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Kultur Weltweit Netflix lässt die Sau raus
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10:12 20.05.2017
Quelle: AP
Cannes

Wie haben sich bislang die Streamingdienste geschlagen, die Cannes in diesem Jahr aufmischen und deren Filme zu Beginn erst einmal halb im Ernst, halb im Spaß ausgebuht werden? Bei der ersten Vorstellung der Netflix-Produktion „Okja“ eskalierten die Protestrufe sogar. Aber das war keinesfalls dem Film geschuldet, sondern der Technik, die das falsche Format gewählt hatte. Bei Großaufnahmen fehlten die halben Köpfe der Darsteller. Da wären die Cinephilen in Cannes auch bei jedem anderen Film auf die Barrikaden gegangen. Nach einer kurzen Pause ging es dann im richtigen Format noch einmal los. Peinlich bloß, dass der Fauxpas ausgerechnet in diesem Fall passiert war.

Am Mittwoch wurden in Südfrankreich die 70. internationalen Filmfestspiele von Cannes eröffnet. Auf dem roten Teppich präsentierten sich die Stars in bezaubernden Roben.

Sowohl Amazon als auch Netflix brachten kurioserweise Filme mit Kindern in den Hauptrollen mit. Doch während „Wonderstruck“ (Amazon) tatsächlich auf die ganze Familie abzielte und ein leicht süßliches Aroma hinterließ, verbarg sich hinter „Okja“ (Netflix) eine knallbunte Attacke auf unsere Konsumgepflogenheiten.

Dabei bietet „Okja“ von Regisseur Bong Joon Ho (, „The Host“, „Snowpiercer“) einen kindgerechten Einstieg: Das Mädchen Mija tollt mit einem Schwein so groß wie ein Nilpferd in den südkoreanischen Bergen herum. Das hat Mogli auch nicht viel anders mit dem Bären Balu im Dschungel getan. Bald aber wird die Sau namens Okja von einem globalen Nahrungsmittelkonzern einkassiert und nach New York verfrachtet (dorthin wurden ja schon viele große Viecher entführt, zum Beispiel King Kong). Okja ist ein Vorzeige-Schwein, der Prototyp einer Riesenrasse, die den Hunger der Welt stillen soll. Mija macht sich auf, um ihren massigen Spielgefährten zu retten. Das kindliche Abenteuer entwickelt sich zu einem wilden Trip, der auf unseren Appetit abzielt.

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Fundamentalistische Tierschutzaktivisten (angeführt vom sanft lächelnden Paul Dano) kochen ihr eigenes Süppchen, ein Veterinär auf Drogen (auf Drogen: Jake Gyllenhaal) lässt sich als Werbegesicht kaufen, und die Konzernchefin (eine herrlich überdrehte Tilda Swinton) verfolgt eiskalte Profitinteressen hinter ihrer zahnspangenbewehrten Öko-Maske. Der südkoreanische Regisseur bringt es tatsächlich fertig, uns in einem Unterhaltungsfilm in ein Schlachthaus mitzunehmen und zwischen ausblutenden (Computer-)Schweinehälften eine Art Happy End zu inszenieren. Danach beißt man erst mal nicht mehr unbelastet in eine Wurst. Und wie lautet die zynische Moral von der Geschichte, geäußert von der neuen Konzernspitze: „So lange das Fleisch billig ist, kaufen es die Leute auch.“ Da könnte was dran sein.

Cannes steht am Scheideweg

Auch „Wonderstruck“ führt nach New York. Todd Haynes, zuletzt in Cannes für das edle Drama „Carol“ gefeiert, hat Brian Selznicks Roman verfilmt, der auch schon für Martin Scorseses „Hugo Cabret“ die Vorlage lieferte. Und wie bei Scorsese regiert auch hier die detailverliebte Ausstattung über alles. Gleich zwei wunderbare New Yorks entwirft der US-Regisseur Haynes: das eine davon im Stummfilm-Ambiente in Schwarzweiß und ohne Dialoge, das andere mit Musik von David Bowie.

Zwei Kinder, beide gehörlos, sind zu Hause ausgerissen und unterwegs in den Big Apple: Ein Mädchen sucht in den Zwanzigern seine Mutter, ein Junge in den Siebzigern seinen Vater. Die beiden Parallelhandlungen werden kunstvoll immer enger in einem vollgestopften Museum zusammengeführt, bis endlich die familiäre Klammer zuschnappt (mit Hilfe von Julianne Moore). Dann dürfen große und kleine Menschen glücklich in die Sterne gucken und ein wenig schluchzen.

Zumindest für Netflix könnte dies der erste und letzte Cannes-Auftritt gewesen sein: Der Streamingdienst will seine Eigenproduktionen in Frankreich keinesfalls auf der großen Leinwand zeigen, sondern zuerst seinen Abonnenten zur Verfügung stellen – was schließlich das Geschäftsmodell ausmacht. So eine Entscheidung will die Festivalleitung im nächsten Jahr niemandem mehr durchgehen lassen - schließlich bildet hier die große Leinwand die Geschäftsgrundlage.

Cannes steht in einer sich rasant verändernden Medienlandschaft an einem Scheideweg. Die eine Frage lautet nun, ob sich der Festivaltanker am französischen Mittelmeer der Welle entgegenstellen kann. Und die andere, ob das Riesenschwein Okja überhaupt auf einen Computerbildschirm passt. „Okja“ ist ganz klar ein Film, den man nur im Kino richtig genießen kann. Für 2017 muss man deshalb sagen: Schön, dass Netflix die Sau rausgelassen hat.

Von Stefan Stosch/RND

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