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Kultur Weltweit Heinz Rudolf Kunze über Xavier Naidoos Texte
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21:19 09.05.2017
Sänger Heinz Rudolf Kunze spricht im Interview über Xavier Naidoos viel kritisierten Text zum Song „Marionetten“.  Quelle: Archiv/Montage
Hannover

 Wegen umstrittener Textpassagen haben einige Radiosender entschieden, „Marionetten“ von Naidoo und seiner Band „Die Söhne Mannheims“ nicht auszustrahlen. Politiker fordern vom NDR, ein ähnliches Zeichen zu setzen und die „Söhne Mannheims“ vom Plaza-Festival Ende Mai in Hannover auszuladen. Sänger-Kollege Heinz Rudolf Kunze geht das zu weit.

Ist Naidoo ein politischer Künstler?

Ich halte Naidoo nicht für einen besonders kompetenten politischen Sänger. Er ist ein deutscher R’n’B- und Soulsänger mit großem Schmelz, wenn es um Privates und Zwischenmenschliches geht. Sobald er sich in politisches Fahrwasser begibt, halte ich ihn für einen ziemlichen Wirrkopf, aber nicht für einen Neonazi. Das kann ich mit einfach nicht vorstellen. Ihn jetzt zu einer Galionsfigur der neuen Rechten zu machen, das halte ich bis auf weiteres für überspannt.

Sollte der NDR, der nach Protesten Naidoo 2016 als Sänger beim ESC in Stockholm zurückgezogen hat, den Auftritt beim NDR-Plaza-Fest nun konsequenterweise absagen, oder ist das ein Eingriff in die Freiheit der Kunst?

Ich möchte nicht in der Haut der Entscheider stecken. Ist ein schwieriges Thema. Im Zweifelsfall verteidige ich die Freiheit der Kunst. Als jemand, der nicht Veranstalter ist und die Sache von außen betrachtet, würde ich sagen: Lasst ihn spielen und lasst ihn mit diesem Material seine Erfahrungen machen. Voller Gewähr könnte ich mich dazu aber nur äußern, wenn ich das Album gehört hätte. Ich kenne bislang nur die Textauszüge, um die es geht, die Aufregung in den Medien und die Reaktion von Jan Böhmermann. Was ich aber nicht mag, sind diese extrem schnell aufgeheizten Diskussionen.

Wundert es Sie denn, dass die Reaktionen so hochkochen? Oder ist die Öffentlichkeit derzeit extrem sensibilisiert?

Sensibilisiert ist noch freundlich ausgedrückt. Seitdem es diese neuen Medien gibt, von denen ich nichts halte, ist die Öffentlichkeit in einem Zustand der Dauerhysterie, eine Dauererektion des moralischen Pegels. Deshalb ist es auch immer weniger wert, weil sie ständig stattfindet.

Der Songtext bringt derzeit vor allem eines: Gerede. Besteht die Gefahr, dass sowas zu PR-Zwecken eingesetzt wird?

Das ist nicht ganz auszuschließen. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass das jemand wagen würde. Auf dieses Pferd zu setzen, mit diesem Feuer zu spielen, das kann gewaltig nach hinten losgehen. Promotion mit dem Teufel sollte man nicht machen. Ich bin überzeugt, dass diese aktuelle Aufmerksamkeit für Naidoo ihm keine kommerziellen Erfolge bringt. Und die Nazibands werden ihn nicht in ihre Arme schließen, denn er ist ja schließlich nicht „reinrassig“.

Naidoo redet von Missverständnis. Merkt er gerade, in was für eine Mühle er reingeraten ist?

Klar. Er hat sich einfach verrannt. Aber: Im Zweifel für den Angeklagten. Und für mich bestehen noch Zweifel. In meinen Augen ist er noch nicht gebrandmarkt.

Wie steht es denn überhaupt um das politische Lied in Deutschland?

Für mich herrschen im Moment die neuen jungen männlichen Jammerlappen vor. Die Beziehungsheulsusen, extrem mutarm, oft langweilig. Ein politisches Lied ist eine weite Sache. Da muss es nicht um die große Koalition gehen oder um Atomkraft. Für mich ist jedes Lied, das ein Detail genau anguckt, ein politisches Lied. Mir ist zu wenig Neugier in der neuen Musik, zu wenig AnnenMayKantereit. Die machen das ganz gut.

Von Uwe Janssen

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