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Kultur Weltweit Nominiert für den Echo: Sind diese Rapper antisemitisch?
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22:22 12.04.2018
Umstrittener Rapper Kollegah. Quelle: Philipp von Ditfurth
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Berlin

 Verbale Angriffe, Erniedrigungen, Selbststilisierungen, Provokation – all das gehört zum Rap und im Speziellen zum Gangster-Rap. Konflikte verbal anstatt mit Fäusten und Waffen zu lösen, das war die Idee, als dieses Sub-Genre in den New Yorker Ghettos entstand. Dass eine solche „Kunst des Beleidigens“ durchaus unterhaltsam sein kann, mag zunächst merkwürdig klingen.

Das Thema ist gerade hochaktuell: Mit der Nominierung des Albums „Jung Brutal Gutaussehend 3“ der Rapper Kollegah und Farid Bang für den deutschen Musikpreis Echo, der an diesem Donnerstag verliehen wird, wurden Stimmen laut, die den beiden Antisemitismus unterstellen. Auslöser dafür ist eine Zeile von Farid Bang auf dem Song „0815“, zu finden auf der Bonus-EP des Albums. Darin heißt es: „Wegen mir sind sie beim Auftritt bewaffnet / Mein Körper definierter als von Auschwitz-Insassen.“

Der Echo-Ethikrat tagte

Es folgte ein Aufschrei, Forderungen nach einer Aberkennung der Nominierung und eine Sitzung des Echo-Ethikbeirats. Das weckt Erinnerungen an die Kontroverse um den „Integrations“-Bambi, mit dem Gangsterrapper Bushido 2011 ausgezeichnet wurde. Der Tenor damals: Wer sich gewalt- und frauenverachtend äußere, könne nicht als Vorbild und somit als preiswürdig gelten. Im aktuellen Fall entschuldigte sich Farid Bang umgehend auf Facebook. Der Ethikbeirat entschied mehrheitlich: die Nominierung bleibt bestehen. Die Begründung: Es handele sich um einen „absoluten Grenzfall zwischen Meinungs- und Kunstfreiheit und anderen elementaren Grundrechten“, so Wolfgang Börnsen, Vorsitzender des Beirats. Die Texte seien „provozierend, respektlos und voller Gewalt. Nach intensiver und teilweise kontroverser Diskussion sind wir dennoch mehrheitlich zu dem Ergebnis gekommen, dass ein formaler Ausschluss nicht der richtige Weg ist“, denn die künstlerische Freiheit sei „nicht so wesentlich übertreten“, dass ein Ausschluss gerechtfertigt wäre.

Es ist nicht die einzige problematische Stelle des Albums

Diese Zeile ist nicht die einzige problematische Stelle des Albums. Dort herrscht ein Sexismus vor, es gibt auch stellenweise rassistische Zeilen über syrische Flüchtlinge. Dazu kommt das überaus fragwürdige Männerbild, das beide Künstler über 17 Songs hinweg - und auf all ihren anderen Alben - zelebrieren.

„Hat Deutschrap ein Antisemitismus-Problem?“ wird nun gefragt. Die Antwort darauf könnte lauten: Zum größten Teil nein, aber stellenweise doch. Sieht man von explizit rechtsextremen Musikern wie dem Rapper Komplott ab, so finden sich gelegentlich Zeilen, in denen es um „jüdische Anwälte“ geht oder in denen das Stereotyp der „Rothschilds“ zum Feindbild beschworen wird. Das haben auch schon Kollegah oder der deutsch-kurdische Rapper Haftbefehl getan. Und auch – blickt man über die Genre-Grenzen hinaus – Xavier Naidoo, der auf „Raus aus dem Reichstag“ davon sang, dass „Baron Totschild“ den Ton im Land angebe. Naidoo übernahm im vergangenen Jahr übrigens die Moderation beim Echo.

Ressentiments, Vorurteile, Stereotypen, Verschwörungstheorien, Rassismus – das alles findet sich in der deutschen Raplandschaft. Sie sind eine Randerscheinung, was eine Diskussion darüber aber nicht weniger wichtig macht. Und ob die betreffende Zeile von Farid Band tatsächlich antisemitisch oder nur extrem „geschmacklos und verhöhnend“ ist, wie es die Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano kommentierte, ist ebenfalls eine Frage, über die man diskutieren kann.

„Frei.Wild“ wurde 2013 ausgeschlossen

Wäre ein Ausschluss von der Echo-Nominierung richtig gewesen, ebenso wie es die Verantwortlichen schon bei der umstrittenen Südtiroler Band Frei.Wild im Jahr 2013 taten? Auch hier kann es keine einfache Antwort geben. Die aktuelle Kontroverse macht jedoch ein anderes Problem deutlich, das der angeblich „wichtigste deutsche Musikpreis“ hat. Statt musikalischer Qualität wird hier nämlich der kommerzielle Erfolg honoriert. Mit mehr als 200 000 verkauften Alben sind Kollegah und Farid Bang demnach folgerichtig nominiert. So ist es auch kein Wunder, dass sich die immer gleichen Chartstürmer unter den Nominierten finden und dass Helene Fischer inzwischen 16 Auszeichnungen ihr Eigen nennt.

Umso bedauerlicher, dass eine Diskussion über politische Inhalte nur noch dann stattfindet, wenn es um Antisemitismus oder Verschwörungstheorien geht.

Von Christian Neffe

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