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Kultur Weltweit Letzte Kunststätte von Kurt Schwitters soll verkauft werden
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15:43 31.01.2018
Die Reliefwand in der „Merz Barn“, fotografiert um 1965 von Ernst Schwitters, dem Sohn des Künstlers Quelle: Kurt-Schwitters-Archiv im Sprengel-Museum Hannover
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Hannover

 Diese Kunststätte sieht ziemlich unscheinbar aus – nicht nach avantgardistischer Kunst, eher nach ganz traditionellem Leben: Aus aufgeschichteten Feldsteinen errichtet, unterscheidet sie sich äußerlich kaum von anderen Hütten oder Ställen in dieser abgelegenen, wegen ihrer vielen Seen als Lake District bekannten Gegend Nordenglands. Und tatsächlich soll dieses einfache Steinhaus auf einer abgelegenen Anhöhe beim Dörfchen Elterwater einmal als Scheune, später auch als Munitionsdepot gedient haben. 

Doch nicht von dieser Vergangenheit geht die Sprengkraft einer Nachricht aus, die Kunstexperten jetzt in Erregung versetzt. Es ist vielmehr die Sorge um die Zukunft des Gebäudes, in dem Kurt Schwitters, Hannovers vielleicht wichtigster Künstler der Moderne, sein letztes Raumkunstwerk geschaffen hat. 

Zur Person

Kurt Schwitters zählt zu den weltweit wichtigsten Wegbereitern der Moderne. Er ist Dadaist der ersten Stunde und stilprägend für Konstruktivismus und Surrealismus, ein Gesamtkünstler, für den Collagetechnik und crossmediales Vorgehen ebenso selbstverständlich sind wie die Schöpfung der ersten Kunstinstallationen und Raumkunstwerke. Der 1887 in Hannover geborene Künstler flieht vor den Nazis erst nach Norwegen, dann nach England, wo er seine letzten Lebensjahre bis zu seinem Tod 1948 im Lake District verbringt. Viele Künstler haben ihn seither als Schrittmacher und Vorbild gefeiert: Robert Rauschenberg bekannte, er habe das Gefühl, Schwitters habe „dies alles nur für mich getan“. Georg Baselitz sagte: „So etwas hat die ganze Bilderwelt draußen erfasst. Schwitters hat ein Fenster aufgestoßen.“ Noch immer gilt eben die Kurzformel des Kunstkritikers Heinz Ohff: „Ohne Duchamp und Schwitters kein Neo-Dada, ohne Neo-Dada keine Pop Art und ihre Folgen.“

Original für Kopisten

Denn der „Merz Barn“, also die Merz-Scheune, wie der Künstler das Werk selbst genannt hat, steht zum Verkauf, der Sender BBC berichtet, dass ein Investor aus China bereits Interesse bekundet hat. Spekulationen, nach denen das Bauwerk, das wiederum nach Shenzen wandern könnte – was eine schöne Ironie wäre, weil das Chinas Hochburg der Kunstkopisten ist – wurden dementiert. Sicher aber ist, dass der Kaufinteressent ein kunstsinniger Milliardär ist, und sicher ist auch, dass er mit diesem „Barn“ einen ikonischen Bau erwerben würde. 

Denn darin ist der dritte „Merz“-Bau des 1887 in Hannover geborenen Künstlers: Den ersten hat er ab 1923 in seinem Elternhaus in Waldhausen errichtet, den zweiten 1937 nach seiner Flucht in Norwegen begonnen, bevor er 1940, wiederum vor den Nazis, nach England ausweichen musste. Wie seine begehbaren Kunstwerke aussehen, können Besucher des Sprengel-Museum erleben, wo der erste Merzbau rekonstruiert wurde. Nicht jedem dürfte dabei bewusst sein, dass damit die Anfänge von Installations- und Raumkunstwerken markiert sind wie sie dort auch im wenig später entstandenen „Kabinett der Abstrakten“ von El Lissitzky, gleichfalls in einer Rekonstruktion, zu bewundern sind. Dass in Elterwater eben ein „Godfather of Modern Art“ zu Werke gegangen ist, wie es die BBC ausdrückt. 

Begeistert von der Aufgabe

Die Anfänge des dritten, unvollendet gebliebenen Merz-Baus waren freilich schwierig. Schwitters, der seit 1945 in Ambleside, der nächsten Kleinstadt, lebte, hatte zwar eine Unterstützung des Moma, des New Yorker Museum of Modern Art, von 1000 Dollar als Förderung erhalten, er war aber bereits krank und im Barn war es feucht und kalt, schildert Isabel Schulz, die Leiterin des Schwitters-Archivs ihre Erinnerungen an einen Besuch in Elterwater. „Aber es ist faszinierend, in seinen Briefen nachzulesen, wie begeistert er von der neuen Aufgabe war“, sagt die Kunsthistorikerin. „Er wusste schließlich, dass der Krieg auch seinen ersten Merzbau zerstört hatte.“ Die Vision des Künstlers sei es gewesen, eine künstlerische Attraktion in dem schon damals als Sommerfrische attraktiven Gebiet zu schaffen. Ihr Besuch habe ihr aber auch vor Augen geführt, wie abgeschieden und isoliert eine der wichtigsten Figuren der Avantgarde ihre letzten Lebensjahre verbracht hat. „Wer das spüren will, muss nach Elterwater fahren.“ 

Schwitters Merz Barn. Quelle: Schwitters Merz Barn

Wer das Kunstwerk sehen will, muss sich indes nach Newcastle upon Tyne zwei Autostunden weiter östlich wenden. Denn dorthin, in die Hutton Art Gallery, ist in den Sechzigerjahren jene eine Wand verlegt worden, die Schwitters vor seinem Tod 1948 aus Gips und Steinen, Glas, Metall und Knochen fertiggestellt hat. Der „Merz Barn“ selbst ist heute Eigentum des Littoral Arts Trust, einer kleinen Stiftung, die das Gebäude nur mithilfe des britischen Arts Council erhalten konnte – der die Förderung jedoch 2013 gestrichen hat.

Man habe den „Barn“, dessen Wert auf 400.000 Euro geschätzt wird, bereits erfolglos dem Moma in New York und der Tate in London angeboten, teilt Stiftungsdirektor Ian Hunter mit. „Auch mich hat Ian schon gefragt, ob ich einen deutschen Interessenten wüsste, immerhin geht es ja um einen deutschen Künstler“, sagt Isabel Schulz. „Er hat deshalb sogar einen Rabatt speziell für einen Verkauf nach Deutschland in Aussicht gestellt.“ 

Faktor des Kulturerbes

Kurt Schwitters, der hannoversche Dada-Künstler 1944 in London. Quelle: Sprengel Museum

Einstweilen ist offen, was geschieht, eine Verkaufsentscheidung sei noch nicht getroffen, teilte die Stiftung auf Anfrage mit. Immerhin hatte der Lake District seinen Status als Unesco-Weltkulturerbe auch unter Hinweis auf den „Merz Barn“ erhalten. Auf die Frage nach ihrer Hoffnung für die Kunststätte entwirft Isabel Schulz eine Vision, die der von Schwitters durchaus nahe kommt. Der „Barn“ könne eine Attraktion für Touristen und Ort für lokale Künstler, für „Artists in Residence“ sein, und vielleicht könnte daneben irgendwann noch ein Besucherzentrum errichtet werden. Aber das klingt doch nach Entwürfen für eine Zeit, in der vielleicht das Wünschen wieder hilft.  

Von Daniel Alexander Schacht

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