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Kultur Weltweit Monika Maron polarisiert mit einem Roman über Krieg in den Köpfen
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13:05 23.02.2018
Die Schriftstellerin Monika Maron (76). Quelle: dpa
Leipzig

Mina Wolf steigt aus. Aus dem Tag-Nacht-Rhythmus und aus dem Einverständnis mit der Welt. Auslöser ist eine „von Amts wegen“ verrückte Nachbarin, die nicht müde wird, von ihrem Balkon Arien zu schmettern – und zwar so laut wie falsch. Damit tyrannisiert sie das halbe Viertel und provoziert einen Nachbarschaftsstreit, der in Gewalt endet. Doch die eigentliche Tyrannei geht für Mina von den Zumutungen der Gegenwart aus, einer gefühlten Bedrohung angesichts der Unübersichtlichkeit politischer Vorgänge.

Mina zelebriert ihr Alleinsein und hält sich raus. Sie arbeitet an einem Auftrags-Text über den Dreißigjährigen Krieg. Rat und Schutz, im Grunde Gewissheiten sucht sie bei einer einbeinigen Krähe namens Munin. „Munin oder Chaos im Kopf“ heißt der neue Roman der Schriftstellerin Monika Maron (76).

Sie zeichnete mit Büchern wie „Flugasche“ (1981), „Stille Zeile Sechs“ (1991) und „Bitterfelder Bogen“ (2009) gesellschaftliche Umstände nach und hatte sich zuletzt mit „Zwischenspiel“ (2013) dem Erinnern wie dem Religiösen gewidmet, durchaus mit einem Auge auf dem Metaphysischen. Dies kommt zusammen in einer Geschichte zur Stimmungslage der Nation, die die Ängste jener spiegelt, die sich selbst „besorgte Bürger“ nennen.

Angst vor dem Islam

Mit diesem Hintergrundraunen bestätigt Monika Maron eine Etikettierung: „Denn eigentlich gehöre ich zu denen, die neuerdings als rechts bezeichnet werden“, schrieb sie im Sommer 2017 in der „Neuen Zürcher Zeitung“. Und: „Links bin ich schon lange nicht mehr. Ich dachte immer, ich sei liberal, aber im Fernsehen und in der Zeitung sagen sie, ich sei rechts.“ Sie schrieb damals auch, dass sie „vor dem Islam wirklich Angst“ habe.

Revier markieren mit der Deutschlandfahne als Akt einer patriotischen Aufwallung. In Monika Marons neuem Roman beginnt so ein „Stellvertreterkrieg der Unzufriedenen“. Quelle: dpa

Was das betrifft, gibt sich die Autorin in der Figur ihrer Ich-Erzählerin zu erkennen, wenn sie Mina bemerken lässt, wie sich „die Religion wieder in unser alltägliches Leben zuerst geschlichen und dann darin breitgemacht hatte, seit in ihrem Namen wieder Krieg geführt wurde, nicht nur auf ihren angestammten Territorien im Irak oder in Syrien, sondern bei uns, auf unseren Straßen und Plätzen, seit uns unverhohlen unsere Eroberung angekündigt wurde, mit Waffen und Geburtenraten.“ An anderer Stelle ist von den „abweisenden Gesichtern der kopftuchtragenden Frauen“ die Rede. Kennworte von Rechtspopulisten unter dem Mantel der Angst.

Monika Maron: Munin oder Chaos im Kopf. Roman. S. Fischer; 224 Seiten, 20 Euro Quelle: Verlag

Mina vergleicht die Schlagzeilen von heute mit den Berichten vom Dreißigjährigen Krieg. „Aus evolutionärer Sicht bedeuten vierhundert Jahre eben nichts.“ Die Vorkriegszeit im 17. Jahrhundert stellt sich für sie „bei unscharfer Betrachtung als grobe Vorlage für die Gegenwart dar“ und lässt sich „in Begriffen beschreiben“, die sie „täglich in den Zeitungen lesen“ kann. Sie hegt einen Unmut gegen den inflationären Gebrauch des Wortes „Respekt“, denn „jeder Klein- oder Großkriminelle berief sich auf mangelnden Respekt, wenn er erklären sollte, warum er sein Messer in eine fremde Brust gestoßen hatte“.

Sie pflegt auch einen Groll gegen den „Irrsinn genderspezifischer Sprachverhunzung“: „Heraus kam eine Sprache, die nicht gesprochen werden konnte, schon gar nicht geschrieben, die nicht einmal für Amtsblätter taugte, die nur den Irren diente, die sie gebrauchten, um einen Krieg zu führen gegen das generische Maskulinum. Um was zu gewinnen? Das In.“

„Patriotischer Aufwallungen“

Mina ist vom Tag in die Nacht gewechselt, um der Balkon-Sängerin zu entkommen. Tags schläft sie, nachts recherchiert sie in den Büchern von Cicely Veronica Wedgwood, Peter Hagendorf und Annette von Droste-Hülshoff über jenen alten Krieg. Das hält sie eine Weile fern von näher liegenden Scharmützeln, den „Stellvertreterkriegen der Unzufriedenen“, deren Frontlinie sich in Minas stiller Straße zwischen Neubaublock und Altbauten abzuzeichnen beginnt.

Sie beobachtet Versammlungen, auf denen sich Protest gegen die Sängerin formieren soll, aber andere Konflikte aufbrechen. Über Nacht hängen Deutschlandfahnen aus den Fenstern: Erst wird das Revier markiert, dann verteidigt. Ressentiments und Ängste vieler kulminieren in der Figur eines Taxifahrers und dessen „patriotischer Aufwallung“. Er macht das Diffuse zum Argument: „So sieht’s doch aus.“

„Bevor ein großer Krieg endgültig ausbricht, hat er als Wissen, wenigstens als Ahnung um seine Unvermeidlichkeit von dem Volk schon Besitz ergriffen“, schreibt Maron und zeichnet nach, wie aus Unmut und Groll, aus Ratlosigkeit und Furcht verbale und reale Gewalt wird. Sie lotet das nicht aus, sondern ordnet es Personen zu.

Das Paradies ist Erinnerung

Minas Freunde kümmern sich um ihre eigenen Träume oder Hunde in Bukarest, ernsthafte Gegenspielerin wird Munin, die „gewöhnliche Berliner Nebelkrähe“. Sie legitimiert die Selbstgespräche über Gott und Wünsche. Um etwas über Krähen zu erfahren, zieht sie ein Buch zu Rate, bei dem es sich um Marons Erzählung „Krähengekrächz“ (2016) handelt. Und wie darin „für mein nächstes Buch“ angekündigt, wird das Tier „zu einer historischen und moralischen Instanz“. Mit dem Raben Munin verbindet die nordische Mythologie das Erinnern. Das Paradies, sagt er, ist „eine Erinnerung an die Zeit, als ihr noch dazugehört habt“.

Mina, die mit dem Mauerfall erwachsen wurde, verliert sich im Chaos von Wissen und Fühlen, von Lektüren, Polizei-Meldungen und ihrem „gestörten Verhältnis zu Gott“. Monika Maron dokumentiert eine Überforderung. Doch ihr flackernder Blick über Oberflächen bleibt nirgends hängen. Und stößt zuweilen ab.

Monika Maron: Munin oder Chaos im Kopf. Roman. S. Fischer; 224 Seiten, 20 Euro

Monika Maron im Rahmen der Leipziger Buchmesse: 15. März, 14 Uhr, ARD-Forum Halle 3, Stand B400 15. März, 20.15 Uhr, Lehmanns Buchhandlung; Grimmaische Straße 10 16. März, 10.30 Uhr, MDR, Glashalle, Stand 17

Von Janina Fleischer

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