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Kultur Weltweit John Mellencamp besingt Amerikas kaputtes Herz
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16:00 09.05.2017
Dieses Instrument bekämpft Populisten: John Mellencamp wandelt auf seinem neuen Album auch auf den Spuren von Woody Guthrie. Quelle: Universal Music
Nashville/Indiana

Kennt den noch wer? Es ist lange her, dass John Mellencamp aus Seymour/Indiana bei uns so etwas wie ein aufstrebender Geheimtipp war. Mit seinem dritten Album „American Fool“ erfuhr der damals 31-Jährige 1982 zumindest in den USA seinen Durchbruch. Der melodische Midtemporocker „Hurts so good“ und die Ballade „Jack & Diane“, in dem er das Ende der jugendlichen Unbedingtheit besang, waren zwar Ohrwürmer, aber in Deutschland noch nicht mal halbe Hits: „Oooh, life goes on, long after the thrill of living has gone“, sang Cougar und traf damit die Befürchtungen aller damals Erwachsenwerdenden. Die Alten leben am Ende der Träume einfach weiter. Die Leben werden kleiner, man lernt das Verschwinden im alltäglichen Grau. Jack will das nicht, will weg mit Diane in die Stadt, ein wildes, großes Abenteuerleben. Damals nannte Mellencamp sich noch John Cougar, später „John ,Cougar‘ Mellencamp, am Ende blieb der alberne ,Puma‘ ganz weg. Weil die Texte gehaltvoller wurden und die Stimme vom vielen Rauchen angenehm heiser klang, ehrte man ihn zwiespältig als „Springsteens kleinen Bruder“. Er legte vorzügliche Rock-’n’-Roll-Alben wie „Uh-uh“ (1983) und „Scarecrow“ (1985) vor und begann sich 1987 mit „The Lonsesome Jubilee“ in Richtung Rootsmusic zu orientieren. Deutschland stand zu jener Zeit eher auf das kanadische Reibeisen Bryan Adams.

Nicht in Nashville/Tennessee

36 Jahre später heißt das, was Mellencamp macht, längst Americana, und der inzwischen 65-jährige Songwriter gilt als Garant für melodiöse, kantige amerikanische Sounds. Aufgenommen hat er sein neues, 23. Album „Sad Clowns & Hillbillies“ in Nashville und weil das Ergebnis mit seinen Klampfen-, Banjo-, Fiedel- und Mundharmonikaklängen folkig bis countryesk anmutet, käme man nie auf die Idee, es könne sich um ein anderes Nashville als das berühmte Country-Mekka in Tennessee handeln. Zumal er mit Johnny Cashs Stieftochter Carlene Carter (das Album ist mit ,John Mellencamp featuring Carlene Carter‘ betitelt) auch noch bei vielen der 13 Songs eine Größe der Music City an seiner Seite weiß.

Aber eingespielt wurden die Lieder zuhause in Nashville/Indiana. Mellencamps Stimme erinnert dabei immer noch an Springsteen, zuweilen aber - im raueren Wortgeschrappe - an Bob Dylans Hartholzraspeln. Nicht alle Texte sind hier von ihm selbst, das Uptempo-Stück „My Soul’s got Wings“ etwa ist ein Poem seines Idols Woody Guthrie, für das Mellencamp, ähnlich wie es Wilco und Billy Bragg auf ihren „Mermaid Avenue“-Platten taten, Musik geschrieben hat.

Die Texte sind nachdenklich, zuweilen schmerzlich, es ist noch herauszuhören, dass es der ursprüngliche Plan von Carter und Mellencamp war, ein Album mit alter religiöser Countrymusik zu machen, mit dem Gospel der Provinz. In „What Kind of Man am I?“ geht ein Mann, der sich zeitlebens weggeduckt hat, mit sich selbst ins Gericht. All seine Lügen sind längst bei ihm zurück und bedrücken ihn jeden einzelnen Tag seines schmaler werdenden Lebens. „Set me free“ sehnt er sich nach Befreiung. Eine Gottesanrufung aus tiefer Seelenqual. Erlösung kommt im bluesigen „Damascus Road“ mit Carter als Hauptstimme, einer nadelnden Gitarre und einer feurigen Harp.

Scharfe Kritik an amerikanischer Politik

Aufgenommen zwischen Dezember 2015 und Februar 2016, ist „Sad Clowns …“ in einer zunehmend sich politisierenden Liederschmiede Amerika nicht unbedingt auf Höhe der zunehmend turbulenten Zeiten zu verorten. Aber im letzten Song, „Easy Target“, unterzieht Mellencamp sein Amerika einer vernichtenden Kritik, zeiht es der Diskriminerung der Unterschicht, populistischer Polarisierung und eines Rassismus, der seit dem Ende der Sklaverei vonr 150 Jahren immer noch virulent ist. „Schwarze Leben zählen“, singt Mellencamp: „400 Jahre und wir können es immer noch nicht bleiben lassen.“ In Amerika schieße man nur noch auf leichte Ziele, sagt er im Refrain, und konstatiert seinem Land „ein kaputtes Herz“. Veröffentlicht hat er den Song schon vor dem Albumrelease – am Tag von Donald Trumps Inauguration.

Aufs Rocken versteht sich Mellencamp dann auch noch, das zeigt er im Song „Grandview“, den er mit Countrystar Martina McBride singt, und in dem ihm Izzy Stradlin, Ex-Gitarrist von Guns’N’Roses, und Tom Pettys Schlagzeuger Stan Lynch zur Seite stehen. Die Mellencamp-Show wird weitergehen, seit 2014 hat er einen lebenslangen Plattenvertrag bei Republic Records. Mit 65 ist eben noch lange nicht Schluss.

John Mellencamp featuring Carlene Carter: „Sad Clowns & Hillbillies“ (Republic Records)

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Von Matthias Halbig / RND

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