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Kultur Weltweit Obama und der Horror
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06:08 04.05.2017
Freundlichkeit, die anstrengt: Chris (Daniel Kaluuya) im Kreise seiner angeheirateten Familie. Quelle: Justin Lubin
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Hannover

Es beginnt mit einem klassischen Horrorfilmprolog: Das zukünftige Opfer geht nachts allein durch ein ihm fremdes Wohngebiet. Ein Auto fährt langsam heran. Ein maskierter Mann springt heraus, narkotisiert das Opfer und verstaut den leblosen Körper im Kofferraum. Ungezählte Teenie-Slasher-Filme haben so ihren Anfang genommen, und doch ist in dieser Eröffnungssequenz einiges anders.

Das Opfer ist kein verängstigtes weißes Mädchen, sondern ein junger Afroamerikaner. Die Gegend ist kein heruntergekommenes Viertel, sondern eine idyllische Vorstadtsiedlung. Schon von den ersten Filmminuten an bekennt sich Jordan Peeles „Get Out“ zu den Gesetzen des Genres und ist gleichzeitig fest entschlossen, es mit eigenen Inhalten aufzuladen.

„Wissen sie, dass ich schwarz bin?“

Peele leitet den Film erst einmal in ruhigere Fahrwasser und stellt die Hauptfigur vor: Seit mehr als fünf Monaten ist Chris (Daniel Kaluuya) mit Rose (Allison Williams) liiert. Nun will Rose ihren neuen Lover den Eltern vorstellen. „Wissen sie, dass ich schwarz bin?“, fragt Chris. Das sei kein Problem, meint Rose. Ihr Vater würde Obama auch ein drittes Mal wählen. Die Eltern seien keine Rassisten. Und tatsächlich könnte die Begrüßung herzlicher kaum sein. Der Vater (Bradley Whitford) drückt den Schwiegersohnanwärter schulterklopfend an sich, führt ihn durch das geräumige Landhaus und betont schon bald, dass er Obama auch ein drittes Mal gewählt hätte.

Trotzdem fühlt sich Chris in dieser liberalen Vorzeigefamilie zunehmend unwohl. Die Freundlichkeit, die ihm entgegengebracht wird, wirkt angestrengt und erdrückend. Und dann sind da noch die schwarze Köchin Georgina und der Gärtner Walter, die mit einem gespenstisch servilen Dauerlächeln herumlaufen. Noch seltsamer wird es, als am nächsten Tag der komplette Freundeskreis zur Gartenparty anreist. Auch sie begegnen Chris mit vorgeschobener Offenheit und nehmen zugleich auf immer krudere Weise Bezug auf die Hautfarbe des Gastes.

Ein feines Netz von Mikro-Ressentiments verwebt Peele immer dichter. Präzise arbeitet er die latenten Rassismen der wohlhabenden, weißen Oberschicht heraus und verdichtet sie schließlich zu einem Horrorgemälde samt lustvoll blutigem Finale.

Afroamerikanisches Kino – mitten im Mainstream

Es scheint, dass erst zum Ende der Amtszeit von Obama der Geist dieser Ära auch in Hollywood durchgesickert ist. Der Oscar-Sieger „Moonlight“, Denzel Washingtons fulminantes Drama „Fences“, der Publikumsliebling „Hidden Figures“, das Sklavendrama „Birth of a Nation“ – vier überaus starke Filme, die auf unterschiedliche Weise afroamerikanische Geschichte und Lebensverhältnisse thematisieren, denen jedoch eines gemeinsam ist: die Souveränität, mit der sie sich im Mainstream-Kino verorten und ohne Anbiederungsorgien ein breites Publikum ansprechen und für sich gewinnen.

Hier reiht sich Peele nahtlos ein. Er entert selbstbewusst das Genre des Horrorfilms und inszeniert eine beißende Gesellschaftssatire. In den USA ist der Film kurz nach der Amtseinführung Donald Trumps in die Kinos gekommen und erscheint plötzlich als Zeitenwende-Film: „Get Out“ gründet auf der kulturellen Rückendeckung der Obama-Ära, gleichzeitig verweist der Film auf die intakten reaktionären Strukturen, die jederzeit unter der scheinbar fortschrittlichen Oberfläche wieder aufbrechen können.

Von Martin Schwickert / RND

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