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06:00 22.06.2017
Sie versucht, Hoffnung zu vermitteln: Mutter Oum Yazan (Hiam Abbass) mit ihrem Sohn (Mohammad Jihad Sleik). Quelle: Weltkino
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Hannover

Es sieht aus wie bei vielen anderen Familien auch: Zahnbürsten drängeln sich im Wasserglas vor dem Badezimmerspiegel, Familienfotos stehen auf der Kommode und Bücher dicht an dicht im Regal. Tatsächlich herrscht in dieser Wohnung aber der permanente Ausnahmezustand: Wasser gibt es nur noch aus einem blauen Plastikfass, jeden Moment könnte eine Granate durchs Fenster krachen, und die Wohnung ist schon längst kein sicherer Ort mehr. Draußen tobt der syrische Krieg.

Dieses Apartment ist das letzte bewohnte im ganzen Haus. Aber noch versucht Mutter Oum Yazan (Hiam Abbass), den Anschein von Alltag aufrechtzuerhalten – auch wenn die Vorhänge aus Angst vor Heckenschützen zugezogen bleiben müssen.

Verschanzt hinter zwei dicken Brettern

Hinter zwei dicken Brettern an der Wohnungstür hat sich eine Notgemeinschaft verschanzt. Oum hält die Hoffnung mit einer Mischung aus Disziplin und Fürsorge aufrecht. Mit ihr harren aus: Oums Schwiegervater und ihre drei Kinder, die philippinische Haushaltshilfe und der Freund der ältesten Tochter sowie das junge Paar Delhani und Samir mit Baby aus dem fünften Stück, die ausgebombt worden sind. Mit wachsender Sorge wartet Oum auf die Rückkehr ihres Ehemanns. Telefon oder Internet funktionieren nicht mehr zuverlässig. Und an diesem Tag wird der Krieg in Oums Wohnung eindringen.

In dem Drama „Innen Leben“ des Belgiers Philippe Van Leeuw verlässt die Kamera nicht ein einziges Mal die Wohnung. Der Krieg wird aus der Kammerspielperspektive erlebt und entwickelt trotzdem oder gerade deshalb eine enorme Bedrohlichkeit. Der Regisseur selbst hat Kamera studiert, bevor er mit „The Day God Walked Away“ sein Spielfilmdebüt über den Genozid in Uganda vorlegte. Er weiß auch, was man nicht zeigen muss. Manchmal reicht ein Grollen auf der Tonspur. Und wenn in der Nähe draußen geschossen wird, rieselt drinnen feiner Staub von der Decke, den die ordnungsliebende Oum sofort wegwischen möchte, so als hätte sie keine anderen Sorgen.

Einen einzigen Tag lang sind wir eingesperrt mit Oum und ihrer Familie. Wir beobachten, wie der Krieg ihr Leben infiziert hat. „Vergiss die Welt da draußen“, sagt der Großvater zu seiner Schwiegertochter. „Sie zählt nicht mehr.“ Er ist der Fatalist in dieser Runde, der sich vermeintlich über nichts mehr aufregt und doch irgendwann in einem alten Fotoalbum der Familie blättern wird.

Delhani wird von einem Sniper getroffen

Als wir am Morgen mit dem Dienstmädchen Delhani hinausschauen, werden wir sofort Zeuge des Schreckens: Samir, der junge Mann von oben, hat das Haus soeben verlassen. Er muss hinaus, er plant die Flucht mit seiner Frau Halima und dem Baby in den Libanon. Doch dann wird er auf dem Parkplatz direkt vor der Tür von einem Sniper getroffen. Delhani sieht, wie Samir zusammenbricht. Und wir sehen es mit ihr.

Wann immer die Kamera von nun an einen Blick aus dem Fenster riskiert, suchen wir nach Samirs Beinen, die eben noch hinter einem Autowrack hervorlugten. Lebt er vielleicht doch noch, hat er sich womöglich bewegt oder gar in Sicherheit bringen können? Delhani informiert Oum über den Anschlag, und diese beschließt, Halimi (Diamand Abou Abboud) erst einmal nichts zu sagen. Warum? Vielleicht, weil sie Angst hat, das Geschehen in der Wohnung dann nicht mehr kontrollieren zu können. Und wer weiß, ob Halimi mit einer Verzweiflungstat die anderen nicht in Gefahr bringt.

Doch bald naht die Gewalt in Gestalt von zwei scheinbar freundlichen Männern. Wo man in Friedenszeiten nichts Hintersinniges vermuten würde, wissen die Eingeschlossenen genau, dass die beiden da draußen vor der Apartmenttür Böses im Schilde führen. Alle flüchten in die Küche. Nur Halimi schafft es nicht rechtzeitig. Die anderen hören, was draußen geschieht. Aber sie helfen nicht. Wer sich nicht rührt, vergrößert seine Chance zu überleben.

Die Schuldgefühle wachsen ins Unermessliche

Halimi wird von einem der Männer vergewaltigt. Sie nimmt dieses Opfer auf sich, um Oums Familie und auch ihr Baby zu retten. Die Schuldgefühle von Oum und auch aller anderen in ihrem „Panic Room“ wachsen ins Unermessliche.

Dieser hoch konzentrierte Film kratzt unser persönliches Sicherheitsgefühl an: Er versetzt uns in ein Wohnzimmer, in dem der Schrecken des Krieges allgegenwärtig ist. Die private Schutzzone ist aufgehoben. Bei der Berlinale gewann „Innen Leben“ den Panorama-Publikumspreis. Der Film ist eine Aufforderung hinzuschauen.

Von Stefan Stosch / RND

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