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10:30 10.12.2017
Europäischer Filmpreis: Ruben Östlunds The Square ist bester europäischer Film. Claes Bang wurde als bester Schauspieler ausgezeichnet. Quelle: imago/APP-Photo
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Berlin

Es war wie (fast) immer, wenn Cannes gegen die Berlinale antritt: Das momentan sowieso viel gescholtene Festival in der deutschen Hauptstadt zog den Kürzeren. Die schwedische Gesellschaftssatire „The Square“, Sieger im Mai in Cannes, räumte in großem Stil beim Europäischen Filmpreis ab. Die zarte ungarische Liebesgeschichte „Körper und Seele“, gefeierter Berlinale-Gewinner im Februar und ebenso als Favorit gehandelt, hatte das Nachsehen.

Jedenfalls kann man den Ausgang des Abends so sehen. Es gab aber noch Wichtigeres zu vermelden von der 30. Verleihung: Die Gala spiegelte den oft unterschätzten Reichtum des europäischen Kinos – und verteidigte die politischen und sozialen Werte, für die dieses Kino steht.

Keiner tat das überzeugender als Akademie-Präsident Wim Wenders: Er erinnerte an die Zeit vor mehr als drei Jahrzehnten, als ein Häuflein Kinomenschen in einem Berliner Hinterzimmer zusammen fand. Europa war noch durch den Eisernen Vorhang geteilt. Filmemacher seien als „Einzelgänger“ unterwegs gewesen, sagte Wenders. Inzwischen habe sich die Akademie mit mehr als 3200 Mitgliedern zu einer Solidargemeinschaft über alle Grenzen hinweg entwickelt.

Um so mehr bedauerte er, dass das „schon besiegt geglaubte Monster des Nationalismus“ in Ungarn, Polen, der Türkei, Tschechien und anderswo wieder sein Haupt erhebe. „Haben wir genug dagegen getan?“, fragte er am Sonnabend zweifelnd in die Runde. Er appellierte besonders an die jungen Filmemacher, nicht in Depressionen zu verfallen, sondern selbstbewusst in die Zukunft zu schauen. „Europa ist die Lösung, nicht das Problem“, so Wenders im Haus der Berliner Festspiele.

Wie schon im Vorjahr wurde an den in Sibirien vorgeblich wegen Terrorismus inhaftierten ukrainischen Regisseur Oleg Senzow erinnert – mit Unterstützung des chinesischen Künstlers Ai Weiwei im Publikum. Der Brite Stephen Frears mokierte sich über die Dummheit seiner Landsleute, die Europäische Union verlassen zu wollen. Der russische Regisseur Alexander Sokurow (“Russian Ark“), ausgezeichnet für sein Lebenswerk, erinnerte an die zunehmende Zahl von Drangsalierungen, denen Künstler ausgesetzt seien.

Deutsche Filmproduktion bekommt den Publikumspreis

Es entbehrte nicht der Ironie, dass die Akademie just jenen Beitrag triumphieren ließ, in dem unter einer dünnen zivilisatorischen Schicht egoistische Triebe hervorbrechen - wie es in Europa derzeit vielerorts zu beobachten ist. In Ruben Östlunds „The Square“, angesiedelt in der Stockholmer Kulturschickeria, wird ein Museumskurator mit wunderbarem Witz seiner Überheblichkeit beraubt. Dafür gab es den Preis für den besten Film, für die Regie, fürs Drehbuch (ebenfalls Östlund), für Hauptdarsteller Claes Bang und für die beste Komödie. Für die Schlachthaus-Liebe „Körper und Seele“ blieb die Auszeichnung für Hauptdarstellerin Alexandra Borbély, die schluchzend vor Glück ans Mikrofon trat. Die ebenfalls nominierte deutsche Darstellerin Paula Beer (“Frantz“) ging leer aus.

Aus deutscher Sicht war aber klar, dass es nicht so schön werden würde wie im Vorjahr, als Maren Ades Komödie „Toni Erdmann“ fünf Auszeichnungen einheimste – schon deshalb, weil gar kein deutscher Film in der Königskategorie nominiert war. Für Maria Schraders Drama „Vor der Morgenröte“ über Stefan Zweigs letzte Jahre im Exil blieb als Trost der Publikumspreis.

Fatih Akin hatte sein NSU-Drama „Aus dem Nichts“ gar nicht erst eingereicht. Er scheint sich ganz auf den Oscar konzentrieren zu wollen. Im Zweifelsfall zählt Hollywood wohl doch immer noch mehr als das gute, alte Europa. Anfang März könnte Akin im direkten Vergleich auf „The Square“ und „Körper und Seele“ treffen: Auch diese beiden Filme sind von ihren Ländern ins Oscar-Rennen geschickt worden.

Witzig wurde es in Berlin auch. Das war aber nicht das Verdienst des nervigen Moderators Comedian Thomas Hermanns, der vorrangig über sich selbst Scherze machte. Vielmehr nutzte die Französin Julie Delpy (“Before Sunrise“, „2 Jahre Paris“), geehrt für ihren Beitrag zum Weltkino, die Chance, mit einer privaten Tombola für die schwierige Finanzierung ihres nächsten Regieprojekts zu werben. Dem Sieger versprach sie ein Frühstück zu zweit mit ihr, zweifelte aber daran, ob dieser Preis tatsächlich die fehlenden 600.000 Euro wert sei. Bei so viel europäischem Zusammenhalt wie an diesem Abend schien aber vieles möglich.

Von Stefan Stosch/RND

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