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Kultur Weltweit Rennen Sie gern gegen Windmühlen an, Terry Gilliam?
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22:02 14.09.2018
Anarchist hinter der Kamera: Terry Gilliam begann seine Karriere mit der Monty-Python-Truppe. Quelle: Maxppp
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Mr. Gilliam, haben Sie heute schon gegen Windmühlen gekämpft?

Irgendwelche Windmühlen gibt es immer, gegen die man anrennen kann. Mein Leben dreht sich nur noch um meinen Film „The Man Who Killed Don Quijote“. Gerade ist alles ein bisschen chaotisch, weil wir zuerst in Europa im Kino starten und noch nicht in den USA – dort gibt es immer noch juristische Scharmützel um die Rechte.

Sind Sie ein Regisseur, der Schwierigkeiten anzieht?

Sieht meine Filmografie danach aus? Das könnte aber auch daran liegen, dass Sie die unter schwierigeren Bedingungen entstandenen Filme für interessanter halten als jene, bei denen alles gut lief.

Mir fallen tatsächlich zuerst die Problemfilme ein – zum Beispiel „Das Kabinett des Doktor Parnassus“.

Der Tod von Heath Ledger mitten in den Dreharbeiten war tragisch. Aber wissen Sie, was dann zauberhaft war? Als Johnny Depp, Colin Farrell und Jude Law zur Rettung kamen, seine Rolle zu dritt übernahmen und damit bezeugten, wie sehr sie Heath liebten.

Dann waren da „Die Abenteuer des Baron Münchhausen“ ...

... das war produktionstechnisch wirklich ein Albtraum. Und dann ließ sich mein deutscher Produzent während der Dreharbeiten auch noch für den „Playboy“ fotografieren. Unglaublich!

Waren die „Brothers Grimm“ auch ein Albtraum?

Ja, aber aus einem anderen Grund: Dahinter standen die Weinstein-Brüder. Und die haben es verstanden, einem jeden Spaß beim Filmemachen zu nehmen. Sie wollten alle Entscheidungen treffen. Dabei war ich der Regisseur.

Haben Sie mal gezählt, welche Ihrer Listen länger ist: jene mit vollendeten oder jene mit unvollendeten Filmen?

Ach, wissen Sie, die meiste Zeit in meinem Leben habe ich sowieso zwischen Filmen verbracht – also damit, Geld für den jeweils nächsten aufzutreiben.

Was war das Schlimmste, was Ihnen bei Ihrem „Don Quijote“-Film in knapp drei Jahrzehnten passiert ist?

Was am Anfang schiefgelaufen ist, habe ich glücklicherweise vergessen – oder jedenfalls fast, zum Beispiel den Bandscheibenvorfall von Jean Rochefort im Jahr 2000, weshalb der Arme auf kein Pferd mehr kam und ausfiel. Wirklich schlimm war jener Tag 16 Jahre später, als unser portugiesischer Produzent Carlo Branco den Stecker zog: Das ganze Team war auf dem Weg zum Flughafen und musste umkehren. Branco hatte versagt, das Geld aufzutreiben. Er ist ein schlechter Verlierer – auch vor Gericht, bis heute.

Wie haben Sie in all der Zeit Ihren Humor behalten?

Mein Humor hat mich doch in dem ganzen Desaster aufrechtgehalten! Mag sein, dass mein Optimismus auch mit meiner Herkunft zusammenhängt: Von klein auf wird dir in den USA beigebracht, dass du alles schaffen kannst. Das Problem ist nur: So ist das Leben nicht. Da ist man froh, wenn man überlebt – und mit einem der Film.

Titelheld: Jonathan Pryce im neuen Don-Quijote-Film „The Man Who Killed Don Quixote Quelle: Verleih

Mit welcher Figur fühlen Sie sich enger verbunden: Don Quijote oder Sancho Panza?

Mit Sisyphos! Ich bin derjenige, der den Stein den Berg hinauf rollt, und der Stein rollt wieder runter. Vielleicht bin ich aber auch Don Quijote und Sancho Panza in einer Person: einerseits ein Träumer, andererseits pragmatisch. Als Regisseur muss man wohl beides zugleich sein.

Steckt in Ihrem Film eine gehörige Portion Monty Python?

Aber klar! Obwohl: Erinnern sie sich an die Szene mit den bärtigen Frauen? Alle rufen jetzt: Die ist aus dem “Leben des Brian“ abgekupfert! Dabei hat Miguel de Cervantes das genau so geschrieben. Monty Python hat also von Cervantes geklaut.

Hätte eine Truppe wie Monty Python heute noch Erfolg?

Kaum vorstellbar. Damals gab es in England genau drei Fernsehkanäle. Am Morgen nach der Show diskutierten alle über die besten oder die schlechtesten Gags, im Büro genau wie im Supermarkt. Diese Gespräche waren eine gesunde Art, sich zu verständigen. Heute läuft alles über soziale Medien, die Menschen verzetteln sich, sind abgelenkt.

Immerhin hat Monty Python sich vor vier Jahren noch mal erfolgreich für eine Bühnenshow zusammengetan.

Und wissen Sie, warum? Wir hatten einen Gerichtsprozess mit einem Produzenten von „Die Ritter der Kokosnuss“ geführt – und verloren. Wir brauchten dringend Geld, viel Geld. Deshalb die Show.

Oh. Haben die Einnahmen gereicht?

Danke, dass Sie fragen: Ja, hinterher waren wir die Schulden wieder los.

Können Menschen heute noch so wie damals über sich selbst lachen?

Wir leben in seltsamen Zeiten. Jeder hat Angst davor, jemanden zu beleidigen. Aber Witze beleidigen nun mal in der einen oder anderen Weise. Dabei ist das meiste nicht persönlich gemeint. Die Leute sollten sich schleunigst eine dickere Haut zulegen. So kommt man dauernd in Schwierigkeiten. Ich zumindest.

Wieso?

Kürzlich habe ich gesagt, dass ich von jetzt an eine schwarze, transsexuelle Lesbe bin und Loretta heiße. Muss man nicht lustig finden. Aber ich habe ein Recht, das zu sagen.

Entschuldigung, warum wollen Sie jetzt Loretta sein?

Weil eine Fernsehproduzentin gesagt hat, man könne heute keine Sendung mehr mit weißen Kerlen wie mit den Monty Pythons machen.

Schräge Truppe: Die Monty Pythons mit Terry Gilliam (ganz rechts im Bild). Quelle: kpa

Könnten Sie in einem Land leben, in dem ein gewisser Donald Trump Präsident ist?

Der Mann ist nur virtuelle Realität. Ich höre von ihm nur im Netz oder im Fernsehen. Den gibt es gar nicht. Ich glaube nur noch an Dinge, die ich fühlen und anfassen kann – meine Familie, mein Haus, mein Garten.

Und das klappt?

Natürlich nicht. Tatsächlich scheint jemand die Clowns losgelassen zu haben. Clowns regieren die Welt. Der Populismus hat überall Zulauf: Leute, die nicht nachdenken, kommen hervor und bereiten Ärger. Offensichtlich fühlen sich heute viele machtlos, sind frustriert. Konzerne entscheiden über den Lauf der Dinge, die EU ist eine abstrakte Angelegenheit. Die Leute ziehen sich ins Provinzielle zurück. Allerdings: Manchmal ergeben sich daraus gute Pointen.

Zum Beispiel?

Ich bin ausgerechnet in dem Jahr ganz und gar britischer Staatsbürger geworden, als eine Mehrheit der Briten für den Brexit gestimmt hat. Dabei war ich gerade stolz, zu hundert Prozent Europäer geworden zu sein.

Hilft es einem Regisseur eigentlich, wenn er so wie Sie Politikwissenschaft studiert hat?

Nicht unbedingt dabei, eine Kamera in der richtigen Ecke aufzustellen, aber “Brazil“ hätte ich ohne politisches Bewusstsein nicht drehen können.

Braucht die Welt mehr Don Quijotes?

Sie meinen jetzt aber nicht Donald Trump, oder? Er ist die schlimmstmögliche Version eines Don Quijote: begrenzt, narzisstisch, brutal. Der Mann träumt nur von sich selbst. Im Moment würde ich mir Regierungen wünschen, die alles Ideologische ablegen. Und Menschen, die Verantwortung für sich selbst übernehmen und nicht immer andere verantwortlich machen.

Wissen Sie schon, wie Sie Ihre Zeit verbringen werden, wenn der Wahnsinn um „Don Quijote“ vorüber ist?

Das wird bizarr. Ich wünsche mir das, aber dann befürchte ich sofort, dass mir gar nichts mehr bleibt. Vielleicht verschwinde ich ja zusammen mit meinem Don Quijote von diesem Planeten.

Liebt die Provokation: Terry Gilliam hat 30 Jahre lang an seinem Film “The Man Who Killed Don Quijote“ gearbeitet. Quelle: Julie Edwards/LFI/Avalon

Zur Person: Terry Gilliam

Monty Python, natürlich. Wer an den Filmemacher Terry Gilliam denkt, dem fällt sogleich die britische Spaßvogel-Truppe um John Cleese ein. Gilliam war als einziger Amerikaner, geboren 1940 im US-Bundesstaat Minnesota, dabei – und das schon als Gründungsmitglied. Anfangs inszenierte er die schrägen Animationsfilme zwischen den Sketchen in der legendären Fernsehserie “Monty Python’s Flying Circus“, übernahm aber bald auch die Co-Regie und stand als Schauspieler vor der Kamera.

Begonnen hatte Gilliam seine Karriere nach dem Studium der Politikwissenschaft in Los Angeles als Zeichner des Satire-Magazins “HELP!“. Dort lernte er einen Briten kennen, der ihm nach dem Umzug nach London eine Stelle bei der BBC verschaffte. Der Mann hieß John Cleese.

Der Siegeszug von Monty Pyton mit anarchischem, provokantem, gern auch sinnfreiem Humor begann – Pointen waren keinesfalls Pflicht. Die Zuschauer lachten trotzdem oder vielleicht auch gerade deshalb. So eine überschäumende Lust auf absurden Humor hatte die Welt noch nicht gesehen.

Wie das aber so bei erfolgreichen Showtruppen ist, ergriff Gilliam bald die Lust, sein eigenes Ding zu drehen. Das erste Resultat: “Jabberwocky“ (1977), eine Ritterfilm-Parodie mit einer tüchtigen Portion Sozialkritik, in der ein Monster sein Unwesen treibt. In dem Werk war schon vieles von dem versammelt, was Gilliams Filme später kennzeichnen sollte – vor allem sein Hang zum Fantastischen und Surrealen, gepaart mit einem entlarvenden Blick auf unsere Wirklichkeit.

Ein früher Höhepunkt war die Dystopie “Brazil“ (1985), in der Gilliam den Überwachungsstaat aus George Orwells “1984“ mit kafkaesken Albträumen verband und das Bild einer totalitären Gesellschaft zeichnete. In “König der Fischer“ (1991) transferierte er die Suche nach dem Heiligen Gral ins New York von heute (nach dem Gral hatten 1975 auch schon “Die Ritter der Kokosnuss“ gesucht). Besetzt war diese herzerwärmende Komödie mit Robin Williams und Jeff Bridges.

Einer von Gilliams größten Publikumserfolgen folgte mit “12 Monkeys“ (1995). Bruce Willis wurde als Sträfling auf Zeitreisen geschickt, um die Welt zu retten. In “Fear and Loathing in Las Vegas“ (1998) nach der Vorlage des legendären US-Autors Hunter S. Thompson begab sich Johnny Depp auf einen bizarren Drogentrip.

“Das Kabinett des Doktor Parnassus“ erlangte 2009 traurige Berühmtheit: Heath Ledger starb während der Dreharbeiten. Johnny Depp, Jude Law und Colin Farrell spielten Ledgers Part zu Ende. In “The Zero Theorem“ (2013), wiederum einer Dystopie, verschanzte sich Christopher Waltz als glatzköpfiger Computerfreak in einer Kapelle.

Wie wohl kaum ein anderer Regisseur muss Gilliam immer wieder um seine Filme kämpfen, egal ob er um Budgets streitet oder sich in Konflikte mit Produzenten verstrickt. Kein anderer Film aber bereitete ihm so viele Scherereien wie sein “Don Quijote“-Projekt: Beinahe drei Jahrzehnte hielt er an der Idee fest. Weder kranke Hauptdarsteller, Sintfluten in der Wüste noch endlose juristische Auseinandersetzungen um die Rechte konnten ihn stoppen.

Bei “The Man Who Killed Don Quijote“ handelt es sich in vielerlei Hinsicht um einen einzigartigen Fall: Mit “Lost in La Mancha“ gab es schon eine Dokumentation über die Entstehung des Films, bevor es den Film selbst gab. Jetzt hat Terry Gilliam sein Werk vollbracht: Bei den Filmfestspielen in Cannes erlebte es – nun mit Jonathan Pryce und Adam Driver in den Hauptrollen – die Premiere. Vom 27. September an treten Don Quijote und Sancho Panza im Kino den Kampf gegen Windmühlenflügel an.

Von Stefan Stosch

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