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Kultur Weltweit „The Circle“ – Wollt ihr die totale Transparenz?
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00:00 06.09.2017
Der gläserne Mensch ist der bessere Mensch: Firmengründer Eamon Bailey (Tom Hanks, l.) mit Mae Holland (Emma Watson) und Tom Stenton (Patton Oswalt). Quelle: Foto: Universum
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Hannover

Ist das hier ein Unternehmen oder eine Sekte? Auf der Bühne steht ein jovialer Herr und gibt sich betont locker – dunkler Pullover, Jeans, Kaffeetasse mit Firmenlogo in der Hand. Sein Publikum johlt schon, bevor er nur den Mund aufmacht. „Fantasy-Friday“ ist heute in seinem Konzern, und das heißt, dass der Boss (Tom Hanks) wieder mal eine tolle Erfindung für seine Jünger, Pardon: Mitarbeiter, mitgebracht hat.

Tom Hanks’ Figur erinnert an den verstorbenen Apple-Chef Jobs

Kamerawinzlinge sind es dieses Mal, die wie kompakte Augäpfel ausschauen und sich unbemerkt auf öffentlichen Plätzen, in Firmen und auch Privatwohnungen, kurz: überall, anbringen lassen. Man stelle sich das nur mal vor: Von nun an bleibt kein Mord mehr ungefilmt, keine Vergewaltigung unbeobachtet und kein Unfall unbemerkt, schwärmt der Firmenchef und wirft lässig zwei oder drei Exemplare der technischen Sensation namens „SeeChange“ in die gierige Menge. Und diese skandiert bereitwillig: „Geheimnisse sind Lügen.“

Natürlich fühlt man sich sogleich an die in Guru-Pose auftretenden Unternehmer im Silicon Valley erinnert, zuerst an den inzwischen verstorbenen Apple-Chef Steve Jobs. Es ist noch nicht lange her, als ein neues Produkt wie das iPhone als Wunderwerk begrüßt wurde (bei der nunmehr achten Telefon-Generation hat sich der Hype doch ein wenig abgenutzt).

Ponsoldts schöne neue Welt ist fast schon Gegenwart

In „The Circle“ – so heißt sowohl dieser Film als auch der Konzern darin – kostet der bislang vorrangig als Fernsehregisseur beschäftigte James Ponsoldt den Wiedererkennungseffekt weidlich aus, beinahe bis zum Überdruss. Was hier als Dystopie verhandelt wird, so schreit es förmlich von der Leinwand, das ist beinahe schon Gegenwart. Vorlage für den Film ist der gleichnamige Bestseller des US-Schriftstellers Dave Eggers, der 2013 mit dem Allmachts- und Vernetzungswahn der IT-Branche abgerechnet hat.

Die junge Mae (Emma Watson) ist diejenige, die stellvertretend für uns alle dem Fluch des Digitalen begegnet. Zunächst empfindet die College-Absolventin diese schöne neue Welt aber noch als Segen, als sie vom hippen Konzern „The Circle“ als Kundenbetreuerin eingestellt wird: Von der Kinderkrippe über die Krankenversicherung bis zur coolen Party wird sieben Tage die Woche für die Angestellten gesorgt – umgekehrt aber auch enormer sozialer Druck aufgebaut: Alles soll im Netz gepostet, bewertet und mit anderen geteilt werden. Nur dann ist es von Bedeutung. Das kommt einem doch irgendwie sehr bekannt vor. „Privatsphäre ist Diebstahl“, heißt es hier.

Das Unternehmen selbst ist ein gewaltiger digitaler Krake, eine Kreuzung aus Google, Facebook, Twitter und Apple, der an der Durchleuchtung der Menschheit arbeitet und totales Machtstreben hinter Heilsversprechen verbirgt. „Die Regierungen brauchen uns mehr als wir die Regierungen“, heißt es. Krankheiten, den Hunger der Welt, Umweltzerstörung: Alles will der Superkonzern in den Griff kriegen. Ließen sich in einem nächsten Schritt nicht auch demokratische Mehrheitsentscheidungen per Mausklick ermitteln? Mit einer allgemeingültigen Internetidentität hat der Konzern seine Kunden schon ausgestattet. So ein Zufall.

Emma Watson wird von Followern verfolgt

Mae wird zum Vorzeige-Girl dieser digitalen Übermacht. Sie lässt sich eine Kamera an die Bluse heften und verkörpert fortan die vom Firmenboss eingeforderte Transparenz in höchster Perversion. Maes Privatsphäre – und auch die ihrer Familie – ist aufgehoben. Millionen Follower sind online, wenn sie ins Bett geht, und sie folgen ihr auch, wenn sie wieder aufsteht. Die Kontrolle über Mae ist total.

Die perfide Logik dahinter: Wer sich ständig beobachtet fühlt, wird zu einem besseren Menschen. Von so einem Zugriff aufs Individuum haben die verblichenen Diktatoren des 20. Jahrhunderts nicht einmal zu träumen gewagt.

So ziemlich alle Gefahren, die die digitale Revolution mit sich bringt, sind hier versammelt. Der Missbrauch ist jederzeit als solcher offenbar. Eine Volksvertreterin verpflichtet sich, sämtliche E-Mails offenzulegen. Eine globale Livestream-Menschenjagd wird mithilfe einer Gesichtserkennungs-Software veranstaltet.

Eine Dystopie, die holzschnittartig ausgefallen ist

Eine Dystopie ist dann am überzeugendsten, wenn man sie erst einmal gar nicht als solche erkennt. Auf den Leim geht man ihr dann, wenn sie nur Millimeter neben unserer Realität angesiedelt ist. Der diabolische Tom Hanks wird diesem Anspruch in seiner Rolle als charismatischer Firmenboss noch am ehesten gerecht. Emma Watson braucht viel zu lange, bis sie die offensichtliche totale Überwachung als solche begreift. Das, was schon Autor Eggers vorgeworfen wurde, gilt verschärft für den Film: Die Geschichte ist etwas holzschnittartig ausgefallen, die verführerische Dimension geht verloren.

Wenn man nach dem Kinobesuch auf der Heimfahrt in der Bahn sitzt und von Menschen umgeben ist, die allesamt auf ihre Handys starren (und irgendwann auch das eigene zückt), wird einem mulmig. So weit weg ist diese schöne neue Welt vermutlich nicht. Und dass den vermeintlichen Weltverbesserern im Silicon Valley der Aktienkurs des eigenen Unternehmens im Zweifelsfall das Wichtigste ist, glaubt man gern.

Von Stefan Stosch / RND

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