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Kultur Weltweit Jana Hensels erster Roman
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12:15 01.08.2017
Die Autorin Jana Hensel. Quelle: dpa
Leipzig

Wenn ein Liebesroman mit der Trennung beginnt, ist das ein bisschen so wie beim „Tatort“, wenn der Täter schon am Anfang vorgestellt wird. Das Ende ist also schnell klar, und es steht die große Frage im Raum, wie es dazu kam. Wie war der Anfang? Was lief schief? Dass sich daraus literarisch wie filmisch spannende Geschichten entwickeln lassen, liegt auf der Hand. Es gibt genügend Beispiele dafür. Auch die in Leipzig aufgewachsene Erfolgsautorin und Journalistin Jana Hensel (41, „Zonenkinder“) beweist in ihrem aktuellen Romandebüt, dass frühe Auflösung und dramaturgische Spannung sich nicht gegenseitig ausschließen müssen.

Keinland“ zieht den Leser mit viel poetischer Kraft hinein in eine intensive Liaison zwischen einer deutschen Journalistin und einem israelischen Geschäftsmann. Eine Love-Story, die wild zwischen Tag und Nacht, zwischen Berlin und Tel Aviv, zwischen München und Jerusalem hin und her pendelt. Neudeutsch firmiert diese Art von Liebe unter On-Off-Beziehung, die Hensel vor allem über die biografischen Fixpunkte der beiden Protagonisten in ein literarisches Spannungsgeflecht setzt.

Da ist auf der einen Seite die Berliner Zeitungsreporterin Nadja als Hauptfigur. Eine junge Frau in den Mittdreißigern mit unverkennbar ostdeutschen Wurzeln und auf der Suche nach der großen Liebe. Ihr Chef beschließt eines Tages in der Redaktionskonferenz, dass nur sie eine Reportage über Israel schreiben könne. Schließlich gehe es um ein Land mit Mauern, in das man nicht so einfach hineinkomme und auch nicht so ohne weiteres heraus. Das wäre doch, na klar, genau wie in der DDR und damit, natürlich, ein Thema für die Ost-Reporterin. „Viele Kollegen lachten, ich lachte nicht“, bilanziert Nadja als Ich-Erzählerin sarkastisch im Rückblick.

Cover. Quelle: dpa

Aber der Auftrag, den sie eher pflichtgemäß als begeistert annimmt, verändert ihr Leben. Sie trifft auf den ruhelosen Martin Stern und verliebt sich in ihn. Er ist Anfang Fünfzig, Geschäftsmann aus Tel Aviv, dessen Eltern als Kinder den Tod in Auschwitz rochen, aber sie überlebten. Um dann, nach 1945, die nächste Verfolgung im nun kommunistisch regierten Polen zu erleiden. Eine Frau aus einem Land, das abgeschafft wurde („Das falsche Land“) und ein Mann, der als Jude zwar in Frankfurt am Main aufwuchs, aber im Land der Täter („Das fremde Land“) nie eine Heimat fand und auch nicht verzeihen kann. Mit der Wiedervereinigung verlässt er schließlich sein Geburtsland. „Meine Eltern haben mir nach dem Krieg den Namen Martin gegeben, damit man mich nicht erkennt“, sagt er zu seiner Geliebten. Er sollte so heißen wie ein richtiger Deutscher. „Aber ich werde nie ein richtiger Deutscher. Ich weiß nicht wer, ich bin.“

Aus der biografischen Zerrissenheit ihrer zentralen Figuren, die irgendwie zwischen allen Stühlen sitzen und für die „Keinland“ quasi als emotionsloses Synonym für Heimatlosigkeit steht, schafft Hensel mit literarischer Dichte und einem sensiblen Blick fürs Historische viel mehr als nur eine reine Liebesgeschichte. Die Autorin mit Leipziger Wurzeln, die seit vielen Jahren in Berlin lebt und erfolgreich als Journalistin arbeitet (Theodor-Wolff-Preis 2010), hat sich in ihrem Debüt den großen Fragen gestellt. Und denen muss sich der Leser stellen. Wie beeinflusst die Herkunft das Leben von Menschen? Kann ein schon weit zurückliegendes Völkerverbrechen, wie der Massenmord des NS-Regimes an den Juden, noch heute das Schicksal der Nachgeborenen bestimmen? Ja, die Vergangenheit kann auch eine Liebesgeschichte in der Gegenwart beeinflussen. Immer wieder sinniert vor allem der heimatlose Martin darüber, was sein Leben ausmacht, wie ihn die „Erinnerungen erdrücken“, wie „Vergangenheiten die Gegenwart zermalmen“. Dass aus dieser Verlorenheit des männlichen Hauptprotagonisten keine locker-romantische Liebesgeschichte entstehen kann, liegt auf der Hand.

Andererseits versteht es Hensel, das Sinnliche, das Körperliche gekonnt in die Handlung einzuweben. Zuviel Kopf hat schließlich noch keiner Beziehung geholfen, das gilt ebenso im literarischen Sinne. „Von den Nächten muss auch die Rede sein, von den Nächten muss ich unbedingt erzählen, an die Nächte muss ich mich erinnern“, sagt Nadja im Rückblick. Und daraus entsteht für den Leser der Sog von „Keinland“. Der Untertitel „Ein Liebesroman“ verspricht jedenfalls nicht zuviel, auch wenn der Ausgang vorweggenommen wird. Kein Happy End also, zumindest nicht im klassischen Sinne. Wie immer im Leben bleibt dennoch ein Fünkchen Hoffnung, und dafür hat Hensel auf den letzten Seiten noch eine elegante Wendung eingebaut.

Von André Böhmer

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