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Kultur Weltweit Ist Fußball ein ungerechter Sport, Gunter Gebauer?
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08:07 16.06.2018
Zwischen Sprachspielen und Endspielen: Gunter Gebauer ist Philosoph und Fußballexperte. Quelle: Imago
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Herr Prof. Gebauer, die deutsche Mannschaft startet ins Turnier. Was trauen Sie denn der Elf von Jogi Löw zu?

Eine ganze Menge. Die Mannschaft passt gut zusammen, und Jogi Löw ist ein hervorragender Trainer. Wozu es am Ende reicht, hängt aber natürlich auch davon ab, welche Gegner im Laufe des Turniers auf die deutsche Mannschaft warten. Aber die Vorrunde sollte erst einmal kein Problem darstellen.

Wenn Sie Fußball schauen, sind Sie dann lieber mit anderen zusammen oder lieber allein, um in Ruhe das Spiel zu analysieren?

Lieber zusammen. Allein ist trostlos. Ich bin ein ganz naiver Fan vor der Glotze. Wenn ich dann ausschalte, bin ich auch in der Lage zu analysieren. Aber nicht während des Spiels.

Sie lehren Philosophie. Wie sind Sie denn dazu gekommen, ausgerechnet den Fußball mit den Augen des Philosophen zu betrachten?

Ich habe in meiner wissenschaftlichen Karriere lange über die Hand geforscht. In der menschlichen Kultur entstehen ja nahezu alle großen Leistungen aus Tätigkeiten der Hand. Sei es das Formen von Ton, das Abgrenzen des Territoriums, Kunst, Schreiben und vieles mehr. Auch die Sprachentwicklung hängt mit der Hand zusammen.

Aber wieso denn die Hand? Das Wesen des Fußballs ist doch, dass mit Ausnahme des Torwarts die Hand gar nicht benutzt werden darf.

Und genau dieses Handverbot hat mich schon sehr früh fasziniert. Was für eine skurrile Idee, den Gebrauch dieses ungeheuer kreativen, fruchtbaren menschlichen Instruments einfach zu verbieten. Dadurch, dass die Hand nicht verwendet werden darf, wird der menschliche Körper primitiver gemacht, als er normalerweise ist.

Fußball ist also so etwas wie ein künstlich hervorgerufener evolutionsbiologischer Rückschritt?

Ja. Man dreht das Rad der menschlichen Entwicklung zurück. Wir können sagen, Fußball zeigt uns einen anderen Gebrauch des menschlichen Körpers. An zahllosen Beispielen demonstriert er, was Menschen in einer solchen Lage aus sich machen können. Das Spiel mit dem Fuß ist ein anthropologisches Experiment. Und wenn der Fußballer in dieser prekären Situation zu virtuosen Dingen wie einem Fallrückzieher ansetzt, dann wird aus diesem Handverbot nicht nur das Beste gemacht, sondern große Kunst gewonnen. Sowieso ist sinnliche Schönheit unverzichtbar für ein gutes Fußballspiel. Das Schlimmste, was Liebhabern des Spiels passieren kann, ist doch ein Arbeitssieg.

Aber Fußball ist auch sehr oft nicht schön. Bei einem Handballspiel fallen pro Spiel oft 50 und mehr Tore, beim Basketball passiert auch dauernd etwas. Beim Fußball kann es sein, dass 90 Minuten lang kein einziges Tor fällt. Warum finden wir ausgerechnet Fußball so faszinierend?

Wer nichts von Fußball versteht, findet so ein 0:0 grottenlangweilig. Das ist der Unterschied zwischen Kennern und Nichtkennern. Nichtkenner denken, das Spannende am Spiel ist, dass ein Tor fällt. Aber Fußball besteht auch darin, Tore zu verhindern. Und diese Fähigkeit ist beim Fußball viel stärker ausgeprägt als beim Handball oder Basketball. Beim Handball erwartet man, dass ein Angriff mit einem Tor abgeschlossen wird.

Das Gelingen ist quasi der Standard?

Ja, und beim Fußball ist das Misslingen das Normale. Aber wenn dann etwas gelingt, ist das natürlich großartig und etwas ganz Besonderes.

Aber der Mensch ist doch ins Gelingen verliebt und schaut sich gern Dinge an, die funktionieren. Müsste Handball nicht viel beliebter sein als Fußball?

Aber dadurch, dass etwas andauernd gelingt, wird es ja auch entwertet. Wenn bei nahezu jedem Angriff ein Tor fällt, dann sagt man: Das ist normal. Das ist sehr schön, aber eben das übliche Gelingen. Aber wenn beim Fußball einem Spieler ein Tor zu einem 1:0-Sieg in einem wichtigen Spiel gelingt, dann wird dieses Tor in der Erinnerung geradezu verklärt.

Der Philosoph Albert Camus (r.) hat sich schon früh über Fußball geäußert. Quelle: dpa/Archiv

Ein solches 1:0 kann aber auch die hoffnungslos unterlegene Mannschaft schießen. Ist Fußball nicht ein zutiefst ungerechter Sport?

Im Fußball kann die über das ganze Spiel schlechtere Mannschaft in der letzten Minute ein Tor schießen und den Spielverlauf auf den Kopf stellen. Das hat mit Gerechtigkeit dann nichts mehr zu tun. Aber es hat auch etwas Faszinierendes. Wenn ein Spiel immer nur gerecht ist, kann man sagen: Das ist alles sehr in Ordnung, eine heile Welt. Aber Fußball ist nun einmal keine heile Welt. Fußball ist zerrissen und ungerecht und gemein. Also enorm realistisch. Wenn man sagen würde, ein Fußballspiel bildet eine Lebenswirklichkeit ab, wäre das eine ziemlich schreckliche Lebenswirklichkeit. Aber sie kann auch gut für mich ausgehen. Fußball hat sehr oft etwas Dramatisches.

Nennen Sie ein Beispiel?

Beim Basketball etwa verhält es sich ja so, dass Meister wird, wer im Finale vier von maximal sieben Spielen gewinnt. Und als Fußballfan sage ich: Das mag gerecht sein, ist mir aber viel zu langweilig. Bis zu sieben Spiele? Nein. WM-Finale, ein Spiel, einmal 90 Minuten plus eventuell Verlängerung und Elfmeterschießen. Das muss reichen. Das ist Drama. Nicht umsonst beträgt die klassische Länge des griechischen Dramas mit seinen fünf Akten rund 90 Minuten. 90 Minuten gelten seit dieser Zeit als klassische Standardformel für eine spannende Sache. Auch spannende Kinofilme sind ja oft rund 90 Minuten lang. Allerdings ist ein Fußballspiel anders als der Kinofilm oder das Theaterstück ergebnisoffen.

Eines Ihrer Bücher heißt “Das Leben in 90 Minuten“. Ist es nicht übertrieben, Fußball mit dem Leben gleichzusetzen?

Eine Gleichsetzung ist es ja nicht. Fußball ist Spiel, das Leben ernst. Das beschreibt schon mal einen riesigen Unterschied. Wenn ein Fußballspiel zu Ende ist, wird alles weggewischt, und es geht wieder von vorne los. Das ist beim Leben nicht so. Aber was in einem Spiel passiert, steht charakteristisch für das Leben. Es gibt viel Anlass zur Verzweiflung, zur Trauer, auch zur Freude während eines Spiels. Es ist mindestens so interessant wie eine Netflix-Serie.

Von dem französischen Philosophen Albert Camus, der in jungen Jahren Torwart war, stammt das Zitat: “Ich begriff sofort, dass der Ball nie so auf einen zukommt, wie man es erwartet. Das war eine Lektion fürs Leben.“ Sehen Sie im Unerwartbaren eine Parallele zwischen Leben und Fußball?

Im Fußball sucht man ja solche unerwartbaren Momente. Wenn da alles erwartbar wäre, wäre das für die Spieler, die viel können und sich beweisen wollen, langweilig und uninteressant. Sie wollen ja gerade zeigen, dass sie mit dem Unerwartbaren fertig werden. Im wirklichen Leben gibt es ja auch diese Abenteurertypen, die einfach aufbrechen und sich riskieren. Ich glaube, da zeigt sich eine wichtige Parallele zwischen Fußball und Leben. Im Fußball riskiert man sich ja auch. Man riskiert das Scheitern, wenn man loszieht, in den Zweikampf geht, auf den Flügel ausweicht, um eine Flanke zu schlagen. Es gehört Mut dazu, mit dem Ball allein loszulaufen, seine Gegenspieler zu umdribbeln. Aber das will man ja sehen im Fußball, das Risiko. Und wenn man nicht eine Beamtenmentalität hat, will man es auch im Leben sehen. Oder sogar selbst erleben.

Aber das Unerwartbare kann ja auch etwas sein, was einem widerfährt.

Wer Fußball spielt, muss davon ausgehen, in unerwartbare Situationen zu geraten. Aber er muss dann auch in der Lage sein, solche Situationen zu bewältigen. Und das kann man für das Leben ja auch sagen. Mit seiner ausdrücklichen Zulassung des Zufalls ist der Fußball ein realistisches Spiel. Er rückt näher an die gesellschaftliche Wirklichkeit heran als andere Spiele. Aber auf Dauer hat das Prinzip des Könnens ein deutliches Übergewicht über den Zufall.

Apropos Können, zurück zur aktuellen WM: Wer wird Weltmeister?

Ich denke, Frankreich. Frankreich hat die besseren Einzelspieler, einen guten Trainer und sehr gutes Mannschaftsspiel. Allerdings kommt Frankreich im Gegensatz zu Deutschland ja nicht immer gut durch ein Turnier. Vielleicht r eicht es am Ende ja doch für das Team von Jogi Löw.

Gunter Gebauers Herz schlägt für Holstein Kiel. Quelle: augenklick/firo Sportphoto

Zur Person: Gunter Gebauer

Das Verhältnis von Intellektuellen, Wissenschaftlern und Schriftstellern zum Volkssport Fußball galt lange Zeit als schwierig. Kicken war vielen ein “Proletensport“, nichts für Schöngeister. Von Martin Walser ist der Satz überliefert: “Es gibt nur eines, was noch sinnloser ist als Fußballspielen: Nachdenken über Fußball.“

Aber es zeigten sich auch Ausnahmen: Albert Camus etwa war ein leidenschaftlicher Fußballer und Fußballfan. “Alles, was ich im Leben über Moral oder Verpflichtungen des Menschen gelernt habe, verdanke ich dem Fußball“, sagte der französische Schriftsteller und Philosoph einmal.

Vereinzelt wagten sich auch deutsche Schriftsteller an das Thema Fußball. Peter Handke etwa druckte die Aufstellung des 1. FC Nürnberg vom 27. Januar 1968 ab und nannte das ein Gedicht. Ror Wolf widmete sich in seinen wunderbaren Radio-Collagen unter anderem der Fußball-Weltmeisterschaft 1974 und der “Schmach von Cordoba“ der deutschen Mannschaft bei der WM 1978. Auch Ludwig Harig und F. C. Delius schrieben über Fußball. Doch diese Beispiele sind eher die Ausnahmen als die Regel.

Heute hingegen haben die allermeisten Dichter und Denker keine Scheu mehr, sich mit Fußball zu beschäftigen und ebenfalls am großen Spektakel teilzuhaben. Er ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Klaus Theweleit und Horst Bredekamp haben kluge Abhandlungen über den Fußball geschrieben, Albert Ostermaier verfasst Fußballgedichte, Moritz Rinke poetische Kolumnen und Bücher.

Kaum einer aber hat über einen so langen Zeitraum und so intensiv über die verschiedenen Ebenen des Fußballs geschrieben wie Gunter Gebauer. Der mittlerweile emeritierte Philosophieprofessor der Freien Universität (FU) Berlin blickt etwa in seinen Büchern “Die Poetik des Fußballs“ (2006) und “Das Leben in 90 Minuten. Eine Philosophie des Fußballs“ (2016) mit anderen Augen auf die schönste Nebensache der Welt. Er interessiert sich nicht nur für Fußball, sondern betrachtet ihn als philosophischen Gegenstand.

Geboren wurde Gebauer in Timmendorfer Strand, aufgewachsen aber ist er in Kiel. Fußball gespielt hat der heute 74-Jährige wenig in seiner Jugend – er war stattdessen Leichtathlet und lief die 100 Meter in 10,7 Sekunden. “Aber wir haben direkt neben den Fußballern von Holstein Kiel trainiert“, sagt er. „Und meine Mutter hat in der Geschäftsstelle des Vereins gearbeitet.“

Dadurch habe er schon als Kind erste Einblicke in die Welt des Vertragsfußballs bekommen. “Die Lizenzspieler haben die blauen Umschläge mit dem Geld von meiner Mutter bekommen. Das waren um die 175 Mark pro Monat. Wenn sie noch ein paar Tore geschossen haben, auch mal 220 Mark. Das war sehr bescheiden. Aber die Spieler wurden sehr bewundert.“

Nach dem Abitur studierte Gebauer an der FU Berlin Philosophie, Literaturwissenschaft, Linguistik und Sportwissenschaft und promovierte und habilitierte sich ebenfalls in Berlin im Fach Philosophie. Seine Schwerpunkte liegen unter anderem in der Sprachphilosophie Ludwig Wittgensteins, der An­thropologie, der Soziologie der körperlichen Praktiken, der Ästhetik und der Theorie des Sports und des Spiels. Er war als Student Mitglied der Studentenfußballmannschaft “Lokomotive Reichstag“.

In der vergangenen Saison ist seine alte Liebe zu Holstein Kiel wieder neu aufgeflammt. Gebauer, der verheiratet ist und zwei Kinder hat, befürchtet aber, dass die “Störche“ in der kommenden Saison Schwierigkeiten haben werden, erneut oben mitzuspielen. “Sie haben so fantastische Fans und großartige Spiele gezeigt. Aber ihnen werden ja alle Spieler weggekauft. Alles, was sie aufgebaut haben, wird ihnen doch sofort weggenommen, unter den kapitalistischen Bedingungen der Bundesliga.“

Von Kristian Teetz

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