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Kultur Weltweit Martin Parr: Fotos von der britischen Seele
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10:00 06.04.2019
Hinterm Horizont ist Europa: Am Strand von Porthcurno, Cornwall, England, 2017. Quelle: Martin Parr/Magnum
London

Da stehen sie im Sand, an einem Strand in Cornwall, mit dem Rücken zum Betrachter, und blicken wie erstarrt aufs Meer. Kinder wie Erwachsene schauen in die Ferne, die unendlich wirkt, in der aber irgendwo, gar nicht so weit weg, der europäische Kontinent beginnt.

Neben den Strandbesuchern weht eine rote Flagge im Wind, warnt die Menschen vorm Gang ins Wasser – und rückt Frankreich subtil ins Unerreichbare. Die Fahne auf diesem Foto gibt den einzigen Hinweis, dass Gefahr droht. Und darf damit auch als Andeutung auf den Brexit verstanden werden? Mit Sicherheit.

Es ist nicht das einzige Bild, das Großbritanniens Ausnahmefotograf Martin Parr mit dem anstehenden Austritt des Königreichs aus der EU verbindet. Eigentlich haben all die Porträts der aktuellen Ausstellung „Only Human“ („Nur menschlich“) in der Londoner National Portrait Gallery mit diesem Thema zu tun. Parr hält den Status quo ante fest. Und gibt dabei ein Stück britische Seele preis.

Fern der Heimat nah beieinander, Handtuch an Handtuch: Urlauber am schwarzen Strand von Sorrento, Italien, Sommer 2014. Quelle: Martin Parr/Magnum

Parr sucht und wird fündig, zeigt diese Seele so, wie sie eben ist, subtil, liebenswert, unverstellt. Menschen, die die England-Fahne schwenken und ihr Gesicht in rot-weißen Farben bemalt haben, um ihren Patriotismus auszudrücken. Ausgelassene Muslime beim Fastenbrechen. Verkleidete und betrunkene Partyhungrige, von der Sonne verbrannte Urlauber, Prominente und Blumenfans bei Gartenshows. Arbeiterklasse und Adel. Establishment und Migranten.

Parr hat nicht nur das Auge, sondern auch den englischen Humor, der urkomische Momente zielsicher erkennt. Er beobachtet seine Landsleute so genau wie kaum ein anderer, porträtiert das Menschliche und deckt zugleich das Absurde des Alltags auf. Er zeigt ein Volk, das so viel teilt und doch so gespalten ist wie nie. Martin Parr interpretiert den Brexit zuallererst als Ausdruck einer Identitätskrise der Briten – und macht sich zum Dokumentar dieser historischen Zeiten.

Typisch Schottland? Bhangra-Tänzer führen einen traditionellen Volkstanz aus dem indischen Punjab vor, in den Assembly Rooms von Edinburgh, 2017. Die Assembly Rooms wurden 1787 als Festhalle eröffnet. Quelle: Martin Parr/Magnum

Was macht Britishness aus? Kein Thema hat den 66-Jährigen mehr beschäftigt als das Puzzle der Details, die das Königreich zu dem machen, was es ist. Er ging dafür zum einen den Stereotypen des Alltagslebens nach – und zeigt auf seinen Bildern sowohl die Tee-Obsession der Nation, als auch den beinahe obligatorischen Regen während des Tennisturniers in Wimbledon und die ausgefallenen Hüte der adligen Damen beim Pferderennen in Ascot oder macht auf das liebste Hobby der Briten aufmerksam: das Schlangestehen, etwa vor einem Eiswagen an einem sonst völlig verlassenen Strand.

Zum anderen aber fing er mit seiner Kamera auch Aspekte ein, die weniger die üblichen Klischees bedienen, aber die Alltagskultur veranschaulichen. Etwa, wenn er drei ältere Frauen beim Friseur fotografiert, die gelangweilt in einer Reihe sitzen, unter einer Trockenhaube, die Haare eingedreht in Lockenwicklern. „Menschen sind sehr seltsam. Mein Job als Fotograf ist es, diese Eigenartigkeit einzufangen“, sagt Parr.

Und die Königin ist überall: Besuch der Queen zum 650. Geburtstag der Gilde The Drapers Livery. Quelle: Martin Parr/Magnum

Für ist die Entscheidung der Briten für den Brexit, „nicht nur eines der größten soziopolitischen Ereignisse unserer Zeit“, sondern auch eine Offenbarung britischer Identität. Das Pro-Brexit-Votum sieht er auch als Widerstand gegen den Wandel; als Widerwillen dagegen, das Leben zu europäisch anzugehen und als Entschlossenheit, zu einer „unverfälschteren britischen Kultur“ zurückzukehren – wie immer man diese auch definieren wolle, fügt er noch hinzu.

Seine eigene Beziehung zum Königreich bezeichnet er als „Hassliebe“. Und so geht Parr in seiner Arbeit manchmal schonungslos mit seinen Landsleuten um, dann wieder ironisch und humorvoll, mitunter auch sehr kritisch. Nur ein Gefühl kommt nicht vor: Abneigung. Seine Fotos zeigen vor allem viel Liebe, Mitgefühl und Zuneigung für die schrulligen Gewohnheiten und skurrilen Verhaltensweisen so vieler Menschen auf der Insel.

Bilder voller Zuneigung für die schrulligen Gewohnheiten seiner Landsleute: Ein Besucher in der Ausstellung von Martin Parr. Quelle: JOR/Capital Pictures

„Ich liebe die Traditionen“, sagt Parr. Aber er verabscheue „die Engstirnigkeit“ – die seiner Ansicht nach der wahre Grund dafür ist, dass die Briten sich beim Referendum vor drei Jahren mehrheitlich fürs Gehen entschieden haben. Er selbst hat prominent gegen den Brexit getrommelt, will mit seinen Fotos jetzt aber keine Agenda verfolgen, sondern für heitere Ablenkung in all der Ungewissheit sorgen.

Land und Leute hängen in der Galerie an teilweise farbigen Wänden, mit knappen Infos – aber ohne Bewertung. Die Ausstellungsbesucher sollen selbst ihr Urteil fällen, wenn sie denn wollen. Wohltuend ist diese Zurückhaltung in einer Zeit gebrüllter Meinungsäußerungen, in der die Nation kurz vor dem kollektiven Nervenzusammenbruch zu stehen scheint.

Niedersachsen, 2013: Tattoo eines britischen Soldaten am Garnisonsstandort Bad Fallingbostel. Quelle: Martin Parr/Magnum

Auch wenn einige Werke Interpretationen erlauben, verstehe er sich letztlich als „Entertainer“, sagt Parr. Und so macht er nicht selten das Hässliche zum Blickfang oder fordert den Betrachter auf, sich selbst nicht allzu ernst zu nehmen.

Vielleicht ist auch deshalb – ungewöhnlich für die ehrwürdige National Portrait Gallery – inmitten der Ausstellung ein Café eingerichtet, in dem es natürlich ein „cuppa“, eine Tasse Tee, Früchtebrot und Kuchen gibt. Großbritannien eben.

Martin Parr Quelle: JOR/Capital Pictures

Zur Person: Martin Parr, Augenzeuge und Brexit-Gegner, geboren 1952 in Epsom, hat im Alter von 14 Jahren mit dem Fotografieren begonnen. Er ist berühmt geworden für seine Fotoserien über die britische Klassengesellschaft. Als intimer Beobachter hat er sich weltweit einen Namen gemacht mit rund 40 Fotobüchern und Dokumentationen über den Wohlstand der westlichen Welt. Die Ausstellung in der Londoner National Portrait Gallery ist bis zum 27. Mai zu sehen.

Von Katrin Pribyl

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