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Kultur Weltweit Margarethe von Trotta über 100 Jahre Ingmar Bergman
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00:01 14.07.2018
Auf der Suche nach Ingmar Bergman: Margaretha von Trotta. Quelle: © Börres Weiffenbach
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Frau von Trotta, würde Ingmar Bergman heute für Netflix drehen?

Könnte gut sein. Bergman hatte dem Fernsehen gegenüber gar keine Berührungsängste . Ich erinnere mich an eine Begegnung vor rund drei Jahrzehnten, als er zusammen mit Wim Wenders und István Szabó die Europäische Filmakademie gründete. Bergman war der erste Akademie-Präsident und hatte sich breitschlagen lassen, auch die Preis-Jury zu leiten. So etwas hatte er immer abgelehnt, egal ob die Festivals von Venedig oder Cannes bei ihm anfragten. Aber hier konnte er die Spielregeln selbst bestimmen und ...

... Moment, was heißt das?

Er suchte seine eigene Jury zusammen. Theo Angelopoulos gehörte dazu, Jeanne Moreau, Deborah Kehr und auch ich. Wir fuhren in ein entlegenes Golfhotel im Norden Schottlands im November - da war es fast so einsam wie auf Bergmans geliebter schwedischen Insel Fårö. Theo und ich lamentierten über die Schwierigkeiten, Kinofilme zu finanzieren. Und er sagte: Macht doch Fernsehen, das ist ein wunderbares Medium.

Hat er das begründet?

Ganz pragmatisch, er sagte: Da habt Ihr auf einen Schlag viel mehr Zuschauer. Er selbst hat ja auch viel Fernsehen inszeniert. Von „Fanny und Alexander“ oder auch „Szenen einer Ehe“ hat er sowohl eine Kinofassung als auch eine Fernsehserie produziert. Andere hätten sich da glatt geweigert. Er hat sich auch „Dallas“ angeschaut. Snobbish war Bergman gar nicht.

Sie erzählen in Ihrem Dokumentarfilm von ihrer persönlichen Suche nach Ingmar Bergman: Wem ist Bergman heute noch ein Begriff?

In Frankreich gilt er immer noch als Ikone - dort wird das Kino nun mal mehr geliebt als bei uns. Im Quartier Latin in Paris werden regelmäßig Bergman-Retrospektiven gezeigt. In Deutschland ist er leider nicht mehr so präsent.

Wie würden Sie Bergman einem jungen Cineasten anpreisen?

In Bergman-Filmen erfährt man immer auch etwas über sich selbst, über seine eigenen Abgründe und Widersprüche. Bergman bringt stets seine eigene Person in die Filme ein, aber er wirft auch ein Licht auf die Psyche des Zuschauers. Man sollte aber bereit sein, sich seinen Ängsten zu stellen.

Was hat Bergman bei seiner Arbeit angetrieben?

In seiner Autobiografie „Laterna Magica“ erzählt er davon. Schon der Buchtitel weist ja darauf hin: Die Laterna Magica hatte seinem Bruder gehört, er hatte ihm das Projektionsgerät abgeluchst und es gegen seine Zinnsoldaten eingetauscht. So nahm Bergmans Lust aufs Geschichtenerzählen ihren Anfang. Was nicht heißt, dass seine Kinderheit harmonisch verlaufen wäre ....

... sondern?

Sein Bruder wurde regelmäßig vom Vater geschlagen. Um diesen Prügelstrafen zu entgehen, begann Ingmar, dem Vater Lügengeschichten aufzutischen. Sein Leben lang hat er seine Kindheit in dem strengen protestantischen Pfarrhaus abgearbeitet. Früh hat er Bekanntschaft mit dem Theater gesucht, August Strindberg und Henrik Ibsen beeindruckten ihn sehr.

Hat Bergman gegen Depressionen angefilmt?

Kino war bestimmt ein Heilmittel für ihn. Ihm ist mal eine Urschreitherapie nahegelegt worden, um sich von seiner seelischen Pein zu befreien. Die Gefahr dabei wäre allerdings gewesen, seine Kreativität zu verlieren. Er lehnte ab.

Würde Bergman heute noch Filme drehen?

Er hatte selbst angekündigt, aufhören zu wollen. Dann folgte 2003 doch noch sein letzter Film „Sarabande“ - quasi die Fortsetzung von „Szenen einer Ehe“, wieder mit seinen Lieblingsschauspielern Liv Ullmann und Erland Josephson, die schon drei Jahrzehnte zuvor dabei gewesen waren. Menschen und ihre Probleme haben ihn immer interessiert– und deshalb könnte ich mir doch gut vorstellen, dass er heute immer noch filmen würde.

Wie kam es zu der in Ihrer Doku erwähnten Szene, in der Sie Bergman zusammen mit Ihrem damaligen Mann Volker Schlöndorff in ihrer Münchener Küche die Hand halten?

Bergman war aus Schweden geflüchtet, er war der Steuerhinterziehung beschuldigt worden - die Anklage wurde bald wieder fallengelassen, aber er war tief getroffen. So kam er ans Residenztheater nach München und wollte Volker kennenlernen. Händchenhalten war für ihn eine Art, um jemanden zu spüren. Über körperlichen Kontakt übertrug er gewissermaßen sein Denken und Fühlen auf andere, ohne sich mit Worten erklären zu müssen. Genauso hat er auch mit Schauspielern gearbeitet.

Bergman gilt als Frauenregisseur. Zu Recht?

Die schwedischen Frauen waren schon damals ziemlich weit mit der Emanzipation - und so hat er sie auch dargestellt. Gängige Hollywood-Klischees von Frauen wahlweise als Hure, Hausfrau oder Göttin hat er nie bedient. Deshalb hätte er im US-Kino auch niemals Filme machen können. Er ist mal nach Hollywood gefahren, hat es drei Tage dort ausgehalten und ist wieder geflüchtet.

Hat das heutige Kino einen legitimen Nachfolger?

Lars von Trier hat etwas von Bergman - nicht nur weil er ebenfalls aus dem europäischen Norden kommt, sondern weil auch von Trier mit sich selbst kämpft. Woody Allem sehe ich da weniger, auch wenn er Bergman sein Idol ist. Eher fällt mir der französische Regisseur Olivier Assayas ein.

Wie wichtig ist Bergman für Sie persönlich?

Der erste Film, den ich als Kunstwerk wahrgenommen habe, war Bergmans „Das siebente Siegel“ von 1957. Mich hatte es damals nach Paris verschlagen, eine aufregende Zeit. Genauso schaute ich dort die Filme der Nouvelle Vague, von Claude Chabrol und François Truffaut oder auch von Alfred Hitchcock. „Das siebente Siegel“ aber löste eine künstlerische Erschütterung in mir aus.

Zur Person

Margarethe von Trotta, geboren 1942, begann ihre Karriere in Filmen von Rainer Werner Fassbinder („Warnung vor einer heiligen Nutte“) und ihrem späteren Mann Volker Schlöndorff („Baal“). Gemeinsam mit Schlöndorff inszenierte sie 1975 „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“. Als Regisseurin feierte sie Erfolge mit „Die bleierne Zeit“ , „Rosa Luxemburg“, „Rosenstraße“ oder „Hannah Arendt“. Ihre Dokumentation „Auf der Suche nach Ingmar Bergman“ startet am 12. Juli in den deutschen Kinos - pünktlich zum 100. Geburtstag des schwedischen Regisseurs zwei Tage später.

Tochter spürt Leben des Vaters nach

17 Minuten. Als ihr alter Vater sich um 17 Minuten verspätet, ahnt die Erzählerin, dass von nun an alles anders sein würde. Der Mann ist ein Pünktlichkeitsfanatiker, jetzt aber ist er zu spät dran zur Verabredung – und merkt es nicht einmal.

Diese Schlüsselszene erzählt Linn Ullmann gleich mehrmals in ihrem Roman „Die Unruhigen“. Die Autorin – Tochter des schwedischen Regisseurs Ingmar Bergman und der norwegischen Schauspielerin Liv Ullmann – spürt dem Leben mit ihrem Vater nach. Den hat sie seit der frühen Trennung der Eltern meist nur in den Sommerferien gesehen, wenn sie ihn auf der Insel Fårö besucht hat.

„Roman“ nennt Ullmann ihr berührendes, kluges Buch, das auch ein Text darüber ist, wie sie sich zu der Frau entwickelt hat, die sie heute ist. Die 51-Jährige erzählt nah an den Tatsachen: seien es Daten, seien es die Namen von Bergmans fünf Ehefrauen und die seiner neun Kinder. Doch es ist letztlich unerheblich, ob und wie authentisch die Schilderungen sind. In diesem Buch geht es darum, wie eine erwachsene Tochter sich nach dem Tod des Vaters erinnert. Und wie sie trauert.

Die Filme Bergmans spielen da kaum eine Rolle. Der Schwede taucht hier nicht als berühmter Regisseur auf, sondern als Vater. Nach einer kleinen Musikvorführung, kurz vor seinem Tod sagt er: „Jetzt bin ich müde, und der Alte will heim.“ Martina Sulner

Linn Ullmann: „Die Unruhigen“. Aus dem Norwegischen von Paul Berf. Luchterhand Verlag. 412 Seiten, 22 Euro.

Von Stefan Stosch und Martina Sulner /RND

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