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14:01 11.02.2018
Bruce Dickinson, Sänger bei Iron Maiden. Quelle: DPR
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Hannover


Mr. Dickinson, können Sie hellsehen? Sie schreiben In Ihrer Autobiografie, Sie hätten gewusst, als Sie Iron Maiden erstmals bei einem Auftritt in Camden sahen, dass Sie eines Tages deren Sänger sein würden.

Das war, wie wenn du früher als Junge ein Mädchen auf der anderen Seite des Raumes gesehen hast und wusstest: Die wird meine Freundin. Es ist nicht logisch, sondern sinnlos, total emotional – und geht in Erfüllung. So fühlte ich das. Wie es im Buch steht, klingt das vielleicht ein wenig arrogant. Na ja (lacht), und es ist ja auch arrogant!

War es damals schwer, in eine Band zu kommen, die schon erfolgreich war?

Als ich als Sänger bei Iron Maiden eintrat, waren alle erleichtert, denn sie hatten einige Probleme mit meinem Vorgänger. Die Moral war am Boden, als ich mit meinem Welt-einreißen-Enthusiasmus des Wegs kam. Das Album „The Number of the Beast“ war dann auch prima. Aber danach gingen wir auf Tour und voilà, sie waren angepisst. Ich war anders. Paul Di’Anno hatte beim Singen an der Bühnenseite gestanden. Ich dagegen ging in die Mitte, an die Rampe, wo aber schon Steve Harris stand, der Bassist. Ein Sänger braucht nun aber mal die Mitte. Das musste ausgefochten werden.

Halten Rivalitäten die Band frisch? Iron Maiden zählen zu den wenigen großen Bands, die nach 40 Jahren noch hervorragende Platten aufnehmen.

In deinen Zwanzigern sind da mehr Hormone im Spiel, da ist die Rivalität Alltag. 20, 30, 40 Jahre später kommst du ein bisschen runter. Man merkt, dass die Gemeinsamkeiten das Trennende überwiegen. Und man tendiert dann dazu, sehr viel mehr zusammenzuarbeiten. Was eindeutig besser ist.

Was überrascht, ist Ihre Ausweisung Iron Maidens als drogenfreier Zone.

Na ja, drogenfrei ist übertrieben. Was Steve betrifft, glaube ich wirklich, dass er sein ganzes Leben lang noch nie eine Droge angefasst hat. Ich habe ein bisschen Dope geraucht, als ich noch bei der Band Samson war. Bei Maiden habe ich damit aufgehört.

Wegen der abschreckenden Beispiele?

In Amerika trafen wir viel zu viele Leute, die auf Kokain waren. Die waren komplett lächerlich – redeten nur Unsinn, schwitzten viel und schnieften die ganze Zeit. Schreckliche Menschen, schreckliche Droge. Halluzinogene, Acid – ich hab’s nie eingeworfen. Ich habe keine Probleme mit meiner Vorstellungskraft. Alle Stimulation, die ich brauche, ist eine gute Mütze voll Schlaf und gedankenverloren aus dem Fenster schauen zu können.

Auch sonst war Ihnen die Rock-’n’-Roll-Dekadenz fremd. War Ihr Großvater, den Sie in Ihrem Song „Born in 58“ besingen, Ihr moralischer Kompass?

Exakt das war er. Das war Arbeiterklassenethos: Steh ein für dich selbst, lass dich nicht herumschubsen, schubse niemanden herum, tue nie einer Frau weh, sei ehrenwert und verlässlich. Sei nicht politisch korrekt, sei geradeaus. Ein guter Kompass.

Normalerweise ist ein Rockstarleben stressig genug. Sie haben es parallel im Fechten zu Olympiareife gebracht.

Nicht ganz. Es wäre arrogant zu sagen: „Hätte ich machen können, habe aber verzichtet.“ Ich habe mit dem Olympiateam trainiert. Ich kam bis Platz 7, aber für die Spiele musst du unter den ersten vier sein.

Was hat Sie am Fechten gereizt?

Es ist ein Minoritätensport, den viele gar nicht verstehen – die einzige westliche Martial Art, die Sport wurde. Es ist der einzige Kampf mit Waffen, den du durchziehen kannst, ohne verhaftet zu werden – jedenfalls meistens. Und du endest mit dem Gegenteil eines Hirnschadens. Tatsächlich schaltet Fechten das Gehirn an. Das arbeitet jede Sekunde taktisch, imaginativ. Ich hab als Schüler begonnen, mein Lehrer hat seine Leidenschaft an mich weitergegeben. Ich würde auch gern eine Fechtklasse gründen. Aber als Lehrer musst du für deine Schüler da sein. Immerzu. Mein Lebensrhythmus lässt das nicht zu.

Dafür trainieren Sie Jetpiloten.

Ich habe eine Flugschule mit Simulatoren. Das ist anders, das geht blockweise. Da sind Trainer.

Sie sind auch noch Pilot einer Fluglinie geworden. War das, um dem Forever-young-Leben als Rockstar etwas Erwachsenes entgegenzusetzen?

Alle sagten: Du machst doch genug Geld als Rocksänger. Aber ich dachte tatsächlich, durchs Fliegen ein bisschen ernsthafter zu werden.

Wie war das im Cockpit, als Sie den Iron-Maiden-Jumbojet zum ersten Mal in die Lüfte wuchteten?

Leider muss ich da von einer Antiklimax reden. Die Simulatoren sind so gut, da ist kein großer Unterschied mehr zur Wirklichkeit. Der Jet macht exakt das, was du erwartest, du bist total trainiert. Ansonsten solltest du so ein dickes Ding auch nicht fliegen.

Der deutsche Sänger Reinhard Mey singt in seinem Lied „Über den Wolken“ davon, dass dort alles auf Erden Große und Wichtige nichtig und klein wird. Stimmen Sie dem zu?

Wenn ich dort oben bin, bin ich total relaxed. Du machst einen ehrenwerten Job, und nur dem bist du verpflichtet. Für die nächsten zehn Stunden können all meine Probleme auf der Erde bleiben. Ich navigiere die Maschine, bringe die Leute ans Ziel. Und wenn ich dann aus dem Flieger steige, sind sie allesamt wieder da, die Probleme. Aber zwischendurch … Man sieht da wirklich außergewöhnlich schöne Sachen im Cockpit.

Was denn zum Beispiel?

Die Nordlichter. Ich flog regelmäßig nach Island und sah sie ständig. So oft, dass ich sie fast nicht mehr zu schätzen wusste. Fliegt man nach Ägypten und die Sonne geht unter, kann man die Linie zwischen Tag und Nacht sehen. Das ist, als flöge man in einen Tunnel, das ist wie Dantes Inferno. Und wenn jemand neu in der Crew ist, dann holen wir ihn bei einem Nachtflug ins Cockpit. Dann machen wir alle Lichter aus, alle Screens. Warten fünf Minuten. Und dann wird dein Handrücken blau vom Sternenlicht. Die ganze Milchstraße blinkt. Und du sagst: „Mein Gott!“ Was für ein Wunder. Man träumt davon, Astronaut zu sein.

Wäre das noch eine Herausforderung?

Mit vier Jahren wollte ich unbedingt einer werden. Jetzt bin ich zu alt. Aber auch als junger Mann war ich nie so gut in Mathe oder Physik, um dafür in Betracht zu kommen. Sonst? Das wäre schon mein Ding. Natürlich. Sofort.

Sie hatten lebensbedrohliche Situationen in Flugzeugen. Sie sind immer wieder eingestiegen. Sind Sie furchtlos?

Im Gegenteil. Aber es geht beim Fliegen immer ums Risiko. Ein Linienpilot ist ein Risikomanager. Also managt er es. Wenn du fliegen lernst, begibst du dich in viele riskante Situationen, um dieses Management zu lernen.

Ähnlich haben Sie sich verhalten, als bei Ihnen vor vier Jahren Zungenkrebs diagnostiziert wurde: „Okay, ich besiege den Bastard!“ Ohne Angst, Zorn, Verzweiflung. Als wären Sie schon wieder gesund. Als könnten Sie hellsehen.

Wut verbraucht eine Menge emotionaler Energie. Die benötigt man aber, um durch die Behandlung zu kommen. Bei vielen Krebsarten muss man, will man sie loswerden, dem Rest seines Körpers fürchterliche Dinge antun. Ich erkannte schnell, dass ich meine Kräfte dafür brauchte, dass mir ein Hadern nicht helfen würde, wenn ich den Krebs und die Heilmethode überleben wollte.

Hat Ihnen Ihre Familie nicht beigestanden? Bis auf die Widmung am Anfang kommen Ihre Frau und Ihre Kinder in Ihrem Buch praktisch nicht vor.

Natürlich half mir Paddy, wo es ging, sie war riesig, gab alles. Aber es fühlte sich falsch an, meine Familie plötzlich im letzten Kapitel auftauchen zu lassen. Meine Frau sagte vorher: „Ich will mein Leben da nicht ausgebreitet haben.“ Also ließ ich sie raus. Und wenn du über deine Kinder schreibst, meine arbeiten in der Musikindustrie, tust du ihnen nie einen Gefallen. Also habe ich auch sie rausgelassen. Ein Dilemma. Dass sie in diesem letzten Kapitel fehlen, ist der eine große Fehler dieses Buchs. Ich fühle mich deswegen richtig schuldig.

Nett und freundlich: Die „Luftschutzsirene“ des Rock ’n’ Roll ist ein Gentleman

Memoiren vorlesen statt abrocken – fühlt sich das anders an? „Es wird genauso spät“, sagt Paul Bruce Dickinson und grinst. Die Bühne ist egal, auch ein Tisch mit Leselampe und Wasserglas sowie seiner Autobiografie im Berliner Admiralspalast bringt den Rock ’n’ Roll nicht aus dem Sänger von Iron Maiden, der Band mit dem Monster Eddie auf ihren Plattencovern. „Wenn man länger als eine Stunde vor Publikum steht“, verrät Dickinson im Berliner Hotel Regent, „wird automatisch ein Auftritt draus.“

Dickinson, verheiratet, drei Kinder, ist ein freundlicher Gentleman von 59 Jahren, der kein bisschen nach Rocksänger aussieht. Eher wie der smarte Kapitän eines Linienflugzeugs. Sein Lächeln ist gewinnend, die Stewardessen, denkt man, können ihn bestimmt durch die Bank gut leiden. Tatsächlich ist Rocker Dickinson im Nebenjob auch das – ein Jetpilot.

Dickinson kam während seiner Schulzeit zum Rock. Als Zehnjähriger besuchte er mit Musikern, die im Gästehaus seiner Eltern logierten, den Film „Eisstation Zebra“ in Sheffield. Kino. Popcorn. Rock. Alles cool. „So lässt es sich leben“, befand er anno 1968 in der Stahlstadt, als dort gerade Joe Cocker zum Rockstar aufstieg.

Dickinson war zunächst als Schlagzeuger unterwegs, spielte in einer kurzlebigen, namenlosen Internatsband Bongos zum Beatles-Song „Let It Be“, konnte den fürchterlichen Gesang des Bassisten nicht ertragen und sprang spontan ein – worauf man ihn sofort von den Percussions abzog und ans Mikrofon stellte.

Auch in allen folgenden Bands übernahm er fortan den Posten des Frontmanns: bei Styx (nicht die US-Gruppe), den Shots und bei Samson – seinem Einstieg ins Profilager unter dem Medienetikett „New Wave of British Heavy Metal“. Über dessen nach einem Mund voller Fusseln klingende Abkürzung NWoBHM kann er sich heute noch freuen.

Von Samson sprang er 1981 über zu den bereits berühmten Iron Maiden. Dickinsons hohe, melodische Stimme – sein Spitzname ist „Air Raid Siren (Luftschutzsirene)“ – machte Maiden, wie die Gruppe von Fans genannt wurde, zur führenden Metalband des Landes und einem der größten Liveacts der Welt. Bis auf eine Pause von 1993 bis 1999 ist Dickinson bis heute Sänger der Band. Die „Legacy of the Beast“-Tour zum jüngsten Album „The Book of Souls“ wird Maiden im Sommer auch nach Deutschland führen (9. Juni: München, Königsplatz; 10. Juni: Hannover, Expo-Plaza; 13. Juni: Berlin, Waldbühne; 30. Juni: Freiburg, Messe).

Alleinstellungsmerkmal der Band ist, dass sie bei Welttourneen von ihrem Sänger um den Globus gejettet wird. Dickinson ist Kapitän der Ed Force One, einer Boeing 747, von deren Seitenruder das ghulische Eddie-Monster stiert. Gemäß seiner Philosophie, keine halben Sachen zu machen, wie er es in seiner soeben erschienenen Autobiografie „What Does This Button Do“ (Heyne, 446 Seiten, 22 Euro) beschreibt, brachten ihn erste Ausflüge mit einer Cessna 152 schließlich zu einer lizenzierten Nebentätigkeit als erster Offizier und Kapitän einer Luftfahrtgesellschaft. Dickinson besitzt einen Dreidecker und einen riesigen Zeppelin. Ähnlich leidenschaftlich wie das Fliegen verfolgte er eine Laufbahn im Fechtsport. Und denselben Kampfgeist brachte er auf, als er 2014 an Zungenkrebs erkrankte.

Dickinson ist außerdem Geschichtslehrer (zumindest theoretisch) und erfolgreicher Bierbrauer von Trooper Ale, dem Iron-Maiden-Bier. Selbstverständlich mit Monster Eddie auf dem Etikett. Dessen Autobiografie wir jetzt sehnlichst erwarten.

Von Matthias Halbig

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