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Kultur Weltweit Matthias Politycki – Expeditionen ins Sprachreich
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11:01 15.05.2018
Der Autor Matthias Politycki. Quelle: Mathias Bogthor/photoselection
Hannover

Matthias Politycki mutet sich bei seiner Arbeit einiges zu. Für seine Geschichten erklomm er wilde Bergriesen entlang der Seidenstraße, lebte ohne Westgeld ein halbes Jahr auf Kuba, wanderte durch die Wüstenei des Sinai oder trank sich durch die lauwarmen Zumutungen englischer Bierkultur. Politycki, den meisten als Begründer der „neuen deutschen Lesbarkeit“, also der neuen Lust am Lesen, bekannt, schont sich nicht, wenn es um die Sujets seiner Texte geht.

Doch so weit er auch herumgekommen sein mag, Polityckis abenteuerlichste Reisen sind die Expeditionen in die Tiefen und vergessenen Winkel seiner, unserer Muttersprache. Das Changieren zwischen vermeintlich gefälliger Leichtigkeit und kenntnisreicher Tiefe ist zwar auch Ausweis seiner Prosa, jedoch vielmehr Merkmal seiner Lyrik. Politycki fasst in Gedichte, was ist. Und da lässt das Leben eine Menge Raum. Ob die Wirrungen von Lust und Liebe, die Schatten der Vergänglichkeit auf den Sommern der Seele, das Reisen in fremde Länder und noch fremdere Psychen, das Elend des eigenen Fußballvereins oder die essenzielle Bedeutung des Kneipengesprächs für ein gelungenes Gedicht.

Politycki schreibt alles auf, was ihm zu Ohren kommt und was er für verwertbar erachtet. Ein kleines Notizbuch samt noch kleinerem Stift ist stets dabei. Der 1955 geborene Autor ist ein Sammler. Und seine penibel strukturierte Schreibklause sozusagen Zettels Raum. Hier geht nichts verloren – auch nach Jahrzehnten nicht. Und so hat er sie sich alle noch einmal angesehen, die Gedichte von 2017 bis zurück nach 1987. Hier ediert und da korrigiert – bis sie denn Eingang fanden in jenen Band mit sämtlichen Gedichten.

Leicht sind sie zu lesen, da niemals langweilig oder so gedrechselt, dass die Lust verginge, sie auf sich wirken zu lassen. Und wohl als einziger Autor der sogenannten E-Riege, den wirklich ernstzunehmenden und ernstgenommenen unter den deutschen Dichtern, schlenkert Matthias Politycki gänzlich ungeniert auch mal nach Kalau, wenn’s denn gerade passt, ohne dabei aber jemals den stringenten Ernst des Metrums zu vernachlässigen. Die unterschiedlichen Reim- und nicht Reimformen zwischen Haiku und Sonett beherrscht er wie kein Zweiter. Und so darf sich jeder an der meisterlichen Balance zwischen anarchischer Vielfalt und strengster Sprachreinheit erbauen – weil Trauriges bei Polityckis Lyrik häufig zum Lachen und vorgeblich Fröhliches zum Weinen ist.

Etwa in „Penners Nachtlied“, Teil einer losen Folge von „Professor Blohms Handreichungen zum besseren Verständnis unsrer Klassiker“, in denen der ehemalige Akademische Rat Vorlesungsminiaturen zur großen deutschen Lyrik persifliert.

Unter allen Brücken ist Ruh,

Zwischen den Krücken spürest du

schwer deinen Bauch.

Die Penner schnarchen auf Halde.

Warte nur balde

schnarchst du dort auch.

Erkannt? Na klar. Goethe. Da freut sich der Leser, weil er sich noch der Wipfel und des Hauchs entsinnt aus alten Pennälerzeiten. Oft geht es aber um Zitate aus fernsten Kulturkreisen oder, wie es Professor Wolfgang Frühwald in seinem wunderbar klugen Essay „,Ist mein Traum denn schon vorbei? / Oder fängt er nun erst an?‘“ Zu den Gedichten Matthias Polityckis“ schreibt, der der Lyriksammlung nachgeordnet ist: „… die Zahl der Autoren, zu deren Sprachwelten sich Politycki bekennt, ist schwer durchschaubar, weil sie … ein dichtes Netz von deutschsprachigen, aber auch französischen, englischen, japanischen, chinesischen Vorlagen etc. bilden, dessen Kenntnis und Erkundung für jeden noch so belesenen Lyrikkenner genügend Überraschungen enthält, die Langeweile erst gar nicht aufkommen lassen.“

Der Sammlung vorgestellt sind einige neue Gedichte, unter ihnen auch ein sehr persönliches, das im September 2017 auf einer Reise durch Kambodscha und Laos entstand. Es zeigt, wie breitgefächert Matthias Polityckis lyrisches Spektrum ist:

Ich träumte von meiner Mutter

Muang Khona

Im Traum war sie viel jünger,

ein Mädchen fast,

faltenlos unbeschwert und heiter,

wir gingen nebeneinander, wir redeten

und lachten

Plötzlich wurde ihre Stirn ganz schwarz,

dann die Nase und,

während wir weiterliefen,

das Kinn, das

gesamte Gesicht

Sie redete und lachte,

als wäre nichts geschehen,

doch ich bekam’s mit der Angst und erwachte –

da saß ich im Bett und wußte,

daß sie sterben würde

Einen Tag später bekam ich den Anruf

Lachen, Lieben, Leiden, Lust, dazu jede Menge Alkoholisch-Melancholisches zwischen Wer- und Wehmut: Polityckis Gedichte insgesamt haben oftmals etwas Barockes in ihre Lebensfülle, egal wie fein ziseliert sie auch in ihrer Form sein mögen. Noch ein Beispiel aus dem jüngsten Lyrik-Einzelband, dem 2015 erschienenen „Dies irre Geglitzer in Deinem Blick“ aus dem Kapitel „Freund Hein und andere Gefährten“, dessen dreizehn Personen der Künstler Jochen Hein mit dreizehn Bildern illustriert hat.

Auf dem Totenbett (du)

Ich vermiß’ Dich schon jetzt,

da ich das schreibe,

dabei lebst du doch noch!

Und obwohl das gar nicht ausgemacht ist,

stell’ ich mir oft und oft vor, daß –

Weißt du, ich will dich dort,

will dich niemals dort sehen müssen!

Will auch nicht tapfer dann sein und

mich mit Erinnerung trösten,

will allenfalls hoffen,

du mögest recht behalten mit deiner Zuversicht,

daß wir uns wiedersehen werden

als Seelen meinetwegen oder als Sphärenmusik,

was auch immer, mir ist das ganz gleich,

wenn du nur recht behältst mit deinem Glauben.

Und weil Politycki ein sammelnder Dichter ist und Freund Hein eben wirklich ein Freund wie viele andere, die in einer oder der anderen Weise zu dem einen oder anderen Gedicht das eine oder andere beigetragen haben mögen, lud Matthias Politycki eben jene Freunde und Weggefährten vor Erscheinen des Buches ein, aus ihm zu lesen – in seiner Hamburger Stammkneipe. Herausgekommen ist ein sehr authentisches Destillat seines lyrischen Schaffens: 14 Folgen der Gedichte, die in jede Kneipe passen. Matthias Politycki mutet sich bei seiner Arbeit eben einiges zu.

Matthias Politycki: Sämtliche Gedichte 2017 – 1987, 640 Seiten, 32 Euro, ISBN 978-3-455-40623-8

Buchpremiere Nord ist am 15. Mai (19.30 Uhr) im Literaturhaus Hamburg, Schwanenwik 38

Am 6. Juni (19.30) liest Politycki im Literaturbüro Lüneburg e.V., Rathaus, Fürstensaal, Am Ochsenmarkt 1

Von Daniel Killy/RND

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