Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Kultur Weltweit Sibylle Lewitscharoff hält nichts von der Kreuzpflicht
Nachrichten Kultur Kultur Weltweit Sibylle Lewitscharoff hält nichts von der Kreuzpflicht
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:58 06.05.2018
Bibel statt Kreuz: Die Autorin in ihrer Wohnung in Berlin. Quelle: Robin R.

Frau Lewitscharoff, der Titel Ihres neuesten Buches lautet „Abraham trifft Ibrahîm. Streifzüge durch Bibel und Koran“. Welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten gibt es bei Abraham und Ibrahîm?

Es gibt jede Menge davon, das ist ja gerade das Interessante. Viele biblischen Figuren sind in den Koran eingewandert, allerdings in ganz anderer Form, da der Koran ja viel später entstanden ist. Ein Beispiel: Abraham hatte zwei Söhne. Während in der Bibel sein zweiter Sohn Isaak im Zentrum steht, geht es im Koran um Ismael, den Erstgeborenen.

Sie schreiben, dass Abraham dem Philosophen Kierkegaard eine schlaflose Nacht bereitet hat. Ist das historisch belegt?

Nein. Ich habe mir etwas gestalterische Freiheit erlaubt, weil die Bibeltexte hierzulande einigermaßen bekannt sind. Allerdings hat sich Kierkegaard tatsächlich intensiv mit der Opfergeschichte rund um Abraham und Isaak beschäftigt. Das hat mich dazu verführt, ihn in dieser Geschichte einzuführen.

Das Buch beginnt damit, wie Eva aus Adams Rippe geschnitten wird. Stört Sie diese Geschichte als Frau?

Nein, ich fühle mich nicht aus irgendeiner Rippe geschnitten. Diese uralten Stoffe aus heutiger Sicht antifeministisch zu deuten finde ich lächerlich. An der Geschichte halte ich etwas anderes für interessant: Eva ist die Fortschrittskönigin, weil sie neugierig war. Sie verführt den Menschen auf eine krasse Weise zum Denken. In dieser archaischen Figur steckt eine enorme Sprengkraft.

Eine weitere im Buch vorgestellte Figur ist der Teufel, im Koran Iblîs. Spielt der Glauben heutzutage in einer zunehmend säkularisierten Welt noch eine Rolle?

Nicht in klassischer Weise. Ich zumindest glaube ganz sicher nicht an ihn. Aber der Teufel ist als eine schillernde Figur in die Literatur eingetreten, von Goethes „Faust“ bis Thomas Mann. In der Literatur ist der Teufel im modernen Gewand auch in einer säkularisierten Gesellschaft brisant.

Sie sind Religionswissenschaftlerin und überzeugte Protestantin. Was sagen Sie zu der neuen Kreuzpflicht in bayrischen Behörden?

Mit Verlaub, das finde ich lächerlich. Dieser Zwang, das Kreuz unbedingt durchsetzen zu wollen, erscheint mir wie ein Kasperletheater. Jeder Mensch muss frei sein, sich völlig säkular zu verhalten. Ich finde ein anderes Thema viel wichtiger: Ich bin dafür, dass in der Schule wieder Bibelstudien betrieben werden – allerdings nicht unbedingt unter religiösen Gesichtspunkten. Die Bibel ist aber eine Quelle des Menschheitswissens. Wenn wir sie versiegen lassen, ist das eine Katastrophe in meinen Augen. Meine Sympathie für dieses Buch rührt von meiner Großmutter her. Sie war eine sehr liebenswerte Person, eine einfache Frau, die mir immer sehr schön aus der Bibel erzählt hat.

Derzeit hört man immer wieder den Satz: „Der Islam gehört zu Deutschland“ – oder eben nicht. Wie lautet Ihre Meinung dazu?

Es ist eine Tatsache, dass hier viele Menschen leben, die Muslime sind. Das kann man doch nicht negieren. Sie sollten sich aber auch mit unserer jüdisch-christlichen Tradition auseinandersetzen – und wir uns mit ihrer.

Ihr letzter Roman drehte sich um das „Pfingstwunder“. Wie weit inspiriert Religion Sie als Autorin?

Sehr. Ich bin eine Theologieleserin, diese Schriften sind ein Intelligenzfeuer für mich. Das hat nichts mit meinem Glauben zu tun, ich bin eher eine schüttere Christin. Aber mich interessiert diese Suchbewegung, an große Traditionen anzuknüpfen.

Dieser Tage wird in Deutschland über Antisemitismus diskutiert. Was sind Ihre Gedanken zu diesem Thema?

Die Übergriffe von Rechtsradikalen sind enorm, das sollte man nicht vergessen, wenn man über muslimischen Antisemitismus spricht. Mich bekümmert es zudem stark, dass rechte Ideologen sich zunehmend völlig ungeniert eines faschistischen Vokabulars bedienen. Dass das salonfähig geworden ist – auch unter Intellektuellen –, diese Menschenverachtung empört mich.

Sibylle Lewitscharoff und Najem Wali: Abraham trifft Ibrahîm. Streifzüge durch Bibel und Koran, Suhrkamp, 24 €

Zur Person

Sibylle Lewitscharoff (64) lebt in Berlin. Ihr jüngstes Buch hat sie gemeinsam mit dem irakisch-deutschen Autor Najem Wali geschrieben. Es erscheint am Montag im Suhrkamp-Verlag. Die Autorin wurde in Stuttgart als Tochter eines bulgarischen Vaters und einer deutschen Mutter geboren. Sie studierte Religionswissenschaften in Berlin. Für die Erzählung „Pong“ über einen Verrückten, der die Welt retten will, erhielt sie 1998 den Ingeborg-Bachmann-Preis. Der Roadmovie-Roman „Apostoloff“ wurde 2009 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. 2013 erhielt sie den Georg-Büchner-Preis. Eine Rede am Dresdener Staatsschauspiel, in der die Autorin 2014 die moderne Reproduktionsmedizin als „absolut widerwärtig“ geißelte, trug ihr viel Kritik ein.

Von Nina May/RND

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Bill Cosbys Verurteilung zieht nun auch in Hollywood Konsequenzen nach sich. Die Oscar-Akademie entzog dem Entertainer die Mitgliedschaft. Und auch Regisseur Roman Polanski ist nicht mehr als Teil der Schauspiel-Familie erwünscht.

03.05.2018

Der beliebte Moderator und Publizist Roger Willemsen starb 2016 an Krebs. Nun soll die „Villa Willemsen“ bei Hamburg Stipendiaten als Ort fürs Leben und Arbeiten dienen.

03.05.2018

Der Dresdner Musiker Tino Z veranstaltet am 4. Mai ab 20 Uhr eine Record Release Party im Cafe Neustadt. An dem Abend präsentiert Tino Z einige Songs aus seinem neuen Album „So gegen drei“. Der Eintritt ist frei.

03.05.2018