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Kultur Weltweit Neuer Roman: Timur Vermes ist wieder da
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13:03 26.08.2018
Der Autor Timur Vermes arbeitete für mehrere Boulevardmedien, bevor er mit “Er ist wieder da“ einen Bestsellerroman schrieb. Sein neues Werk ist eine bitterböse Satire über ein Europa, das seine Grenzen dicht gemacht hat. Quelle: Cristopher Civitillo
Hannover

Vor sechs Jahren schien die Welt noch in Ordnung. Mesut Özil gehörte noch zur deutschen Nationalmannschaft, und die AfD gab es noch nicht. In diese Zeit fiel die Veröffentlichung eines Romans, der die Verführungskraft rechtspopulistischer Phrasen aufs Korn nahm. Auf dem Titel war nur die Silhouette eines schwarzen Scheitels zu sehen: “Er ist wieder da“.

Die Groteske um den in der Gegenwart aufwachenden Hitler, der zum Unterhaltungsstar avanciert, wurde zum Überraschungserfolg: Der Roman wurde in 43 Sprachen übersetzt und erreichte eine Gesamtauflage von drei Millionen. Heute, in Zeiten von Vogelschiss-Debatten, erscheint der Roman von Timur Vermes geradezu prophetisch.

Das wird man vielleicht auch einmal über den jüngsten Titel des 51-Jährigen sagen können: Schon der Titel “Die Hungrigen und die Satten“ klingt grundsätzlich, erinnert an Victor HugosLes Misérables“. Wie der französische Romancier rührt Vermes an die existenziellen Bedürfnisse des Menschen. Der satirische Gesellschaftsroman handelt von einem Europa, das die Grenzen dicht gemacht hat. Flüchtlinge drängen sich in einem Riesenlager in Nordafrika. Merkel ist weggeputscht worden.

“Meine Geschichte basiert auf den alltäglichen Nachrichten“

Während der vergangenen Monate hatte der Münchner den Eindruck, die CSU wolle sein Szenario noch schnell vor der Veröffentlichung Realität werden lassen. Der Autor stellt im Interview aber klar: “Das ist kein zufälliges Zusammentreffen von Fiktion und Politik, sondern zeigt, wie vorhersehbar die Ereignisse waren. Ich spiele nicht mit geheimen Infos, sondern meine Geschichte basiert auf den alltäglichen Nachrichten.“ In der Tat: Wer sich Videos von Anti-Merkel-Demos anschaut, begreift, wie wenig der Autor seine Fantasie spielen lassen musste.

Vermes erzählt, wie er 2015 gebannt vor dem Fernsehen saß und den Flüchtlingsstrom nach Europa beobachtete. “Das war ein Spannungsfeld der Gefühle. Ich kann diejenigen verstehen, die mit Plüschtieren auf die Flüchtlinge warteten. Aber dann gibt es eben auch viele Menschen, die jeden Flüchtling für einen zu viel halten.“

Im Zentrum der Geschichte steht das TV-Sternchen Nadeche Hackenbusch – der Autor hat eine Ader für klingende Namen. Diese Mischung aus Daniela Katzenberger und Margarethe Schreinemakers kümmert sich als “Engel im Elend“ um bedürftige Menschen. In einem Special soll sie der Quote zuliebe in ein Riesenflüchtlingscamp vor den Toren Europas reisen. Begleitet wird sie dabei von einer Journalistin der Frauenzeitschrift “Evangeline“.

Timur Vermes Bestsellerroman “Er ist wieder da“ wurde mit Franziska Wulf und Oliver Masucci verfilmt. Quelle: Constantin Film

Die blumigen Artikel (“Es ist die Geschichte einer starken Frau, die für ihre Liebe alles in die Waagschale wirft und damit die Herzen der Welt erobert“) sind im Roman eins zu eins abgedruckt und reduzieren das Leben im Flüchtlingscamp auf Romanzen und Pathos.

Vermes überspitzt den Boulevard-Duktus, den er selbst als Journalist etwa bei der “Abendzeitung“ und beim “Kölner Express“ erprobt hat. Auch als Autor für Frauenzeitschriften wie “Joy“ und “Brigitte Online“ hat er Erfahrung. “Viele halten die Evangeline für die ’Bunte‘, für die ich auch mal gearbeitet habe“, sagt Vermes. Aber in seine Beschreibung seien auch Erlebnisse mit anderen Medien eingeflossen.

Wie schon “Er ist wieder da“ ist Vermes’ neuer Roman eine bitterböse Satire. Das Genre biete viele Freiheiten, sagt Vermes. “Die Geschichte kommt zunächst leicht daher. Doch dann kann ich den Humor stufenlos von heiter zu bitter runterregeln“, meint er.

“Das Elend soll nicht erträglich, sondern sendefähig werden“

Auch die Medien spielen wieder eine große Rolle. Einst machte der in der Gegenwart aufgewachte Hitler als Komiker im Fernsehen Karriere, im aktuellen Buch werden Flüchtlinge in einer Castingshow fürs Unterhaltungsprogramm gecastet. Wer einen Bart trägt, fliegt gleich raus, weil der Zuschauer dann an Terroristen denken könnte.

Schließlich wird ein Afrikaner namens Lionel zum Gesicht der Sendung gekürt. Gemäß seinem Namen gibt er philosophisch-kryptische Weisheiten über Löwen und andere exotische Tiere von sich und passt so ins Bild der Europäer vom fremden Kontinent. Das kommt beim Publikum gut an.

Diese Mischung aus Dschungelcamp, “DSDS“, “Schöner Wohnen“ und der “Tagesschau“ ist eine zynische Abrechnung mit dem Genre Reality-Fernsehen. “Das Elend soll nicht erträglich, sondern sendefähig werden“, kommentiert der Autor. Indem sie mit Nadeche Hackenbusch ins Flüchtlingscamp reisen, nehmen die Medien Einfluss auf das Geschehen vor Ort.

Timur Vermes: Die Hungrigen und die Satten Quelle: Verlag

Der Autor verweist auf eine Initialzündung: Er verfolgte einst im Fernsehen, wie Flüchtlinge im griechischen Idomeni sich live vor der Kamera vor einem Zaun sammelten und den Natodraht runterzogen. Das war so ein Gänsehautmoment, wie ihn Vermes in seinem Roman beschreibt: Da machen sich 150 000 Flüchtlinge zu Fuß auf den Weg durch die Sahara, begleitet von Kamerateams. Bildschirmpräsenz als Lebensversicherung.

In der Familiengeschichte des Autors findet sich ebenfalls eine Fluchtgeschichte: Sein Vater floh im Alter von 28 Jahren nach dem Volksaufstand 1956 aus Ungarn, “weil er sich im Westen ein besseres Leben erhoffte“. Vermes war acht Jahre alt, als sein Vater starb, beim Schreiben seines Romans habe er nicht unbedingt an ihn gedacht, meint er. Aber die Geschichte des Vaters habe ihm ein Verständnis für das Bedürfnis vermittelt, an einem anderen Ort nach neuen Möglichkeiten zu suchen.

Eindringlicher als jede Moralpredigt

“Die Hungrigen und die Satten“ hat das Zeug dazu, der zentrale Roman zur Flüchtlingskrise zu werden. Der Autor redet einseitigen Integrationseuphorikern nicht nach dem Mund, verweist aber auf das Nebeneinander zwischen Konsumgesellschaft (die Satten) und Massenelend (die Hungrigen). Und das noch dazu auf unterhaltsame Weise. Wie schon in “Er ist wieder da“ wirkt das Unsagbare im Gewand einer Groteske im Stil von George Tabori hier eindringlicher als jede Moralpredigt.

In diesem Monat veröffentlicht Thilo Sarrazin sein neues Buch. Wenn dann wieder Hass die Kommentarspalten füllt, sollte man zu Vermes’ Buch greifen.

Von Nina May

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