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Kultur Weltweit Salzburger Festspiele erfinden Mozart neu
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12:35 28.07.2017
Russell Thomas Marianne Crebassa in Wolfgang Amadeus Mozarts Oper „La Clemenza di Tito“. Quelle: dpa
Salzburg

Sie haben großzügig gekürzt, zusammengezogen und neu dazugefügt. Am Ende, so notiert es Wolfgang Amadeus Mozart in seinem handschriftlichen Werkverzeichnis, hätten er und sein Librettist Caterino Mazzolà die altmodische, oft gespielte Vorlage doch noch „zu einer richtigen Oper umgearbeitet“. Ganz ähnlich sind der Regisseur Peter Sellars und der Dirigent Teodor Currentzis bei ihrer Produktion von Mozarts so verbuchtem Bühnenwerk „La clemenza di Tito“ verfahren, das nun die Salzburger Festspiele eröffnet hat.

Auftakt bei den Salzburger Festspielen: Teodor Currentzis und Peters Sellars erfinden Mozarts vorletzte Oper „La clemenza die Tito“ neu.

Anders als im Schauspiel, wo die originalen Stücke fast immer verändert werden, gilt es in der Oper noch als Sakrileg, von der Vorlage der Partitur abzuweichen. Wenn Sellars und Currentzis genau das jetzt ausgiebig tun, können sie sich bei diesem Stück immerhin auf Mozart selbst berufen. Und auf der Resulat der heftig umjubelten Premiere: „La clemenza die Tito“, dieses eilig zwischen die „Zauberflöten“-Komposition eingeschobene Auftragswerk, das Mozart halb krank und mit Unterstützung eines Schülers in nur wenigen Tagen aufs Papier geworfen hat, erscheint in Salzburg als glanzvolles Musiktheater.

Tenor Russell Thomas klingt geschwächt

Regisseur Sellars versteht das Stück, das Mozart wenige Wochen vor seinem Tod 1791 für die Krönungsfeierlichkeiten von Kaiser Leopold II. in Prag schrieb, ausgerechnet als vorrevolutionäres Stimmungsbild. Darum macht er ernst mit der Gewalt in der Oper: Bei ihm stirbt der römische Kaiser Titus tatsächlich bei dem Anschlag, den dessen Freund Sesto verübt. Bei Mozart ist der Herrscher im zweiten Akt wie durch ein Wunder unversehrt, bei Sellars quält er sich im Intensivpflegebett und erliegt am Ende seinen Verletzungen.

Dass der amerikanische Tenor Russel Thomas in der Titelrolle manchmal entsprechend geschwächt klingt, gehört zu den sehr wenigen Schwächen einer musikalisch überragenden Produktion. Zu hören, wie die französische Mezzosopranistin Marianne Crebassa die Gefühlsverwirrung von Sesto wunderbar klar zum Klingen bringt, ist ein Ereignis für sich.Vor allem aber hebt Currentzis, der mit seinen Orchestermusikern und Choristen von Musicaeterna aus dem russischen Perm nach Salzburg gekommen ist, die Aufführung auf höchstes Niveau: So präzise, so lebendig, so energiegeladen, leuchtend und frei dürfte Mozarts Musik derzeit sonst nicht zu hören sein. Kein Zufall, dass der Klarinettist dieses Orchesters für seinen Duett-Auftritt mit Sesto gefeiert wird wie die Sängerin.

Zusammenspiel mit dem Chor ist sensationell

Scensationell ist auch das bis ins letzte Detail ausbalancierte Zusammenspiel mit dem Chor. Der hat im „Titus“ eigentlich wenig zu tun - und Teile der Jubelgesänge wurden sogar noch gestrichen. Dafür ist er in den hinzugefügen Passagen umso gefragter. Bei Sellars spielt die Trauer der Menschen, die auf der Bühne der Opfer des Anschlags mit einem Blumen- und Kerzenmeer gedenken, wie man es inzwischen aus Berlin, Paris, Brüssel und Nizza kennt, eine wichtige Rolle: Sie sorgt dafür, dass Gewalt nicht mit Gewalt beantwortet wird und die Stimmen der Andersdenkenden gehört werden können: Für den Regisseur ein schmerzhafter, neuralgischer Punkt auf dem Weg in die Demokratie. Die musikalische Entsprechung dieses Gedanken, den Sellars durchaus nachvollziehbar im Libretto der Oper aufgespürt hat, ist in der Partitur nur schwer zu finden. Darum haben Regisseur und Dirigent unter anderem Teile von Mozarts c-Moll-Messe in die Aufführung integriert. Wenn der zweite Akt, der den Morgen nach dem Anschlag schildert, auf diese Weise statt mit trockendem Rezitativ mit dem flehenden Kyrie aus der Messe beginnt, ist das der ergreifende Höhepunkt des Abends.

Die originalen Rezitative, deren Komposition Mozart einem Schüler überlassen hat, sind an diesem Abend ohnehin sehr stark gekürzt. Stattdessen hat Currentzis kleine Überleitungen eingefügt, die die Arien und eingefügten Chornummern stilsicher verbinden. Dass die nicht nur wie sonst üblich von einem Hammerklavier oder Cembalo gespielt werden, sondern von einer größeren Continuogruppe, zu der sogar Theorbe und Barockgitarre gehören, gibt der Musik den ganzen Abend über zusätzlichen Biss.

Die Inszenierung dagegen, die Chor und Sänger oft so plastisch bewegt und für das antike Rom so einleuchtende Bilder aus der europäischen Gegenwart gefunden hat, verliert sich zum Ende hin mit auf- und niederfahrenden, bunt beleuchteten Stelen (Bühne: George Tsypin) ein wenig im Dekorativen. Den starken Eindruck, den dieser „Titus“ macht, kann das aber nur noch wenig trüben. Eine richtige Oper, zweifelsohne.

Am 25. August dirigiert Teodor Currentzis eine konzertante Aufführung von „La clemenza di Tito“ beim Musikfest Bremen. Kartentelefon: (0421) 336699.

Von Stefan Arndt/RND

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