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Kultur Weltweit Sönke Wortmann und die Liebe zum Ruhrpott
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00:00 29.06.2017
Da ist sie ja, die Jugendliebe: Stefan (Lucas Gregorowicz) und Charlie (Anna Bederke), die nach vielen Erinnerungsschwärmereien doch noch am Tresen auftaucht. Quelle: Foto: X-Verleih
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Hannover

„Na ja, schön ist es ja hier wirklich nicht. Guck dich doch mal um: Keine Berge. Keine Seen. Keine Arbeit. Nicht mal Landschaft, wenn man es genau nimmt“. Mit diesen defizitären Worten beschreibt Toto (Nicholas Bodeaux) seine Heimat: das Ruhrgebiet.

Im Zechenarbeiterhäuschen steht die Zeit still

Neben ihm sitzt Stefan (Lucas Gregorowicz), der zur Beerdigung seines Vaters aus München zurück nach Bochum gekommen ist und eigentlich so schnell wie möglich wieder weg will. Frisch von der Bühne im Residenztheater ist er in Schiller’scher „Räuber“-Kostümierung zum Zug gehetzt, als ihn die Todesnachricht erreichte. In dem alten Zechenarbeiter-Häuschen, das sein Vater bewohnt hat, scheint die Zeit stehen geblieben zu sein: Der Stuhl, von dem der alte Mann gekippt ist, liegt noch auf dem Küchenboden, im Jugendzimmer hängen die Konzertplakate aus den Achtzigern und das geflieste Bad erstrahlt in Umbra-Tönen, die tatsächlich vor sehr langer Zeit einmal modern gewesen sind.

Drei, vier Tage gibt Stefan sich, um die Bestattungsangelegenheiten zu erledigen. Eine erzwungene Auszeit am Ort seiner Herkunft für den kriselnden Schauspieler, der auf eine TV-Serien-Engagement hofft, nachdem sein Vertrag am Theater nicht verlängert wurde. „Muss man dich kennen?“ wird er immer wieder gefragt, wenn die Rede auf seinen Beruf kommt und sich die Leute ob der Prominenz ihres Gegenübers unsicher sind. Muss man nicht und wenn das geklärt ist, wird der Rückkehrer wieder umstandslos ins Nachbarschafts- und Freundschaftsgefüge aufgenommen.

Wortmann ist selbst im Pott aufgewachsen

Mit „Sommerfest“ hat Sönke Wortmann einen Heimatfilm über das Ruhrgebiet gemacht. Gründlich lotet er dabei jenes Gefühl befremdlicher Vertrautheit aus, das einen überkommt, wenn man nach langer Abwesenheit an den Ort seiner Kindheit zurückkehrt. Wortmann ist selbst im Pott aufgewachsen. Der Vater war Bergmann. Auch wenn es sich bei „Sommerfest“ um eine Adaption des Romans von Frank Goosen handelt, spürt man hier in jeder Kinosekunde, dass der Filmemacher genau weiß, wovon er erzählt. Mit lakonischem Blick und einer sanft mäandernden Erzählweise nähert sich der Film der Region an, die einmal das industrielle Herz den Landes war. Heute hofft man zwischen Zechen-Museen und zerfallenden Arbeitersiedlungen auf einen zweiten Strukturwandel, nachdem Opel und Nokia ihre Zukunftsversprechen nicht einhalten konnten.

Aber Wortmann ergibt sich an keiner Stelle der Larmoyanz des Zerfalls, sondern entwickelt ein gutes Gespür für die Mentalität dieser Region, in der sich das proletarische Solidaritätsgefühl durch alle Krisenzeiten hindurch tief eingeschrieben hat. Ohne nostalgische Verklärungsmuster zeigt der Film die zwischenmenschlichen Qualitäten dieses ungewöhnlich gewöhnlichen Heimatortes, an dem die Menschen Kraftausdrücke wie Liebeserklärungen verwenden und eine kommunikative Zugänglichkeit kultiviert haben, die keine bundesweite Selbstverständlichkeit ist. Gleich zu Beginn lässt Wortmann eine knapp achtzigjährige Kneipenwirtin als Laiendarstellerin auftreten – ein echtes Original von unverstellter Redseligkeit, die den narrativen Ton setzt.

Gefühlszustand einer kriselnden Heimat

„Sommerfest“ wird komplett über kleine Alltäglichkeiten erzählt. Kein überkonstruierter Plot, sondern Erlebnisminiaturen, die zusammen ein Mosaik des Gefühlszustandes des kriselnden Protagonisten und seiner ebenfalls kriselnden Heimat bilden. Eine Liebesgeschichte gibt es auch noch. Charly (Anna Bederke) heißt sie. Eine Stunde lang wird immer wieder über sie geredet, bis die Jugendliebe plötzlich aus dem Nichts am Tresen auftaucht.

Natürlich ist diese Charly von schnörkellos patentem Wesen – wie das Ruhrgebiet, dem die ganze Liebe dieser entspannten Regional-Hommage gehört.

Von Martin Schwickert / RND

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