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Kultur Weltweit Tom Schilling wird 90 – ein Erinnerungsgruß aus seiner ehemaligen Wirkungsstätte Dresden
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11:46 23.01.2018
Tom Schilling  Quelle: E. Döring
Berlin/Dresden

 Es gibt hervorragende Künstler, die irgendwann und irgendwie etwas in Vergessenheit geraten, während andere stets in wacher Erinnerung bleiben. Deren Werke kaum mehr benannt und noch seltener zu sehen sind. Was speziell in Deutschland oft auch etwas mit Ost und West zu tun hat. Manche aber, Schauspieler beispielsweise, haben sich in „abgehängter Position“ längst wieder ankoppeln können, anderen ist das allein schon in der Art ihrer Kunst kaum vergönnt. Zumal, wenn sie letztlich auch noch bewusst zurückgezogen leben, sich vielleicht einigeln oder auf ihre Weise verweigern.

In solch ein Schemata lässt sich der in Berlin lebende Choreograf Tom Schilling (nicht zu verwechseln mit dem weit jüngeren Filmschauspieler Tom Schilling) keinesfalls einpassen. Für jene, die sich mit Tanz kaum befassen, ist er, wenn sie zudem nicht in Berlin ansässig sind, wohl längst aus dem Blickfeld entschwunden. Andere wiederum wissen ihn nach wie vor hoch zu schätzen, aber sie sehen ihn kaum, hören nichts von ihm. Und wenn er wie bei der „Anatevka“-Inszenierung von Barry Kosky an der Komischen Oper als Besucher im Saal sowie als Choreograf der berühmten Felsenstein-Inszenierung des Hauses begrüßt wird, dann brandet der Beifall auf wie für einen Popstar.

Nur mit einem kleinen Kreis von Freunden, vor allem früheren Tänzern, hält er heute noch Kontakt, reist des öfteren auch zu Premieren an Theater, die ihn dazu einladen. Aber neugierig, den Künsten gegenüber aufgeschlossen, ist er allemal und jederzeit. Und zudem auch ein sehr liebenswerter, aufmerksamer Gesprächspartner. Wenn man das Glück hat, ihn irgendwo zu treffen. Er sucht nicht die Öffentlichkeit, liebt auch nicht das „Bad in der Menge“. Hat trotz mancher Übernahmen seiner gefragten und erfolgreichen Choreografien vor allem in den 1990er Jahren spätere Anfragen fast immer abgelehnt oder ist ihnen ausgewichen.

I Quelle: Martin Schutt

Offenbar hat Tom Schilling die Art und Weise, wie er im vereinten Deutschland letztlich zur Seite, an den Rand gedrängt und kaum mehr wahrgenommen wurde, aber auch das Verhalten mancher Kollegen bei ihm bewirkt, dass er letztlich selbst von der „Spielfläche“ gegangen ist, sich zurückgezogen hat. Wobei nicht unerwähnt bleiben darf, dass er 1996 mit dem Deutschen Tanzpreis geehrt wurde. Was gewiss mehr als nur eine Geste gewesen ist.

Wie auch immer. Tom Schilling gehört nach wie vor zur Gilde jener Choreografen, die den Tanz in Deutschland maßgeblich geprägt haben. Und wer will da schon wahrhaben, dass dieser Mann, der über Jahrzehnte das Tanztheater der Komischen Oper Berlin leitete und mit seinen Tänzern als gefragter Gast aus der DDR durch die Lande reiste, nun tatsächlich am heutigen Tage justament 90 Jahre alt wird.

Schon, möchte man fast sagen, denn irgendwie scheint Tom Schilling so ziemlich alterslos zu sein. Und ein Geburtstagsfest gibt es sicher auch nicht. Weil er quasi ein Nestflüchter ist, wenn es um Ehrungen geht. Auch empfängt er bekanntlich kaum Besucher, sucht beileibe nicht in Zeitungen nach Würdigungen. Doch Post und Nachrichten werden ihn ganz sicher erreichen. Und möglicherweise liest er diese auch. So ganz genau weiß man das bei ihm nie.

Dass unter den Glückwünschen auch solche aus Dresden kommen, ist verbürgt. Diese Stadt spielt in seinem Leben immer wieder eine Rolle, ist ihm nah, und hier lebt auch eine kleine Schar jener Tänzer, Choreografen und Tanzpädadgogen, die über geraume Zeit mit Tom Schilling zusammen garbeitet haben. Was sie über ihn so zu erzählen wissen, würde wohl einen dicken Wälzer füllen. Doch ein solches Buch ist noch nicht geschrieben; die vielen schönen Geschichten sind nur in wachen Erinnerungen zu finden. Und sie werden mit vielen Pointen erzählt, wenn jene zusammenkommen, sie sich in Berlin, Dresden oder anderswo treffen, und das sind stets recht unterhaltsame Begegnungen.

Harald Wandtke beispielsweise, der schon 1959 als Absolvent der Palucca Schule Dresden ans Nationaltheater Weimar kam, ging zu Tom Schilling 1962 an die Staatstheater Dresden und gehörte ab 1966 als Solist zum Tanztheater der Komischen Oper Berlin, bevor er 1978 Chefchoreograf des damaIigen Staatsoperballetts in Dresden wurde. Er hat dem „aktiv-quirligen Meister“ – als Meister benennen ihn die „Eingeweihten“ auch heute noch – beste Glückwünsche geschickt. Und weiß aus vielen Gesprächen mit ihm beispielsweise zu berichten, dass dieser in seiner Anfänger-Zeit in Leipzig auch Kinder unterrichtete. Dazu gehörten die Kessler-Zwillinge, zu denen Tom Schilling noch lange Zeit Kontakt hatte. Und wie ein Bonmot klingt die Bemerkung: „Inzwischen müssten die Mädels aber auch schon die 80 erreicht haben.“

Wenn man sich mit Harald Wandtke über Schilling unterhält wie ebenso beispielsweise mit Fritz Rost und Hanne Wandtke, die ihn vor allem in Dresden und Berlin erlebten sowie Jahrzehnte maßgebliche Tanzpädagogen an der Palucca Schule Dresden waren, kommt das Gespräch immer wieder auf dessen kreative Partnerschaft mit Walter Felsenstein. Dieser habe mit seinem realistischen Musiktheater Maßstäbe gesetzt und Tom Schilling auf stets hinterfragende Weise darin bestärkt, an der Komischen Oper ein realistisches Tanztheater zu wagen. Dabei wird auch stets der Ballettdramaturg Bernd Köllinger benannt, der „bis ins kleinste Detail musikalische Abläufe und einen inhaltlichen Sinnzusammenhang erarbeitete als Basis für die Choreografien von Tom Schilling“.

Tanzfreunde, die seine legendären „Wahlverwandtschaften“ ab 1997 auch in einer Neueinstudierung an der Dresdner Staatsoper erlebt haben, werden wissen, wovon da die Rede ist. Ein wahrhaft meisterliches Werk zu Kammmermusik von Franz Schubert, das für die unglaubliche Musikalität dieses Choreografen spricht und dafür, wie es ihm gelingt, Tanz beredt zu machen, mit Tanz ohne jede bewegte Geschwätzigkeit Geschichten zu erzählen.

Beim Gespräch in der kleinen „Expertenrunde“ zu Tom Schilling im Cafe Neustadt überbieten sich die Beteiligten fast schon in den Lobpreisungen für den Meister, lassen aber auch Problematisches nicht aus. Er habe aus Absolventen gute Tänzer entwickelt, sie mit seinem hohen Qualitätsanspruch stets herausgefordert, sei wohl kein besonders guter Pädagoge, dafür aber ein herausragender, sensibler Künstler mit Visionen. Dem es nahe geht, wenn das, was ihm vorschwebt, nicht erreicht wird, der auch sehr direkt sein kann, mit einer gewissen Härte, die ihm manche nicht verzeihen können. Und wenn es darauf ankam, dann habe er auch schon mal einen Kritiker geohrfeigt, von dem er sich falsch beurteilt fühlte. Und mit viel Emotionalität einen Tänzer umarmt für eine wahrhaft gute eigene Choreografie.

Bemerkenswert ist sicher ebenso, dass Tom Schilling in seiner Arbeit stets auf die jeweilige Persönlichkeit der Tänzer geachtet hat. Er habe sie ermutigt, bestärkt, hinterfragt, kritisiert, sie an seinen Maßstäben gemessen, und sie alle verdanken ihm auch ihre Erfolge. Er war im gewissen Sinne hart in der Arbeit, ging nicht zimperlich mit den Tänzern um. Was aber zu akzeptieren gewesen sei, weil es ja immer um den Tanz ging. Und er sei stets gut vorbereitet in die Proben gekommen, habe auch lange Zeit noch am täglichen Training teilgenommen, stand dann mit allen gemeinsam an der Ballettstange. Zudem sei Schilling auch in seiner großen künstlerischen Vielseitigkeit außerordentlich inspirierend gewesen.

Schaut man sich dessen abenteuerliche Biografie an, wird deutlich, dass er wohl einer der jüngsten Choreografen der DDR war. Bereits mit 17 Jahren kam er vom Theater Dessau, wo er als Eleve seine ersten Erfahrungen mit dem Klassischen Ballett machte, kurz nach Kriegsende 1945 nach Dresden, um weiter mit Betty Merck zu arbeiten, die damals eine Gruppe von 20 Tänzerinnen zusammenbrachte – und er war der einzige Tänzer. „Ohne Bühnenerfahrung. Ein absoluter Anfänger.“

Im Mai 1946 ging er nach Leipzig an die Oper, hospitierte zuweilen auch bei Mary Wigman, erlebte 1947 ihre Inszenierung „Orpheus und Eurydike“. Und überhaupt hat ihn die Tanzmoderne interessiert, besuchte er in Dresden Dore Hoyer und 1952 Marianne Vogelsang in Berlin, hospitierte immer wieder bei Palucca. Speziell dann, als er 1956 nach drei Jahren als Ballettmeister am Deutschen Nationaltheater Weimar die Chefposition am Dresdner Staatsopernballett übernahm und zahlreiche eigene Choreografien herausbrachte. Darunter 1959 (zunächst auf der Freilichtbühne „Junge Garde“, dann im Schauspielhaus) die geradezu legendäre „Schwanensee“-Inszenierung. Sie blieb letztlich bis 1973 im Repertoire des Hauses. Fast schon tragisch ist, und alle haben es auch so empfunden, dass es für ihn nach Streitigkeiten mit der Intendanz ein „Aus“ in Dresden gab. Und als er schließlich sein Tanztheater an der Komischen Oper in Berlin aufbauen konnte, folgten ihm dann auch etliche Tänzer aus jener Stadt, die er „keinesfalls verlassen, in der er hätte bleiben und irgendwann auch sterben wollen“.

Herzlichen Glückwunsch aus Dresden, lieber Tom Schilling. Sie haben ja auch das Publikum bestens herausgefordert und absolut glücklich gemacht. Und um es auf den Punkt zu bringen: Wie gerne würden wir uns weitere Male Ihre „Wahlverwandtschaften“ oder die „Abendlichen Tänze“ anschauen. Das sind doch Klassiker, die man nicht einfach beiseite legen kann. Da müsste doch irgendwie etwas zu machen sein. So lange es Sie und die Tänzer gibt, die von Ihnen und mit Ihnen ganz genau wissen, worum es geht und worauf es ankommt.

Von Gabriele Gorgas

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