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Kultur Weltweit „Tulpenfieber“ – Drama aus Amsterdams Blütezeit
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18:00 23.08.2017
Der Kaufmann und das Waisenmädchen: Cornelius (Christoph Waltz) ehelicht die junge Sophie (Alicia Vikander) – und die verliebt sich alsbald in einen Jüngeren. Quelle: Foto: Prokino
Hannover

Heute gibt es das Bund holländische Tulpen im Supermarkt um die Ecke zum Schleuderpreis, abgepackt in knisternder Plastikfolie. Und Amsterdam-Touristen werden die Blumenzwiebeln als Souvenir geradezu aufgenötigt. Gefüllte oder ungefüllte Tulpen? Einfarbig oder lieber bunt gemischt? Lang- oder kurzstielig?

Aber das heutige so schicke Amsterdam ist ja auch nicht das, von dem in diesem Film erzählt wird: Hier hängt der Geruch von Hering und Gewürznelken aus Ostindien über den Grachten, dampfende Schweine werden für den Verkauf auf dem Markt zerteilt, zwischen den Ständen gackern Hühner. Die Menschen waten durch Schlamm und Dreck, und ab und zu wird ein Ertrunkener aus dem Wasser gezogen. Gut möglich, dass es sich um ein Opfer der Tulpenmanie handelt, das sich mit den bunten Blumen verzockt hat und keinen Ausweg mehr nach dem finanziellen Ruin wusste.

Wer auf die richtige Zwiebel setzt, wird reich

Wir befinden uns in der Zeit um 1630. Halb Amsterdam spekuliert mit Tulpen, so wie es heute Zocker an den Finanzmärkten tun. Der Markt ist ungefähr so sehr erhitzt wie 2008 kurz vor der Finanzkrise, als all die faulen Immobilienkredite aufflogen. Noch aber kann auch ein Fischhändler über Nacht reich werden, wenn er auf die richtigen Blumenzwiebeln setzt und diese in seltenen Farben aus dem Boden sprießen.

Vor diesem pittoresken Hintergrund spielt die Liebesgeschichte „Tulpenfieber“ von Regisseur Justin Chadwick („Mandela – Der lange Weg zur Freiheit“). Er hat den gleichnamigen Bestseller von Deborah Moggach verfilmt, die auch schon die Vorlage von „The Best Exotic Marigold Hotel“ lieferte. Mit Drehbuchautor Tom Stoppard („Shakespeare in Love“) hat der Regisseur einen ausgewiesenen Fachmann für die Aufbereitung historischer Stoffe an seiner Seite – und der verleiht diesem gediegenen Historiendrama frischen Drive mit gelegentlich komischen Dialogen.

Die Liebe in den Zeiten der Tulpe

Der reiche Kaufmann Cornelius (Christoph Waltz) gehört zu jenen, die nicht von Blütenträumen verfolgt werden: Er hat sein Vermögen schon vor dem Tulpenfieber gemacht und sorgt sich vielmehr um die Zeit nach seinem Ableben. Deshalb holt er sich die schöne, junge Sophie (Alicia Vikander aus „Ex Machina“) ins Haus, die im Waisenhaus aufgewachsen ist. Sie soll ihm einen Statthalter gebären und sexuell zu Diensten sein, wenn sich zwischen seinen Beinen gerade mal etwas regt. Dann aber kommt es, wie es kommen muss: Sophie verliebt sich – und zwar ausgerechnet in den jungen Künstler Jan van Loos (Dane DeHaan, gerade auch unterwegs im Kino als Space-Agent in „Valerian“), der von ihrem Mann engagiert wurde, um ein Porträt von Sophie und ihm zu malen.

Und was tut der verliebte junge Mann? Er begibt sich in eines jener verruchten Kneipen-Hinterzimmer, die neuerdings in Amsterdam als Börse dienen, und setzt alles auf eine Karte, Pardon: Tulpe. Genau das tut auch der Fischhändler Gerrit (Zach Galifianakis), der wiederum in Sophies Haushälterin (Holliday Grainger) verliebt ist. Das Schicksal dieser beiden Paare verquickt sich auf tragische Weise und durch einen wahnwitzigen Plan, der nach menschlichem Ermessen gar nicht aufgehen kann.

Manche Totale wirkt wie gemalt

Aber so genau sollte man nicht nach der Logik fragen: Hier wird in wunderschönen Roben gelitten, in Künstlerklausen geliebt und in Klostern gegärtnert. Aufstieg und Fall liegen ganz dicht beieinander, die Gier führt ins Verderben. Manche Totale wirkt wie gemalt – was sehr schön zum Goldenen Zeitalter in den Niederlanden passt, in dem Kunst und Wissenschaft einen historisch einmaligen Höhenflug erlebten.

Die Figuren im Historiendrama „Tulpenfieber“ sind einen Tick vielschichtiger, als man es erwartet hätte. Das gilt vor allem für Christoph Waltz, der als üblicher Bösewicht beginnt, dann sein mildes Herz entdeckt und am Ende geradezu selbstlos handelt. Im Hintergrund agiert ganz unaufgeregt eine rauchende Äbtissin, der Judi Dench menschenfreundliche Gerissenheit verleiht.

Kurz und gut: Nach diesem Film sieht man den Tulpenstrauß im Supermarkt um die Ecke mit anderen Augen.

Von Stefan Stosch / RND

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