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Imagine... John Lennon würde noch leben

60 Jahre „Love Me Do“ Imagine... John Lennon würde noch leben

Vor 60 Jahren schrieben Lennon/McCartney ihren ersten gemeinsamen Song. „Love Me Do“ wurde ein Welterfolg. Zeit für ein Gedankenexperiment: Wäre John Lennon heute ein anstrengender Politrocker? Oder eine Stimme der Vernunft?

„Was willst du von mir? Ich bin bloß ein Musiker.“ John Lennon wurde 1980 erschossen. Was, wenn er noch lebte?

Quelle: dpa

New York. Ich war kürzlich in New York, im Central Park. Die Sonne schien, Eichhörnchen flitzten über den Rasen. Man hat ihm da 1985 ein Denkmal gebaut, eine Windrose aus Mosaiksteinchen, gleich gegenüber dem Dakota-Building, vor dem ihn dieser Feigling erschossen hat. „Imagine“ steht in der Mitte. Menschen standen im Kreis, Amerikaner, aber sie schwiegen. Einer hatte eine Gitarre. Das kann schnell peinlich werden. Aber das wurde es nicht.

Na klar, John Lennon hat es leicht als Legende: Er ist tot. Aber stellen wir uns mal kurz vor, er würde noch leben.

Imagine.

Er würde uns guttun. In einer Welt voller abgezockter Pragmatiker, voller kleingeistiger Gier- und Schreihälse könnten wir einen Träumer gut gebrauchen, einen, der den Altruismus predigt, der an das große Ganze erinnert. Linker Idealismus ist aus der Mode gekommen, Utopien sind out. Lennon würde uns daran erinnern, dass eine Gesellschaft sich darüber Gedanken machen muss, was sie sein will, und nicht bloß, was sie nicht sein will. Und wenn ihm dann ein paar Spinner ans Bein pinkeln, wenn irgendwelche Idioten einen Shitstorm vom Zaun brechen, dann würde er ihnen sagen, was er damals dem Fan vor seiner Haustür sagte: „Was willst du von mir? Ich bin bloß ein Musiker.“

Er wäre vielleicht ein bisschen weniger legendär. Aber das würde ihm gefallen. Er wollte nie Jesus sein. Das ist das Angenehme an lebenden Legenden: Sie verfolgen keine Eigeninteressen. Sie müssen - wie Keith Richards, wie Bob Dylan, ja, auch wie Paul McCartney - nichts mehr beweisen. Sie sind über das Klein-Klein des Alltags erhaben. Lennon wäre heute 77 Jahre alt - und sehr willkommen. Denn wie verzweifelt müssen wir sein, wie drängend unser Wunsch nach einem visionären Schlichter, einem, der beim Ordnen hilft, wenn wir schon einen wirtschaftsliberalen Ex-Investmentbanker wie Emmanuel Macron als moralische Instanz feiern.

Natürlich - das „bed-in for peace“ 1969 im Amsterdam Hilton, die blöden „Bagism“-Sackgeschichten mit Yoko Ono, das „Rolling Stone“-Foto von Annie Leibovitz, in dem er sich nackt und in fötaler Haltung an Yoko kuschelt - das war ein merkwürdiger, metrosexueller, infantiler Lennon, das wäre heute peinlich. Auch Lennon bei Twitter, Lennon angekettet in Gorleben, Lennon beim Truppenbesuch im Irak, Lennon mit abwaschbarem #MeToo-Tattoo auf dem Unterarm - all das dürfte es nicht geben. Aber Lennon war nie Kämpfer und nur kurz Politaktivist. In erster Linie war er Musiker. Stellen wir uns das vor: einmal im Jahr ein Livekonzert im Central Park, Stargäste: Keith Richards, Paul McCartney, Ringo. Und Lennon würde zwischen den Songs ein bisschen plaudern, uns daran erinnern, dass der Wahnsinn da draußen im Moment da draußen ist und die Typen, die nerven, nicht allmächtig sind. Das würde schon reichen. Ein Konzert für Syrien. Und noch eins. Und noch eins. Bis es wirkt.

Und: Es gäbe neue Songs. Yoko müsste nicht die letzten Schnipsel zum sechsundfünfzigsten Best-of-Album zusammenklöppeln. Vielleicht hätte er irgendwann sogar gemerkt, dass Yoko nicht singen kann.

Lennon 2018 - das wäre kein ätherischer Heiliger, kein Dalai-Lama der westlichen Welt. Auch kein nöliger Gutmensch und anstrengender Politrocker, der moralinsaure Einwürfe zur Weltpolitik in jedes Mikrofon absondert und mit den Mächtigen rumkumpelt. Die Rolle ist schon besetzt von Bono. Lennon 2018 - das wäre der alte Dickschädel, der alte Institutionenhasser, der alte Liverpooler Querkopf, der in „Give Me Some Truth“ besungen hat, wie ihm die Lügen von „kurzsichtigen, neurotischen, psychotischen Politikern“, von „schizophrenen, egozentrischen, paranoiden Primadonnas“ auf die Nerven gehen. Von beiden Sorten gibt es heute mehr als genug. Lennon wusste ja, dass Utopien (griechisch: „Nicht-Orte“) nicht zu verwirklichen sind, dass sie als Leitbilder, als Fixsterne taugen, aber nicht als Daseinsrezept.

Erst als sich die Beatles 1970 in die Unsterblichkeit verabschiedeten, wurde John Lennon glücklich. Er wurde zu sich selbst. Und zum Träumer. Die besten Träumer sind ja die, die früher Zyniker waren, Scherzkekse, Klassenkasper. Denn sie haben das alles hinter sich, die Gags, die Sprüche. „Oh my love, for the first time in my life / my eyes are wide open“, sang er. Lennon war nicht der bessere Beatle. Lennon war der bessere Lennon. Wir könnten ihn gut gebrauchen.

Von Imre Grimm

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