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Kultur Weltweit „Trainspotting 2“: Süchtig nach Vergangenheit
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22:33 10.02.2017
Jonny Lee Miller als Simon (l), Ewan McGregor als Renton und Anjela Nedyalkova als Veronika in „T2: Trainspotting“. Quelle: Sony
Berlin

An Fortsetzungen herrscht im Kino nun wirklich kein Mangel. Kaum ein erfolgreicher Film, der nicht nachträglich nummeriert wird und in Serie geht. Der Mangel an Kreativität ist unübersehbar – das gilt nicht nur für Hollywood, siehe den bereits angekündigten „Fack ju Göhte 3“.

Aber in diesem besonderen Fall liegen die Dinge doch ein wenig anders: Was Mark Renton und seine Junkie-Kumpel in den 20 Jahren seit „Trainspotting“ getrieben haben, wollten wir schon lange wissen. Die Berlinale hat die Antwort parat: Am Freitag präsentierte Regisseur Danny Boyle den zweiten Teil jenes Films, der 1996 wie ein surrealer Drogentrip daherkam – und in dem Mark Renton (Ewan McGregor) in der berühmtesten Szene in Schottlands ekeligstem Klo abtauchte und plötzlich in einem azurblauen Meer schwamm. Am Ende erleichterte Mark seine Freunde um 16.000 Pfund und verschwand.

Boyle hat die komplette Truppe von damals zusammengetrommelt und bedient sich wieder sehr frei aus einem Roman von Irvine Welsh. Und siehe da: Das Leben in „Trainspotting 2“ ist immer noch herrlich hoffnungslos. Mark (Ewan McGregor) kehrt aus Amsterdam nach Schottland zurück und trifft auf die Loser von einst. Simon „Sick Boy“ Williamson (Jonny Lee Miller) verdient sich ein paar Pfund extra als Erpresser, Daniel „Spud“ Murphy (Ewen Bremner) hängt immer noch an der Nadel, und Francis „Franco“ Begbie (Robert Carlyle) ist wie eh und je ein gewalttätiger Psycho.

Von der Vergangenheit ist hier niemand losgekommen, und jetzt wird sie mit Wonne herbeizitiert. Mark begibt sich als „Tourist in seine eigene Jugend“, wie es hier einmal so schön heißt. Verpassten Chancen wird ausgiebig hinterhergetrauert. Den Drive des Originalfilms errreicht der Regisseur trotz einiger knackiger visueller Einfälle nicht wieder. „Trainspotting 2“ startet bei der Berlinale außer Konkurrenz und schon am kommenden Donnerstag in unseren Kinos.

Hollywood macht sich bei der 67. Berlinale rar, jedenfalls im Bären-Rennen. Die US-Kinoindustrie wartet schon lange nicht mehr auf Festivals als PR-Startrampe. Die enormen Produktionskosten müssen sofort wieder eingespielt werden. Gerne hätte Festivalchef Dieter Kosslick Martin Scorseses Japan-Jesuiten-Epos „Silence“ gezeigt oder Denzel Washingtons Theateradaption „Fences“, doch beide Filme sind schon zu bekannt, als dass sie den Exklusivitätsansprüchen noch genügen könnten.

Zumindest einen US-Beitrag aber hat Kosslick in diesem Jahr im Angebot, das Drama „The Dinner“ von Regisseur Oren Moverman (“The Messenger“) hat es in sich: Zwei Elternpaare (Richard Gere und Rebecca Hall, Steve Coogan und Laura Linney) treffen sich im Edelrestaurant zu einem extravaganten Abendessen, das den Film in fünf Akte von der „Vorspeise“ bis zum „Digestif“ gliedert.

Was hier aber neben Rübchen und Perlhuhn noch auf den Tisch kommt, ist ein monströses, bislang noch unentdecktes Verbrechen, das die Söhne der beiden Paare begangen haben. Neben bedingungsloser Elternliebe wird mit Heuchelei, psychischen Deformationen und Hass auf Außenseiter reichlich nachgewürzt. Mittendrin sinniert Gouverneurskandidat Stan (Gere) über Politik und Gerechtigkeit und bleibt meilenweit hinter seinen eigenen Ansprüchen zurück. Der Film beruht auf einem niederländischen Roman, scheint aber wie für die aktuellen Verhältnisse in den USA erfunden. Die Dehnbarkeit von Moral und Wahrheit in diesem Drama jedenfalls ist enorm.

Schon mal einem gutgläubigen Rind tief ins Auge geschaut, kurz bevor der Bolzen es trifft? Die zart-verschrobene Liebesgeschiche „On Body and Soul“ der Ungarin Ildikó Enyedi macht es möglich. In blutgetränkter Umgebung entdecken Schlachthauschef und Fleischkontrolleurin ihre Wesensverwandtschaft. Gäbe es einen Preis für die unbezwingbare Sehnsucht nach Nähe und Berühung: Die Regisseurin hätte beste Chancen.

An diesem Wochenende geht der Wettbewerb so richtig auf Weltreise mit Filmen etwa aus dem Kongo, Polen und England - und auch aus Österreich mit der „Wilden Maus“ von Kabarettist Josef Hader. Könnte also gut sein, dass es bald richtig was zu lachen gibt bei dieser Berlinale.

Von RND/Stefan Stosch

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