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Kultur Weltweit Karl Marx, der Denker der Globalisierung
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19:01 01.05.2018
Wie aktuell ist Karl Marx heute noch? Quelle: dpa
Potsdam

Wer hätte im Herbst 1989, kurz nach dem Fall der Mauer, noch einen Pfennig – den Euro gab es damals noch nicht – darauf gewettet, dass in Deutschland jemals wieder eine Karl-Marx-Statue errichtet würde? Knapp 29 Jahre und eine Weltwirtschaftskrise später ist es soweit. Zu seinem 200. Geburtstag stellt seine Geburtsstadt Trier eine 4,40 Meter hohe, 2,3 Tonnen schwere Marx-Skulptur „made in China“ auf – nicht weit von dem ehemaligen Römer-Tor Porta Nigra. Marx ist kein Tabu mehr. Im Kalten Krieg eine Reizfigur, danach für endgültig tot erklärt ist der berühmte Kapitalismus-Kritiker und Gesellschaftstheoretiker wieder auferstanden. Mit drei Sonderausstellungen feiert die rheinland-pfälzische Stadt ihren berühmten Sohn.

Und dies obwohl der alte Mann mit dem grauen Rauschebart sein Leben lang auf den Umsturz hinarbeitete – mit den Waffen der Politik und der Theorie. „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt darauf an, sie zu verändern“, schrieb er als 27-Jähriger zusammen mit seinem Freund Friedrich Engels 1845 – und dürfte damals kaum geahnt haben, wieweit gerade sein Denken die Welt einmal verändern würde. Im Guten wie im Schlechten. Nur Luther kann da noch mithalten.

Sein Denken prägte nicht nur die Arbeiterbewegung und die in dieser Tradition entstandene Sozialdemokratische Partei Deutschlands, die sich noch bis 1959 auf ihn berief. Sein Denken spaltete in der Folge der russischen Revolution von 1917 und der nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen Systemkonkurrenz die Welt. Diejenigen, die sich in der Einflusssphäre der ehemaligen Sowjetunion und Chinas auf ihn beriefen, begingen schlimmste Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Doch auch die Oppositionsbewegungen in Osteuropa, angefangen vom Ungarnaufstand 1956 über den Prager Frühling 1968, und selbst noch Teile der polnischen Solidarnosc wollten zunächst nichts anderes als eine besseren Sozialismus. Marx Denken weckte Hoffnungen auf eine bessere, eine gerechtere Welt.

Über die Ausgestaltung des Sozialismus hat Marx wenig gesagt

Nur, was war laut Marx eigentlich zu erwarten? Über die Ausgestaltung des Sozialismus hat er herzlich wenig gesagt. Insofern konnten diejenigen, auf deren Konto die Lebensverhältnisse im „realen Sozialismus“ gingen, sich nur schwer auf ihn berufen. Seine wissenschaftliche Arbeit konzentrierte sich auf die Analyse des Kapitalismus. Dessen Bewegungsgesetze wollte er durchschauen. Und aus dem, was er dabei herausbekam, zog er den Schluss, dass das System der kapitalistischen Warenproduktion an seinen inneren Widersprüchen zu Grunde gehen würde – die Menschheit sich also etwas Besseres einfallen lassen müsse.

Marx hat eine Theorie mit begrenzter Reichweite entwickelt. Und genau darin liegt seine Modernität. Er hat versucht, seine Zeit in Gedanken zu fassen, die Zeit der Industrialisierung und die weltweite Durchsetzung der Kapitallogik — also das, was heute Globalisierung genannt wird. Theoriegeschichtlich steht er deshalb zusammen mit Friedrich Nietzsche für den radikalen Bruch, den das Denken im 19. Jahrhundert vollzogen hat — den Abschied von einem Erkenntnisideal, das die Einsicht in eine überhistorische und endgültige Wahrheit versprach. Marx und Nietzsche verstanden Philosophie als den begrenzten Versuch, die eigene Epoche kritisch zu verstehen. Beide verband die Einschätzung, dass die Welt so wie sie ist, nicht immer gewesen ist. Für Marx hieß das, Aufgabe der Theorie ist es, die spezifischen Bewegungsgesetze der gegenwärtigen Gesellschaft zu begreifen.

Dieser Anspruch war damals so aktuell wie heute. Und so ist es kein Wunder, dass sich eine lange Traditionslinie durch die Geschichte der modernen Gesellschaftswissenschaften zieht, die sich positiv wie negativ auf Marx bezog — von Georg Lukács über die frühe Frankfurter Schule bis hin zu Jürgen Habermas einerseits, von Max Weber über Talcott Parsons und der Systemtheorie von Niklas Luhmann andererseits.

Von den Einsichten des Revolutionstheoretikers ist nicht viel übrig

Von den ursprünglichen Einsichten des Revolutionstheoretikers Marx freilich ist nicht mehr viel übrig geblieben. Das ist nicht verwunderlich. Als Kind seiner Zeit griff Marx, um seinen Anspruch auf eine praktisch werdende Philosophie gerecht zu werden, auf die Erkenntnisse anderer Wissenschaften zurück. Auf der Grundlage der Nationalökonomie David Ricardos entwickelte er seine Theorie der Ausbeutung und die These vom notwendigen Zusammenbruch des Kapitalismus. Doch die theoretischen Annahmen eines Ricardos lassen sich mit den Mitteln der modernen Wirtschaftswissenschaften nicht beweisen und müssen daher heute ins Reich der Spekulation verwiesen werden.

Aktuell ist Marx hingegen mit seiner Entdeckung der immer wiederkehrenden Krisen des Kapitalismus oder seiner Prognose einer sich verschärfenden Unternehmenskonzentration. Schlagend aktuell sind etwa Sätze aus dem „Kommunistischen Manifest“ in denen Marx und Engels 1848, also in Zeiten, als die Industrialisierung in Deutschland noch gar nicht stattgefunden hatte, die „fortwährende Umwälzung der Produktion, die ununterbrochene Erschütterung aller gesellschaftliche Zustände“ prophezeit. Das ist im Zeitalter der Digitalisierung Gegenwart pur.

Der Kapitalismus ist vielleicht gerade wegen Marx noch lebendig

Dass der Kapitalismus, anders als von Marx erwartet, doch nicht zusammengebrochen ist, hängt aber möglicherweise gerade mit seinen Analysen und Prophezeiungen zusammen. Der Kapitalismus ist dadurch vielleicht nicht grundsätzlich besser geworden, aber die Idee einer sozialen Marktwirtschaft ist aus den Erfahrungen seiner Schattenseiten geboren worden. Wenn sie heute in der Krise ist, dann ist das Grund genug, den Ursachen auf den Grund zu gehen. Von Marx kann man heute noch lernen, wie mit den jeweils zur Verfügung stehenden wissenschaftlichen Instrumenten die gesellschaftliche Welt kritisch analysiert werden kann. Wir haben heute andere zur Verfügung. Aber angesichts der sozialen Verwerfungen, die der Kapitalismus nach wie vor hervorbringt, ist die kritische Analyse die unerlässliche Grundlage dafür, dass sich das System ständig von Neuem reformiert. Insofern bleibt ein Teil der frühen Einsicht aktuell: Es kömmt darauf an, den Kapitalismus immer wieder zu verändern.

Von Mathias Richter

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