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Kultur Weltweit „Reise durch die Geschichte des 20. Jahrhunderts“
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16:40 28.01.2018
Navid Kermani Quelle: dpa

Herr Kermani, Sie sind von Köln nach Isfahan gereist, von Ihrer Stadt in die Stadt Ihrer Eltern. Was haben Sie auf dieser Reise gesucht?

Ich habe keine feste Vorstellung gehabt, wollte einfach schauen, was passiert. Der Osten Europas war ein für mich weitgehend unbekanntes Territorium. Meine Generation ist in der Bundesrepublik nach Westen orientiert aufgewachsen. Frankreich, Amerika, sogar der Orient lagen uns näher als der Osten des eigenen Landes, geschweige denn Polen und Russland. Ich wollte die Gegenwart dort kennenlernen – und wie diese Gegenwart entstanden ist. So war es auch eine Reise durch die Geschichte des 20. Jahrhunderts.

War Ihnen diese Geschichte bewusst, als Sie aufgebrochen sind, oder ist sie Ihnen widerfahren?

Beides. Man guckt ja vorher auf die Landkarte und kommt eben nicht an Auschwitz vorbei. Auch nicht an den Schlachtfeldern in Weißrussland oder in Bergkarabach. Es war ja keine spontane Reise, ich habe mich auf jede einzelne Station vorbereitet. Aber man muss auch offen sein für das, was sich ergibt. Zum Beispiel bin ich in Weißrussland viel länger geblieben, als ich geplant hatte. Einfach, weil mich das Land so überrascht hat. Weil es soviel enthält, was uns nicht bekannt ist. Alle Schrecken des 20. Jahrhundert bis hin zur Nuklearkatastrophe scheinen dort gebündelt zu sein, das Land ist wie einziges Kriegsdenkmal.

Sie sind vier Mal aufgebrochen und haben die Reisen zum Ablauf von 54 Tagen verdichtet …

Ja, die Reisen haben im Laufe eines Jahres stattgefunden. Ich wollte im Buch aber diese Chronologie herstellen, den Fluss des Unterwegsseins zeigen und wie die Länder ineinanderfließen.

Das Buch heißt „Entlang den Gräben“, die sich als eine lange Reihe historischer und gegenwärtiger Kriegsschauplätze darstellen. War Ihnen diese Gewalttätigkeit bewusst?

Nicht in diesem Ausmaß und dieser Allgegenwärtigkeit. Die Traumata der Kriege, der Gewaltherrschaften, des Völkermordes sind dort keine Lektüren, sondern sehr konkret. Das merkt man, wenn man mit den Menschen spricht und es aus ihnen herausbricht. Manchmal auf eine einfache Frage, deren Brisanz einem gar nicht bewusst war.

Sie sind hauptsächlich auf dem Landweg gereist?

Ja, das war wichtig. Nur dadurch bekommt man ein Gefühl für den Raum, für die Weite der eurasischen Steppe oder die Enge, die Völkerdichte im Kaukasus. Die Vernichtung der Juden, die Entvölkerung ganzer Landstriche durch Wehrmacht und SS, das alles ist im Osten Europas passiert. In Deutschland haben wir Stolpersteine, die an die ermordeten Juden erinnern – wenn man das in Vilnius oder Kaunas ins Pflaster legen würde, wäre die halbe Stadt golden. Weil ein Drittel der Bevölkerung jüdisch war.

Der Osten hinter dem Eisernen Vorhang ist nach Ende des Zweiten Weltkrieges aus dem Blick gerückt.

Natürlich war die Westbindung nach dem Krieg durch Adenauer klug. Sie hat der Bundesrepublik Wohlstand beschert und Sicherheit, aber auch dafür gesorgt, dass die wirkliche Barbarei des Zweiten Weltkriegs aus dem topografischen Bewusstsein verschwunden ist. Hierzulande geht man nicht durch Städte, in denen die Hälfte der Bevölkerung ausgelöscht wurde. Oder vertrieben. Das beginnt in Breslau, eine Stadt, in der 100 Prozent der Menschen einen Migrationshintergrund haben. Da hat ein regelrechter Bevölkerungsaustausch stattgefunden. Und das gilt ja auch für die Deutschen. Ich bin aufgewachsen mit den Vertriebenen, über die man in Folge der 68er verschämt geschwiegen hat. Aber auch da gibt es Traumata und Schmerz, und den muss man wahrnehmen.

In Auschwitz, schreiben Sie, wie Sie über den Aufkleber „deutsch“ auf der Brust eine unverhoffte, auch zweifelhafte Zugehörigkeit erfahren ...

Zugehörigkeit ist ja nicht per se etwas Positives. Es ist auch viel Last dabei, zu den Deutschen zu gehören. Natürlich ist es bequem, in Deutschland fremd zu bleiben. Man bekommt Sozialleistungen, Krankenversicherung und so weiter. Und das Unangenehme wie diese Schuld kann man aussparen. Zugehörigkeit ist also auch etwas sehr Heikles.

In Jalta wurden Sie später von Krimdeutschen zu Ihren „Landsleuten“ eingeladen. Auch das ein irritierendes Erlebnis. War die Reise für Sie selbst auch so etwas wie eine Identitätssuche?

Es war keine Suche, es hat sich einfach so ergeben. Und auf der Krim fand ich mich plötzlich eingemeindet bei den Krimdeutschen – einfach durch die gemeinsame Sprache, die gemeinsame und von ihnen geliebte, ersehnte Kultur, als deren Vertreter sie mich wahrnahmen - obwohl ich so ganz anders aussehe, viel weniger deutsch als sie. Es war ganz selbstverständlich, dass wir zusammengehörten. Es war eine sehr schöne Erfahrung, dass man durch die Sprache 2000 oder 3000 Kilometer von Köln entfernt Zugehörigkeit zu Menschen hat, die vor einem ganz anderen Hintergrund leben. Die Literatur, der Klang der Sprache wirken da identitätsstiftender als Herkunft, Rasse oder so ein Mist.

Sie, beziehungsweise der Spiegel, für den Sie berichtet haben, haben natürlich im Vorfeld auch Treffen arrangiert, etwa mit dem polnischen Intellektuellen Adam Michnik.

Das muss man auch, damit kann ich ja nicht erst vor Ort anfangen. Die Offenheit kann erst entstehen, wenn man weiß, was da sein könnte. Nebenbei zeigt so eine Unternehmung aber auch, weshalb man Institutionen wie den Spiegel oder die öffentlich-rechtlichen Anstalten braucht. Das ist ein immenser journalistischer Aufwand von der Kontaktaufnahme bis zum Fakten-Check. Und es wäre ein großer Verlust für die Öffentlichkeit, wenn das nicht mehr möglich wäre und sich jeder seine eigene Meinung baut. Wie aufwendig das ist, die Welt zu begreifen, der Wirklichkeit auf die Spur zu kommen, kann sich keiner vorstellen, der zu Hause bloggt.

„Eine Reise durch das östliche Europa bis nach Isfahan“ – das impliziert, dass Europa viel weiter reicht, als wir denken. Und wenn sie etwa das Völkergemisch auf der Krim beschreiben, die iranischen Einflüsse entdecken, spürt man, dass die Verbindungen zum Teil sehr alt sind.

Ja, es war seltsam, in Eriwan zu stehen und zu fragen, wie man dort zu Europa steht. Natürlich gehört die Stadt, gehört Armenien zu Europa.

Warum?

Der Krieg dort und in der Ostukraine, das sind europäische Kriege. Ebenso wie die Annexion der Krim. Europa besteht nicht allein aus der EU.

Was verbindet die Krim und Armenien mit Europa? Was macht Europa in Ihren Augen aus?

Dort herrschen Konfliktlagen, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion entstanden sind. Man beklagt sich hier oft, Rumänien und Bulgarien hätte man gar nicht aufnehmen sollen. Aber was wäre passiert, wenn man es nicht getan hätte? Womöglich wären die Kriege noch näher gerückt. Man vergisst oft, was es kosten würde, wenn man sie nicht aufnähme. Und Europa bietet im Sinne einer Staatengemeinschaft ein Lösung, die für den Westen wunderbar funktioniert hat: Weil sie die Unterschiede der Länder bestehen lässt und sogar feiert, aber sie politisch entschärft. Das wäre für die Melting Pots des Ostens, in denen die Völker so eng miteinander leben, durchaus sinnvoll.

Wie hat sich Ihr Europabild auf diesem Weg von Westen in den Orient verändert?

Europa hat sich als viel größer erwiesen, als mir vorher bewusst war. Die eigentliche Mitte liegt nicht in Brüssel, Berlin oder Paris, sie verläuft durch die Bloodlands im Osten, der eigentlich Zentraleuropa ist. Und man muss ernst nehmen, was dort an Entwicklungen, Forderungen und Wahrnehmungen stattfindet. Auch in seiner Ambivalenz.

Sie ziehen die kulturellen Verbindungen bis in den Iran

Die Übergänge werden sichtbar, wenn man auf dem Landweg reist. Die Grenze beginnt schon lange vor der Grenze. Man greift etwa über den Kaukasus nach Tiflis in Georgien; und plötzlich fällt einem die iranische Architektur auf. Genauso wie deutsche Kultur auffällt weit über Deutschland hinaus, weil große deutsche Minderheiten seit Katharina der Großen in diesen Ländern gelebt haben. Und wie die Kulturen da fließend ineinander übergehen, das ist etwas sehr Faszinierendes. Das wird nicht erkennbar, wenn man von Flughafen zu Flughafen springt.

Zur Person

Navid Kermani (Jahrgang 1967) ist Schriftsteller, Orientalist, Friedenpreisträger des deutschen Buchhandels und überzeugter Kölner. Für den „Spiegel“ hat er sich aufgemacht quer durch das östliche Europa über das Schwarze Meer bis nach Isfahan. In seinem Reisetagebuch Entlang den Gräben entdeckt er die weitreichenden Folgen zweier Weltkriege und ein Europa, das weiter ist als gedacht. Ein Gespräch über Osteuropa, Offenheit und Heimat.

Sie gehören zu den deutlich politischen Stimmen unter den Schriftstellern in Deutschland. Ist das eine Last oder eine Herausforderung? Und steht sich beides manchmal im Wege?

Ich nehme das nicht so wahr. Ich mache meine Arbeit – und mir nicht so viele Gedanken, was das politisch bedeutet. Wenn mich etwas politisch macht, dann, dass mich die Wirklichkeit interessiert. Mich fasziniert es, in fremde Regionen, zu Kriegsschauplätzen zu reisen. Ich bin keiner, der die große Analyse geben kann über den Irakkrieg oder die Krim. Ich bin jemand, der einfach da hinfahren und beobachten will, was passiert.

War es auch ein Weg von Heimat zu Heimat für Sie?

Natürlich, ich habe zu beiden Städten eine starke Verbindung. Beide liegen am Fluss. Ob das Heimat ist? Heimat hat für mich nichts mit Nation zu tun, sondern mit meiner unmittelbaren Lebenswirklichkeit. Die Freunde, die Sprache, was mich jeden Tag beschäftigt. Und das ist so organisch wie Luft, man kann es nicht festhalten. Köln und Isfahan sind aber auf jeden Fall Orte, an denen ich zu Hause bin. Und dazwischen liegen Welten, die ich nicht kenne. Diesen Weg zu machen, das war auch ein Auslöser für die Reise.

Von Ruth Bender/RND

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