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Kultur Weltweit Meister der Maskierung
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10:01 19.05.2018
Daniel Minetti spielt Fouché Quelle: Marlit Mosler
Dresden

„Verrat, Sire, ist nur eine Frage des Datums“, sagte der Minister Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord, der so einigen Herren gedient hatte, auf dem Wiener Kongress zu Zar Alexander von Russland. Ein anderes Bonmot von ihm lautet: „Treu bis in den Tod sind nur Dummköpfe. Die Treue hat ihre Grenze im Verstand.“

Treue bis in den Tod hätte sich auch Joseph Fouché nicht verwerfen lassen müssen. Fast noch mehr als Talleyrand war er – das will echt was heißen – ein Wendehals der Extraklasse. Er diente sechs französischen Regimen – zuerst der vorrevolutionären Kirche, danach der Revolution, dem Direktorium, dem Kaiserreich, den Bourbonen und am Ende dem Bürgerkönig Louis Philippe – und gilt deshalb als Meister des Opportunismus, ist aber im Vergleich zu anderen Gestalten der Französischen Revolution, als da wären etwa Robespierre, Marat oder auch Napoleon, nicht ganz so bekannt, wenn, dann häufig über die grandiose Romanbiografie, die Stefan Zweig 1929 über Joseph Fouché verfasste.

„Bewerbungen – Geheimdienstakte Joseph Fouché“ lautet der Titel eines Stücks, in dem Rolf Schneider Fouché aus dem Halbschatten der Geschichte treten lässt und das jetzt am Dresdner Hoftheater Premiere hatte. Daniel Minetti spielt Fouché, höflich stellt dieser sich vor, nachdem er die Bühne durch eine als Schrankwand getarnte, etwas knarzende Geheimtür betreten hat. Er wird sich im Laufe des Abends wiederholt servil präsentieren und seine Dienste anbieten. Anhand der (fiktiven) Bewerbungsreden Fouchés – sei es um politische Ämter, Frauen oder die Loyalität seiner Mitverschwörer – rekonstruiert Schneider auf Grundlage historischen Materials dessen Volten und Winkelzüge.

Jedes Mal ist es ein anderer, der sich da zeigt. Gut, der Geburtsort bleibt (Le Pellerin bei Nantes), aber mal stammt er aus einer Familie besitzloser Matrosen und kleiner Krämer, dann wieder reicher Schiffseigner und Großunternehmer. Es ist de facto ein Running Gag. Der wirkt, jedes Mal ist das Gelächter im Saal größer. Eigentlich zieht Fouché eine Schleimspur hinter sich her, und man fragt sich wiederholt, wie es der Mann, der sich auch als „Schlächter von Lyon“ blutig in die Annalen der Geschichte einschrieb, geschafft hat, morgens beim Rasieren sein eigenes Spiegelbild zu ertragen. Aber irgendwie ist man auch fasziniert zu verfolgen, wie es dem Mann mit viel Beweglichkeit, Anpassungsfähigkeit („böse Zungen würden sagen Opportunismus) und Ränkespielen gelang, allen Feinden und Neidern zum Trotz sich vielleicht nicht ganz im Zentrum der Macht, aber doch eng bei ihr zu behaupten. Als Polizeiminister baut der Meister der Maskierung ein ausgeklügeltes Spionage- und Spitzelsystem auf. „Das Amt gilt als unappetitlich“, meint Fouché – gespielt angewidert, denn de facto geht er ganz in ihm auf, zumal es ihn zum reichen Mann macht.

Daniel Minetti spielt jede Wendung, jede Regung des skrupellosen Technokraten der Macht im Pariser Intrigantenstadl groß aus. Es ist ein Genuss, seiner subtilen, stets passenden Mimik und Gestik zuzusehen, den Nuancen, die er in die Stimme legt, zu lauschen. Mal ist er die Unterwürfigkeit in Person, mal der aalglatte Machtmensch. Er bleibt, während die Revolution ihre Kinder frisst, der Stern Napoleons steigt und dann auf St. Helena endgültig verlischt. Auch in den Diensten der Kirche stand Fouché, um dann hinterher zu versichern: „Das Fach Physik beflügelt nicht den Gedanken an die Heilige Dreifaltigkeit!“ Nur das mit den Frauen läuft nicht immer so wie erhofft, einmal muss er sich gestehen: „Ich nahm mir eines jener reizlosen Wesen zur Frau, für deren Herstellung die Natur zu tadeln ist.“ Es sind nicht zuletzt markante wie sarkastische Sätze wie dieser, die den Reiz dieser Tragikomödie Schneiders ausmachen. Zeitbezug? Werden nur blauäugige Narren Schneiders Werk abstreiten.

Am Ende hält der sich als treuer Diener Frankreichs sehende Fouché Zwiesprache mit Gott, klagt ihm sein Leid über die „Abgründe von Verrat“, auf die er in den Dossiers stieß. „Ich kenne die Menschen und die schändlichen Leidenschaften, die sie beseelen“, schrieb Fouché 1817, was Talleyrand wiederum mit dem Bonmot „Diese Verachtung rührt daher, dass Monsieur Fouché sich selbst genau beobachtet hat“ quittierte. Manchmal hackt die eine Krähe doch der anderen ein Auge aus.

Nächste Vorstellungen: 26.5. sowie 9.6., jeweils 20 Uhr, Hoftheater Dresden in Weißig

Von Christian Ruf

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