Politiker selbst.

Sollen alle Politiker aktiv und selbstreflexiv in den Netzwerken unterwegs sein?

Nicht nur das. Jeder Politiker sollte wissen, wie das Darknet aussieht, was ein virtuelles privates Netzwerk, also VPN, ist. Das sind basale Sachen. Man kann nicht vom Hörensagen Politik machen. Es gibt aber auch wunderbare Abgeordnete und Minister, die sich sehr gut auskennen und die Netzwerke sehr souverän nutzen.

Warum muss ich wissen, wann Johannes Kahrs von der SPD ins Fitnessstudio geht? Das twittert er immer.

Sie müssen ihm ja nicht folgen. Ich finde das wichtig – also nicht, wann Johannes Kahrs ins Fitnessstudio geht, sondern dass Politiker so etwas in ihren Tagesplan einbauen. Ich habe so damit gehadert, in die Politik zu gehen, als ich jung war, denn ich hielt die Menschen in der Politik für etwas völlig anderes als mich. Mir hat das auch sehr geholfen zu meiner politischen Zeit, solche Dinge zu teilen.

Gibt es in der Zukunft einen anderen Weg als das Quasimonopol von Facebook?

Kurzfristig bringt es nichts, sein Profil abzumelden. Ich wünsche mir mittelfristig eine andere Art von Netzwerken. Eines, in dem man wie heute Dinge posten und kommentieren kann, das aber mit verschiedener Software abgerufen werden kann. Es könnte genossenschaftlich finanziert sein oder eine Art öffentlich-rechtliche soziale Plattform mit einem offenen Protokoll. Die eigenen Daten bleiben auf dem eigenen Computer, unter meiner eigenen Kontrolle. Ich sehe zurzeit keine großen Ansätze, so etwas zu entwickeln. Aber das ist meine Vision. Denn im Grunde ist es ein unhaltbarer Zustand, dass wir für die Nutzung der sozialen Netzwerke mit unseren Daten bezahlen und nicht genau wissen, wie hoch der Preis ist.

Auch ohne Parteifunktion politisch engagiert: Marina Weisband bei der Demonstration gegen einen NPD-Aufmarsch in Berlin-Marzahn im Jahr 2013. Quelle: AFP

Zur Person: Marina Weisband

Es gibt nicht viele Menschen, die mit 30 in ihrem Lebenslauf schon “Ex-Politikerin“ stehen haben. Und vermutlich auch nicht allzu viele, die während einer kurzen Episode als politische Geschäftsführerin einer nicht im Bundestag vertretenen Partei in so vielen Talkshows gesessen haben. Als die Piratenpartei 2011/2012 ihre kurze Blüte erlebte, war Weisband omnipräsent.

Inzwischen liegt diese Zeit lange hinter ihr, und Kurzbeschreibungen von Weisband klingen etwa so: “Sie ist aufgewachsen in der untergehenden Sowjetunion, jüdischen Glaubens und im Internet zu Hause.“ Das steht im Klappentext ihres Buches “Wir nennen es Politik“, quasi das Vermächtnis ihrer Zeit als Piratin – und die Grundsätze, nach denen sie immer noch arbeitet.

Jetzt eben als Leiterin des Projekts Aula, das Schülerinnen und Schülern Onlineprozesse und demokratische Willensbildung nahebringen soll. Die Ideen aus der Piraten-Zeit leben weiter. Und sogar die SPD hat auf ihre Suche nach Erneuerung jetzt über “Liquid Feedback“ nachgedacht, die dauernde Kopplung der Funktionäre an die Basis.

Marina Weisbands Selbstdarstellung auf ihrer Website endet mit dem sehr lustigen Satz: “Sie denkt auf Englisch, Russisch und Deutsch und ist daher manchmal ein bisschen verwirrt.“ Ein bisschen verworren und wendungsreich ist auch ihre Familiengeschichte: Marina Weisband kommt am 4. Oktober 1987 in der Ukraine zur Welt, nur 16 Monate nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl und nur 100 Kilometer von dort entfernt.

Sie gilt als “Tschernobylkind“, muss lange Krankenhausaufenthalte überstehen. Die Übersiedlung nach Deutschland ist für sie lebensrettend. 1994 kommt die Familie als jüdische Kontingentflüchtlinge nach Wuppertal. Marina Weisband weiß, was es heißt, Flüchtling zu sein – und wie sehr gelebte Willkommenskultur helfen kann. Sie macht Abitur, studiert in Münster, wo sie bis heute lebt, inzwischen mit Mann und anderthalbjähriger Tochter.

In der wilden Zeit als Piratin wusste die Öffentlichkeit fast alles über diese Frau. Weil in der männerlastigen Piratenpartei nach der weiblichen Stimme gesucht wurde, aber auch, weil Weisband wirklich etwas zu sagen hatte – über die Bedingungen, unter denen in der digitalen Epoche Politik gemacht wird, gemacht werden kann, gemacht werden sollte.

2012 stellte sie sich nicht wieder zur Wahl. Offiziell, um ihre Diplomarbeit in Psychologie zu schreiben. Aber auch, weil sie die Arbeit in vorderster Linie “vollkommen erschöpft“ hatte. Es war eine Achterbahnfahrt bei den Piraten, umso stiller trat Weisband 2015 aus der Partei aus, weil “das Label Piraten verbrannt“ sei.

Die Welt wusste, dass sie mit ihrem jetzigen Mann an Live-Rollenspielen teilnimmt, dass sie zeichnet, Tango tanzt und sich Demokratie nur als transparente Veranstaltung vorstellen kann. Umso interessanter war, auf welche Fragen sie in den vielen Interviews nicht erschöpfend geantwortet hat. Alles ist transparent, aber nicht alles zu erklären.

“Was ist Gott für Sie?“, hat die “Bild“ einmal gefragt, und Weisband antwortete: “Ein Gefühl, das ich nicht beschreiben kann.“ Dann versuchen die Interviewer den plumpen Vergleich mit der Piraten-Welt: “Ein Super-Hyper-Netz, eine Schwarmintelligenz?“ Weisband blockt sie ab: “Begriffe aus dem Internet führen hier nicht weiter. Gott ist tiefes Vertrauen in das Leben, tiefe Liebe des Lebens.“

Politisch geblieben ist die Ex-Politikerin Weisband. Die Grünen flirten heftig mit ihr, vielleicht gibt es da eine Zukunft. Im Oktober hat sie auf dem Grünen-Parteitag eine Rede gehalten, da wurde noch Jamaika sondiert, und Weisband forderte, dass Politiker alle Deals und Kompromisse offen auf den Tisch legen sollten. Damit sich der mündige Wähler selbst ein Bild machen kann.

Ebenso hofft sie auf den mündigen Netzwerknutzer. Die sozialen Netzwerke sind ein notwendiges Übel – die Intransparenz ihres Geschäftsmodells ein dauerndes Ärgernis für sie. Aber es wäre doch gelacht, wenn sich daran nicht etwas ändern könnte. Langfristig zumindest.

Von Jan Sternberg

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