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13:18 23.02.2018
Modelle von Grenzmauern sind in San Diego (Kalifornien, USA), an der Grenze zu Mexiko aufgebaut. US-Präsident Trump hatte im Wahlkampf versprochen, die mehr als 3000 Kilometer lange Grenze mit einer Mauer abzuschotten. Quelle: dpa
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San Diego

Joseph Beuys wollte die Berliner Mauer noch höher sehen. 1964, beim Fluxus-Festival in Aachen, gab er den ostdeutschen Bauherren den Ratschlag, das Bauwerk um fünf Zentimeter zu erhöhen. Dann würden die Proportionen besser stimmen. Später, als Beuys für seine provokante Aussage scharf attackiert wurde, gab der Künstler eine schlichte Erklärung: Wenn wir die Mauer durch eine andere Brille betrachten, können wir das vermeintliche Bollwerk sofort entschärfen. Alles eine Frage der Perspektive - und ein Grund zum Lachen.

Was würde Beuys wohl zu den neuen Mauerstücken auf der Grenze zwischen San Diego und Tijuana sagen? Acht Bauwerke stehen dort, jeweils zehn Meter hoch, zehn Meter breit - und jeweils zehn Meter voneinander entfernt. Allein schon die Maße und die exakt gleichgroßen Lücken zwischen den Bauteilen lassen den Betrachter fragend zurück. Wer direkt vor den Mauern steht, ist fast erschlagen von der Wuchtigkeit, vielleicht aber auch fasziniert von der kalten Ästhetik, zumal sich jedes Werk so einfach von allen Seiten anschauen lässt.

Umgehbare Mauern

Mauern, die zugleich das Gegenteil ihrer selbst sind. Durchlässig und umgehbar. Ein Treffpunkt für viele Schaulustige und einige wenige Konzeptkünstler, die die Arbeiten aus Beton und Stahl lösgelöst von der politischen Debatte betrachten wollen. Tatsächlich spricht der amerikanische Präsident ja nicht nur von einer großen Mauer, sondern ausdrücklich auch von einer schönen. Niemand, so Trump, baue bessere Mauern als er. Sein Ziel: Eine scheinbar endlose Mauer vom Golf von Mexiko bis zum Pazifik. Mit mehr als 3000 Kilometern das wohl größte staatliche Bauwerk.

Die Große Mauer in China gehört heute zum Weltkulturerbe

Vielleicht ist Trump aber auch nur ein Kind seiner Zeit: In den Achtzigerjahren, als er erstmals seine politischen Ziele öffentlich äußerte, gegen den Freihandel eintrat und die europäischen Nato-Partner als sicherheitspolitische Trittbrettfahrer verspottete, wurde die Große Mauer in China zum Weltkulturerbe erklärt. Gut, die alten Chinesen brachten es mit ihrer Grenzbefestigung auf mehr als 20 000 Kilometer. Aber die Strecke durch die Halbwüste wäre ja ein Anfang.

Mit Ironie und Happening reagiert auch Christoph Büchel auf die acht monströsen Prototypen unweit von San Diego. Seine Online-Petition, das 20-Millionen-Dollar-Projekt unweit der amerikanisch-mexikanischen Grenzen zum nationalen Denkmal zu erklären, wühlt allerdings weit mehr Menschen auf als erwartet. Der Gegenwartskünstler will die Mauerteile gedenklich in die Nähe des englischen Stonehenge rücken, spricht von Stahlmonolithen in spärlicher Wüstenlandschaft und sieht sie gar in einer Tradition zu Land-Art-Künstlern. Erst auf den zweiten Blick lässt sich der spöttische Unterton erkennen: Die entsprechende Homepage wird von der Organisation MAGA betrieben – „Make art great again“.

Künstler starten Unterschriftenaktion gegen Trumps Mauer

Ebenso wie sich Beuys vor 54 Jahren angesichts von Mauertoten und Schießbefehl für seine launige Bemerkung entschuldigen sollte, steht mittlerweile auch Büchel für seine kontroverse Aktion in der Kritik. Mehrere hundert Künstler unterzeichneten in diesen Tagen einen offenen Brief von Gelare Khoshgozaran, die das Mauerprojekt als einen Ausdruck wachsender Fremdenfeindlichkeit betrachtet. Es reiche nicht aus, Rassismus zu verspotten. Mit ihrem Protest zielt Khoshgozaran ins Grundsätzliche: Allzu oft bleibe die Gegenwartskunst bei Spektakel und Ironie hängen, anstatt die Unterdrückungsmechanismen anzuprangern, so die iranisch-stämmige Künstlern aus Kalifornien.

Büchels Ansatz sollte dennoch nicht unterschätzt werden. So schreibt die New York Times, dass die Mauerteile „ganz unstrittig die Erhabenheit minimalistischer Skulpturen“ besitzen. Und angesichts von Baukosten, die auf bis zu 70 Milliarden Dollar geschätzt werden, sei die Umsetzung der Baupläne ohnehin höchst fragwürdig. Sollten die Prototypen dagegen stehen bleiben, geschützt als nationales Denkmal seien sie geeignet als ewige Mahnung - ähnlich der Überreste der Berliner Mauer.

Von Stefan Koch/RND

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