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Kultur Weltweit Zauberin und Zweiflerin – 75 Jahre Janis Joplin
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12:31 19.01.2018
Die Stimme, die die Rockmusik zur Frauensache machte: Janis Joplin war mehr als der „chicken singer“ in einer Kerleband. Quelle: imago
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Die Band war okay, eher durchschnittlich, sie hatte den Blues drauf, wie Weiße den Blues halt so drauf haben, wenn sie nicht Clapton, Burdon oder Morrison (Jim oder Van) heißen. Sie verstanden sich als klassische Band, alle Mitglieder gleichrangig. Ein Missverständnis. Keiner sah die Sensation kommen. Als das Festival von Monterey vom 16. bis 18. Juni 1967 stieg, wurde Big Brother and the Holding Company nur eine Hand voll Songs gestattet.

Die Offenbarung von Monterey

Sie traten am zweiten Festivaltag als zweite Band auf. Eine Anheizerrolle, und hätten sie eine andere Sängerin gehabt, wären sie nicht einmal eine Fußnote in der Popgeschichte geworden. Aber Big Brother hatten Janis Joplin am Mikrofon. Und als diese kleine Frau, die ihre Kollegen für einen „chick singer“ (ein Mikrofonhühnchen) hielten, mit ihrer gewaltigen Bluesröhre Big Mama Thornton’s „Ball and Chain“ durchackerte, war es dem weiten Feld der feiernden Hippies, Folk- und Rockfans, als hätte sie ein Blitz durchfahren. Und als Janis Joplin von der Bühne ging, war es, als bliebe eine Wolke von Hexenglitzer und Feenstaub in der Luft zurück. Big Brother waren in Wahrheit vier Musiker mit einem richtigen Star in ihrer Mitte. Heute, am 19. Januar 2018, wäre dieser Star 75 Jahre alt geworden. Janis Joplin wurde nur 27.

Eine Rolle spielen in der Welt

Sie stammte aus Texas, aus bürgerlichen Verhältnissen, war die Tochter eines Texaco-Mitarbeiters und einer Büroangestellten. In der Schule war sie eine von den abseitigen Talenten – liebte Literatur, versank in Büchern, zeichnete gut, bekam privaten Kunstunterricht, sang im Kirchenchor, sang leidenschaftlich gern und entdeckte bald den Folk und den Blues für sich.

Janis Joplin war keine Schönheit, eher eine von jenen Menschen, die Aufmerksamkeit bekommen, weil sie es verstehen, den Clown zu markieren, weil sie sich extravagant kleiden und bewegen. Die es eben auch drängt, eine Rolle zu spielen in einer Welt, die die guten Parts nur an die Schönen und Smarten vergibt. Nach der Highschool ging sie erst nach Kalifornien, um Sängerin zu werden, dann mit viel Hippieflair zurück ins gesittete Austin, wo sie ihre exzentrischen Outfits zum schrägen Vogel machten. Im Frühsommer 1966 holte der Manager von Big Brother sie dann in die Band. Dann kam Monterey. Der Rest ist Geschichte.

Betrunken in Woodstock

Eine traurige Geschichte. Joplin war Zauberin und Zweiflerin zugleich. Sie konnte auf der Bühne Musik in eine transzendentale Erfahrung verwandeln, auf dass sich dem Publikum der wahre Kern des Blues enthüllte und Gänsehaut den gesamten Körper flutete. Und in den Kulissen, den Hotels und den vielen Einsamkeiten des Musikerdasein konnte sie sich ebenso exzessiv in Ängste, Alkohol und Drogen stürzen.

Woodstock, das Festival der Festivals, sah 1969 eine Janis Joplin mit brüchiger Stimme, die betrunken schien, das Konzert eher durchstand als performte und desillusioniert wirkte, als wisse sie schon um die letzte Dämmerung des dreijährigen „Sommers der Liebe“, der im Dezember des Jahres mit dem katastrophalen Rolling-Stones-Festival von Altamont zu Ende gehen würde: „Früher waren wir nur ein paar, jetzt gibt es Unmengen und Unmengen von uns“, kritisierte sie von der Bühne herab die Verwandlung der Hippiekultur in Mainstream.

Von dem sie auch angezogen wurde. Wie viele Stars der Straße, die ein Nomadenleben führen, sehnte sie sich nach einem Ort der Ruhe, einem Mann an ihrer Seite, einem Familienleben. Zu hören ist das auf ihrem letzten Album, „Pearl“, das ihren neuen Spitznamen als Titel trug, in ihrem selbstironischen Song „Mercedes Benz“. Der liebe Gott solle ihr doch bitte einen tollen Wagen und einen Farbfernseher kaufen, kräht sie bluesig und ganz ohne musikalische Begleitung über die Verlockungen der Konsumgesellschaft. Um sich hinterher kichernd über sich selbst zu amüsieren. Herrje, man hat das aufregendste, abenteuerlichste Leben und schielt nach dem Verachteten, das den Alten so wichtig war und von dem man nichts wie weg wollte.

Nummer-Eins-Hit: Ein Lied von den zwei Seiten der Freiheit

Der Musiker John Byrne Cooke, Joplins Roadmanager seit 1967, sagte, er habe Joplin nie glücklicher gesehen als 1970, als sie sich mit ihrer neuen Gruppe, der Full Tilt Boogie Band, auf Konzerte vorbereitete. Hier waren versierte Musiker, vier Kanadier, ein Amerikaner (eine Zusammensetzung wie bei The Band von Bob Dylan), die um die Perle in ihrer Mitte wussten und sie glänzen ließen. Und die Perle glänzte, hatte Selbstvertrauen gefunden und mit Paul Rothchild einen Produzenten, der nicht nur Songs aufnahm, sondern ihre Stimme als Majestät betrachtete, die er in den Mittelpunkt der Sessions stellte.

Der letzte Song, den sie einsang, war der eines Freundes: Kris Kristoffersons „Me and Bobbie McGee“ erzählte von der Schönheit und zugleich der Kehrseite eines freien Lebens: „Freedom’s just another Word for nothing left to loose“, sang Joplin, und dass sie all ihre morgigen Tage für ein einziges Gestern verkaufen würde. Sie schloss den Song am 1. Oktober 1970 ab. Da waren es nicht einmal mehr hundert Stunden bis zu ihrem Tod.

Man fand Janis Joplin am 4. Oktober in ihrem Apartment, nachdem sie tags zuvor nicht ins Studio gekommen war. Todesursache war eine Überdosis Heroin. „Me and Bobbie McGee“ wurde im Frühjahr des folgenden Jahres ihr erster und einziger Nummer-Eins-Hit in den USA. Joplins Geist beflügelte bis hin zu Amy Winehouse zahllose Sängerinnen, mehr sein zu können als der „chicken singer“, als die optische Attraktion.

Brad Campbell ließ Joplin nie von seiner Bühne

Wie viel wunderbaren Blues man noch gern von ihr gehört hätte. Brad Campbell, der Bassist sowohl in ihrer Kozmic Blues Band als auch in der Full Tilt Boogie Band war, hat sie nie von seiner Bühne verschwinden lassen. 2004 sagte er in einem Gespräch mit Cooke: „Jedesmal wenn ich spiele, ist es für mich immer noch so, als ob ich neben Janis stehe.“

Von Matthias Halbig/RND

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