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Kultur Weltweit Theater ahoi: Löschanlagen sorgen für Millionenschäden auf deutschen Bühnen
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17:46 19.01.2018
Gebläse statt Kunst: Am Heiligabend war die Deutsche Oper in Berlin durch eine Sprinkleranlage geflutet worden, inzwischen läuft der Spielbetrieb eingeschränkt weiter. Quelle: dpa
Köln/Leipzig

Es passierte bei einer turnusmäßigen Wartung: 30 Sekunden reichten aus, um die Staatsoperette Dresden für Monate aus dem Spiel zu nehmen. So lange ging am Morgen des 18. Oktober die Sprinkleranlage, eigentlich dafür da, Schäden, Feuer nämlich, zu minimieren. Ein Mitarbeiter der beauftragten Wartungsfirma hatte irrtümlich zwei Brandmelder über der Hauptbühne der Operette ausgelöst. 16 000 Liter Wasser prasselten in einer halben Minute herunter, zerstörten Scheinwerfer, Audio- und Videoanlage, Bühnenboden, Instrumente und Unterbühnenmaschinerie. Es entstand ein Schaden von rund 3,5 Millionen Euro, dazu kommt ein Einnahmeverlust von geschätzt über 500 000 Euro. Erst am 3. Februar wird die Hauptbühne wieder bespielt, mit Paul Linckes „Frau Luna“.

In Deutschlands Theatern brennt es nicht mehr. Das ist eine gute Nachricht. Die schlechte: Sie werden geflutet. Zuletzt hatte es die Deutsche Oper in Berlin erwischt. Eine defekte Sprinkleranlage hatte die Bühne Heiligabend vollständig unter Wasser gesetzt. Seit 28. Dezember finden die Originalinszenierungen in abgeänderten Versionen statt – „Schwanensee“ zum Beispiel auf „schwarzer Bühne“, ohne Dekoration und mit eingeschränkter Beleuchtung. Die Bühnenmaschinerie ist nicht funktionsfähig. Wasser marsch auf dem Theater: Das gab es in Dresden auch schon im Mai 2016: Im Kleinen Haus des Staatsschauspiels wurde die Sprühflutanlage ausgelöst und goss rund 40 000 Liter Wasser in den Bühnenraum. Eigentlich sollte am selben Tag Friedrich Dürrenmatts „Die Panne“ aufgeführt werden. Wurde sie ja auch, nur anders.

„Aus ungeklärter Ursache“

Nicht das böse Regietheater, ignorante Zuschauer, Finanzpolitiker oder schlecht gelaunte Kritiker machen die deutschen Bühnen kaputt. Sondern immer öfter Löschanlagen. Manchmal ist menschliches Versagen im Spiel, oft gehen die auf Temperaturanstiege reagierenden Systeme automatisch – und wie es in den Meldungen regelmäßig heißt – „aus ungeklärter Ursache“ los und sind mitunter schwer abzustellen. So wie im Sauerland-Theater in Arnsberg. Noch für mehrere Monate können hier keine Vorstellungen stattfinden. Im November hatte die Sprinkleranlage das gesamte Objekt geflutet. Stundenlang strömte das Wasser in Keller, Bühnenbereich und Orchestergraben. Ein Passant hatte bemerkt, wie es am Bühneneingang aus dem Gebäude floss. Im Stage Metronom Theater in Oberhausen holte eine Löschanlage im August „Tarzan“ von der Liane. Auch hier wurde die komplette Bühne gewässert. Die Schäden konnten aber innerhalb weniger Tage behoben werden, das Musical wieder über die Bühne gehen.

Eine Statistik über Wasserschäden an deutschen Theatern gebe es noch nicht, sagt Marc Grandmontagne, Geschäftsführender Direktor des Deutschen Bühnenvereins in Köln. Mit Sorge betrachte man die Häufung von Havariefällen in den letzten Jahren, insbesondere 2017. „Da sehen wir Diskussionsbedarf. Wir versuchen das jetzt zu verifizieren, tragen Fakten zusammen und machen eine Umfrage in der Mitgliedschaft – und sollte sich die Brisanz bestätigen, müsste das politisch thematisiert werden.“ Er frage dazu schon länger in Theatern, Kommunen und politischen Gremien nach, so Grandmontagne, „und was mir da entgegenschlägt, hat mich aktiviert und sensibilisiert: Da ist eine Menge Stress und Unmut im System.“ Brandschutzauflagen würden kontinuierlich angezogen. „Im jährlichen Turnus ändern sich Vorschriften, werden immer schärfer gedreht, und das ist natürlich gerade für die öffentliche Hand mit erheblichen Investitionen verbunden. Wir kennen einen Fall aus dem Theater, wo in einem kleinen Haus im Jahr um die 900 000 Euro für den Brandschutz gezahlt werden müssen – und das muss dann aus dem künstlerischen Etat genommen werden.“ Natürlich sei der Brandschutz sehr wichtig, aber er dürfe doch nicht alles andere verdrängen. „Bauliche und künstlerische Belange leiden darunter“, sagt Grandmontagne.

Fehler im System

Wesko Rohde, Präsident der Deutschen Theatertechnischen Gesellschaft mit Sitz in Bonn, verweist auf grundsätzliche Fehler im System: „Die Theater haben keine gleichmäßige Beplanung, weil jedes Land, jede Stadt, jedes Theater sein eigenes Süppchen kocht.“ Da würden die Fachleute nicht gefragt, da gebe es Ausschreibungen, bei denen der Billigste gewinnt. „Die Planer kennen sich oft mit der Logistik eines Theaters nicht aus und wissen auch gar nicht, welche Werte sich in einem Bühnenhaus befinden“, sagt Rohde. Man treffe zuweilen auf ein Denken von vor 30, 40 Jahren. „Da werden Sprühflutanlagen eingebaut, die innerhalb von wenigen Minuten tausende Liter Wasser weglaufen lassen. Es gibt aber inzwischen neuartige Techniken.“

So habe man in dem im 17. Jahrhundert gegründeten Schlosstheater in Celle eine Sprühflutnebellöschanlage eingebaut. Mit einem Druck von 200 bar vernebele diese das Wasser. Innerhalb weniger Sekunden habe man so einen dichten Nebel in dem Raum, dass ein Feuer gelöscht werde, Werte allerdings nicht in Mitleidenschaft gezogen würden. Diese Anlagen seien allerdings rund 20 Prozent teurer als die herkömmlichen. Vermutlich einer der Gründe, weshalb man diese nur an einer Handvoll Theatern in Deutschland finde.

Keine Frage: Ein Brandschutz, der solche Schäden wie zuletzt anrichtet, ist für Rohde ein Problem. Ihm geht es aber auch ganz grundsätzlich um die Stellung von Theatern in Deutschland: „80 Prozent davon sind baufällig. Oft liegen die letzten größeren Sanierungsmaßnahmen 30 oder 50 Jahre zurück.“ Sein bitteres Resümee: „Das Weltkulturerbe Theater ist in seiner Substanz gefährdet.“ Wer dem Präsidenten der Deutschen Theatertechnischen Gesellschaft zuhört, spürt es sofort: Da liebt einer die Bühnenkunst: „Da sitzen noch vollkommen analog Menschen neben Ihnen, die möglicherweise eine völlig andere Meinung haben als Sie. Theater sind Orte der Demokratie und des kulturellen Austauschs. Ich bin begeisterter Theatergänger.“

Von Jürgen Kleindienst

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