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Kultur Weltweit Kunst, die nicht da ist
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15:09 24.05.2017
Das Foto zeigt einen virtuellen Anbau des NRW-Forums in Düsseldorf. Das NRW-Forum in Düsseldorf wagt ein Experiment. Im Obergeschoss wurde für einige Wochen ein virtuelles Museum eingerichtet. Quelle: NRW Forum/Manuel Roßner
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Düsseldorf

Der Raum ist leer, an den Wänden sind einige Computer angebracht, und schwarze Kabel mit tauchermaskenähnlichen Datenbrillen hängen von den Decken. Einzig die poppig rot, gelb und grün gestrichenen Stellwände vermitteln einen Hauch von Atmosphäre. Sieht so das Kunstmuseum von morgen aus?

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Das NRW-Forum in Düsseldorf wagt ein Experiment. Im Obergeschoss wurde für einige Wochen ein virtuelles Museum eingerichtet. Bilder oder Fotografien wird man nicht finden. Aber man kann von diesem Raum aus mit Hilfe der Datenbrille auf dem Kopf und einer Fernbedienung, dem Controler, in der Hand einen wolkigen virtuellen Erweiterungsbau betreten. Darin wird man neue Kunstwelten finden, die im übrigen von richtigen Künstlern gestaltet wurden - am Computer.

Der Besucher bekommt eine Parzelle zugewiesen

Eine riesige Treppe führt scheinbar in luftige Höhen. Man hebt den Fuß und schreitet ins - Nichts. Nein, man kann die Treppe nicht betreten, nur mit Hilfe des Tastendrucks auf dem Controller wird man näher in die Computer-Kunstwelt befördert. Der reale Radius, in dem sich der verkabelte Museumsbesucher in seiner ihm zugewiesenen Parzelle im Obergeschoss bewegen kann, beträgt vielleicht drei Meter. In der virtuellen Kunstwelt aber führen gelbe Stege und schmale Pfade in immer neue fantastische Räume. Echter Schwindel befällt einen, wenn man aus den virtuellen Fenstern auf den digitalen Rhein tief unten schaut.

Es ist die perfekte Illusion: Man scheint inmitten surrealer Wüsten- und Mondlandschaften zu stehen. Zombies laufen in der Ferne, Fische schwimmen in der Luft, Menschen purzeln wie Puppen aus der Höhe, Zahnpastatuben fliegen herum, und pinkfarbene Amöben-Tierchen krabbeln am Bein hoch. Man möchte sie mit der Hand wegschlagen und schlägt durch sie hindurch. Die virtuelle Welt ist wie ein Sog und lässt fast vergessen, dass man in Wirklichkeit auf einem grauen Teppich in einem fast leeren Raum steht.

“Digital-Künstler“ haben vorher klassische Ausbildung absolviert

„Unreal“ heißt die von Donnerstag bis zum 30. Juli dauernde, faszinierende digitale Ausstellung von fünf internationalen Künstlern. Entworfen hat den virtuellen Anbau der 27-jährige Manuel Roßner. Er hat in Offenbach „Experimentelle Raumkonzepte“ bei dem Fotografen und Konzeptkünstler Heiner Blum studiert. „Das hatte eigentlich nichts mit Computern zu tun“, sagt Roßner. Im ersten Jahr habe er auch noch Skulpturen gemacht.

Welche kreative Freiheit Blum seinen Studenten eröffnet, sieht man daran, dass eine andere Schülerin, Anne Imhof, soeben auf der Biennale in Venedig für eine spektakuläre Performance-Installation mit echten Hunden und echten Menschen den Goldenen Löwen gewann.

Roßner aber hat sich auf die vielleicht künstlichste aller Künste verlegt: die digitale Kunst, die nur mithilfe des Computers entsteht und in der realen Welt nicht sichtbar wird. Auch andere Teilnehmer der Ausstellung wie etwa das Duo Giulia Bowinkel & Friedemann Banz haben vor ihrem Wechsel zur digitalen Kunst eine klassische Ausbildung absolviert. Sie haben an der Düsseldorfer Kunstakademie bei Albert Oehlen studiert. In ihrer digitalen Kunstwelt trifft man nun beispielsweise auf eine klassische antike Skulptur, die beim „Nähertreten“ in viele tausend Teile zerbröselt.

Interesse an digitaler Kunst nimmt zu

Für Computerspieler sind virtuelle Welten längst eine zweite Heimat. Dass seine Kunst davon beeinflusst sei, sagt auch Roßner. Um auf eine komplexe Technologiegesellschaft zu reagieren, brauche man eine neue Form der Kunst - ohne physische Restriktionen wie Rahmen, Farbe, Material.

Auch private Sammler fangen an, sich für die virtuelle Kunst zu interessieren. Förderer oder Sponsoren in der Kunstszene zu finden, sei aber noch schwierig, sagt Roßner. Und auf Messen wie der Gamescom winken Unternehmen ab, weil man mit virtueller Kunst, die nur zum Anschauen ist, kein Geld verdienen kann. Manchmal verkaufen die Künstler ihre digitale Arbeit zusammen mit dem Computer.

Ist es also die Kunst der Zukunft? „Es ist eine Kunst der Zukunft“, sagt Alain Bieber, der Leiter des NRW-Forums. „Aber es wird nicht die einzige sein.“

Von Dorothea Hülsmeier, dpa

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