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Kultur Weltweit Regisseur Ulrich Rasche über das Berliner Theatertreffen
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18:16 02.05.2018
Das Theater Basel spielt Georg Büchners „Woyzeck" in der Inszenierung von Ulrich Rasche auf einer ständig rotierenden Drehscheibe. Quelle: Sandra Then
Berlin

„Jüngere Theaterregisseure mit eigenen, kraftvollen Handschrift machen sich auf den Weg. Die Generation der Ikonen wird derzeit abgelöst.“ Mit dieser Einschätzung stimmte gestern Daniel Richter, Interims-Leiter des Theatertreffens, auf den diesjährigen Jahrgang ein. Das Festival holt jedes Jahr im Mai die zehn bemerkenswertesten Theaterinszenierungen aus dem deutschsprachigen Raum in die deutsche Hauptstadt. Die Auswahl, getroffen von einer siebenköpfigen Jury, ist stets umstritten. Vorab wurden aber bereits alle 18 000 Karten für die Aufführungen zwischen dem 4. bis zum 21. Mai verkauft.

Als neuer Stern am Regie-Himmel gilt Ulrich Rasche, der allerdings auch schon 48 Jahre alt ist. Er sitzt in einer Loge im Haus der Festspiele, in der schon Erwin Piscator, der große Avantgardist der 1920er Jahre, unbemerkt das Bühnengeschehen verfolgt haben soll. Rasche, haarloser Schädel und schwarze Theaterklamotten, mokiert sich über die Nachwuchsförderung der Branche, die er nicht durchschaut. „Wenn man nicht gleich bei der ersten Inszenierung an einem Haus einen durchschlagenden Erfolg hat, ist man weg vom Fenster“, fasst er seine Erfahrungen zusammen. 2009 durfte er einmal an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz seine Auffassung von zeitgenössischem Sprechtheater umsetzen. Intendant Frank Castorf versprach ihm damals beim Schnitzel-Essen eine große Zukunft an seinem Haus, weil Rasche zur Ästhetik der Volksbühne passe. Doch dann hörte er nie wieder etwas vom großen Meister.

Castorf hat verboten, seinen Faust in der Volksbühne zu zeigen

Am Freitag eröffnet das Theatertreffen mit einem fast siebenstündigen „Faust“ von Castorf. Die Ikone verfügte, dass seine monumentale Abschieds-Inszenierung, mit der er seine 25-jährigen Intendanz krönte, nicht an seinem alten Haus stattfinden dürfe. Er wollte damit seinen Nachfolger, den mittlerweile zurückgetretenen Chris Dercon, ärgern. Etwa eine halbe Millionen Euro und 15 Tage Aufbauzeit waren nötig, um die Aufführung am Haus der Festspiele im Westteil der Stadt neu einzurichten. Die in Mecklenburg eingelagerten Kulissen wurden nach Berlin-Charlottenburg gebracht, wo der „Faust“ nun immerhin fünf Mal gezeigt wird. Normalerweise sind die eingeladenen Aufführungen nur zwei oder drei Mal zu sehen.

„Castorfs Volksbühne hat mir zum Schluss nichts mehr erzählt, obwohl ich René Pollesch für einen großen Regisseur halte“, sagt Rasche. Er hat sich auch fern der kultigen Regietheater-Schmiede durchgesetzt. Mit Schillers „Die Räuber“, die er am Residenztheater München herausbrachte, wurde er 2017 zum ersten Mal zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Doch die Aufführung ließ sich beim besten Willen nicht nach Berlin verpflanzen, allen Berliner Theatern fehlten dafür die bühnentechnischen Voraussetzungen. Rasche platzierte die Schauspieler auf riesigen Laufbändern, die wie Panzerketten rotieren.

Rasche stellt die Schauspieler auf eine Scheibe

Auch sein „Woyzeck“, den er am Theater Basel produziert hat und der ihm nun die zweite Nominierung zum Theatertreffen beschert hat, setzt auf eine technische Grundidee. Sie stellt die Figuren auf eine Scheibe, die von Anfang bis Ende in unterschiedlichen Neigungen und Geschwindigkeiten rotiert. Die Schauspieler kommen ins Schwitzen, wenn sie sich gegen die Fliehkräfte behaupten. Umso verblüffender ist es, dass Rasche als Regisseur eine Lanze für das gute, alte Sprechtheater brechen möchte.

Aus dem Text des Büchner-Stückes und der permanenten Bewegung leitet er eine eigens komponierte und live aufgeführte Musik ab. Sein Ziel ist es, eine eigene Kunstform mit hohem Wiedererkennungswert zu kreieren. „Ich werde in den nächsten Jahren immer bewegliche Elemente in meine Aufführungen integrieren“, versichert Rasche und sagt im Hinblick auf des Stück von Georg Büchner: „Es handelt von einer unabwendbaren Gewalt, die allen Verhältnissen innewohnt. Mein Woyzeck ist deshalb auch kein Schwächling, sondern ein starker, attraktiver Mann.“

Rasche hält nichts von platten Vergegenwärtigungen

Ulrich Rasche hält nichts von platten Vergegenwärtigungen. „Ich würde niemals einen Tambourmajor mit Bierflasche und Jogginghosen auf die Bühne stellen. Solche realistischen Schablonen verdecken, was sprachlich zu entdecken ist. Ich will nur reduzierte Figuren zeigen und den Text, damit der Assoziationsraum so groß wie möglich wird.“

Sich selbst bezeichnet Rasche als Schüler von Edith Clever, deren perfektionistische Spracharbeit er an der Schaubühne von 1998 bis 2000 als Regieassistent erlebt hat. „Wenn sie in die Proben kam, hatte sie jeden Text bereits mit Betonungs- und Pausenzeichen versehen.“ Auch Einar Schleef und sein chorisches Sprechen haben ihn maßgeblich inspiriert.

Frank Castorf kann bereits 15 Theatertreffen-Einladungen vorweisen, Rasche gerade einmal die zweite. Aber er ist froh über die beiden Ritterschläge. „Ich freue mich über die Nominierung und weiß, dass der Erfolg plötzlich vorbei sein kann. Die Arbeit ist mir wichtiger als das ganze Drumherum“, so Rasche.

Von Karim Saab

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