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Kultur Weltweit John Oates und die Liebe zu Arkansas
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09:01 26.02.2018
Ein Schelm, wer hier an Hitchcock denkt: John Oates, in den Baumwollfeldern an den Mississippiufern. Quelle: PhilipMurphy
Nashville

Keine echten Trommeln waren das damals. Nur eine vermaledeite Roland-Drummachine pluckerte stumpf den Beat und kündigte die plastikhaften Achtzigerjahre an. Aber das Duo aus Amerika kam sympathisch rüber, die Stimmen waren soulful, und sie sangen davon, völlig von Sinnen zu sein eines simplen Kusses wegen. Der Song „Kiss on my list“ etablierte Daryl Hall und John Oates aus Philadelphia auch bei uns als Lieferanten ohrgängiger und tanzbarer Popsongs.

„Private Eyes“, „Maneater“ und die Coverversion von Mike Oldfields „Family Man“ folgten. In Deutschland erlosch das Interesse Ende der Achtzigerjahre wieder, die USA blieben länger am Ball. Die bei uns ziemlich vergessenen Hall & Oates sind heute mit 34 Hits in den Billboard Hot 100 das erfolgreichste Duo der amerikanischen Rockära – erfolgreicher als Simon & Garfunkel und die Everly Brothers. Sie haben einen Stern auf dem Hollywood Walk of Fame und sind Mitglieder der Rock’n’Roll Hall of Fame.

Verliebt in die weiten Landschaften

John Oates, der Teil des Duos mit dem kräftigen Moustache und dem Chaplin-Wuschelkopf spielte bei Hall & Oates Gitarre und begnügte sich am Mikrofon meist mit Hintergrundgesängen. Seine Soloalben fanden hierzulande entsprechend kaum Beachtung. Mit dem dritten, „Mississippi Mile“, begab Oates sich 2011 in den EMI Studios von Nashville in die musikhistorischen Gefilde von Blues und Folk.

Das fünfte Album nun heißt „Arkansas“, eingespielt mit einer superben Formation mit dem hinterwäldlerischen Namen The Good Road Band. Was der Südstaat mit der fransigen Ostgrenze – dessen Namen die Hälfte der Deutschen „Ärkänsäss“ ausspricht statt richtig „Arkänsoah“ – mit dem gebürtigen New Yorker Oates zu tun hat?

Familie. Nach dem Zweiten Weltkrieg sei sein Onkel Tony ins dortige Fayetteville gezogen und nie mehr weggegangen, erklärte Oates dem „Billboard Magazine“. Der junge John besuchte ihn dort und verliebte sich schnell in die weiten Landschaften.

Ein Lied über den Mond auf den weißen Plantagen

Bei einem seiner letzten Besuche, als er nächtens in den endlosen Baumwollfeldern am Mississippi stand, war er überwältigt von der Schönheit dieses Americana-Augenblicks. Anderntags, zurück in Nashville, schrieb er den Titelsong „Arkansas“ über den Mond auf den weißen Plantagen, die Farmhäuser, die meilenweite Pläne. Ein Zug lässt seine Pfeife tönen, die Mandoline plinkert traut. Ein Liebeslied ans „Heartland“ – Americana in Sound.

Der Song ist stellvertretend für die zehn versammelten Stücke, die aus Eigenkompositionen und Traditionals bestehen. Stücken, die weit zurückreichen wie das munter gezupfte, plinkende und perlende „Anytime“ des Minstrelshow-Sängers Emmett Miller aus dem Jahr 1924, mit dem das Album beginnt. Oder Jimmie Rodgers‘ walzernder Ballade „Miss the Mississippi and You“ von 1932.

Ursprünglich war „Arkansas“ als Tribut an Mississippi John Hurt gedacht, den großen akustischen Gitarristen des Countryblues der Zwanzigerjahre. Aus dessen Repertoire hat Oates den muckeligen Ragtime „My Creole Belle“ ebenso übernommen wie den „Spike Driver Blues“ aus der Zeit kurz vor der großen Depression, die nicht nur Hurts musikalische Karriere beendete. Country, Bluegrass, Folk und Blues sind die Ingredienzen. Oates Stimme ist süß und trocken wie Staub auf Honig, flüstert, kratzt, schlittert und juchzt, und passt perfekt zu Sam Bushs trauter Mandoline, Russ Pahls maunzender Pedal Steel und Guthrie Trapps sanfter Fender Telecaster.

Ein Hauch von Sam Phillips’ Sun-Studio-Sound

Arkansas sei – so Oates - die letzte Musikstation im Süden, eine Welt voller Musik, Heimat von Johnny Cash und „Killer“ Jerry Lee Lewis, die trotzdem nie im Zentrum des allgemeinen Interesses stand wie etwa die heiligen amerikanischen Musikorte New Orleans oder Memphis. John Oates hat dieser Welt ein kleines Denkmal gesetzt.

Und in „Stack O’Lee“ – einem Song über einen üblen Kerl, der 1897 einen Mann erschoss – klingen sogar Spurenelemente des frühen Rock’n’Roll mit. Von Arkansas geht es nach Tennessee, in Sam Phillips‘ Sun-Studios. Dort hätte sich auch Oates zweiter Eigenbeitrag „Dig Back Deep“ gut gemacht - Rockabilly in ganz ganz langsam. Eingespielt wurde alles in der dritten großen Musikstadt des Südens, Oates‘ zweiter Heimat seit den Neunzigerjahren - Nashville.

Derzeit ist John Oates mit der Good Road Band unterwegs durch die Musikschuppen Amerikas. Es wird ein emsiges Jahr für ihn werden, denn Hall & Oates gibt’s auch noch. Vom 1. Mai bis 11. August geht’s durch die großen Arenen Amerikas. Mit beiden Formationen würde man ihn auch gern mal wieder in der alten Welt begrüßen. Noch stehen Livetermine aus.

John Oates and The Good Road Band: „Arkansas“ (Thirty Tigers)

Von Matthias Halbig / RND

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