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Kultur Weltweit Große Gesellschaftssatire: der Roman „Hochdeutschland“
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17:16 24.04.2018
Frankfurts Bankenviertel im untergehenden Licht. Vielleicht sind es auch die Banken, die untergehen? Bei Alexander Schimmelbusch dämmert ein Umbruch. Quelle: dpa
Leipzig

„Natürlich war ihm der Porsche peinlich, aber Victor war eine flexible Persönlichkeit.“ Er lehnt die Entwicklungen ab, zu deren Profiteuren er zählt. Eine Ablehnung, der er mit einer Flasche Richebourg für 2400 Euro nachgeht und die er schließlich in ein „Manifest“ münden lässt. Denn ein „radikales Projekt war vonnöten“, es würde darum gehen müssen, „die nationalen Ressourcen in ein kognitives Upgrade der Mehrheit umzuleiten, um das Land vor seiner drohenden Irrelevanz zu bewahren.“

Dies ist das Spielfeld, auf das Alexander Schimmelbusch seinen Protagonisten Victor schickt. „Hochdeutschland“ heißt der Roman, und es ist nicht nötig, sich die Antworten auf Fragen der Gegenwart von der Meta-Ebene zu kratzen. Der Schriftsteller bleibt so real, dass es Angst macht – vor allem aber Spaß.

Abwesenheit irgendeiner Überzeugung

Wir befinden uns im Deutschland dieser Tage. In Victor nehmen inhaltliche und seelische Verarmung Gestalt an. Dass er es noch merkt, lässt ihn trotz allem sympathisch wirken. Er wird bald 40, verdient viel Geld als Investmentbanker, genauer: als einer von drei Partnern der Birken Bank. Mit Ex-Freundin Antonia, die ihn besser kennt, als ein Mann sich das wünschen mag, hat er die sechsjährige Tochter Victoria, lebt aber allein und pflegt eine Affäre mit der zwölf Jahre jüngeren Nachbarin Maia oder gönnt sich Entspannung bei Valeszka, die in Aussicht stellt, „eine französische Komponente in seine Massage zu integrieren“.

Victor ist Amoral nicht fremd, er kennt den „strategischen Vorteil der Abwesenheit irgendeiner Überzeugung“ wie auch das Missverständnis, dass Erfolg schon ein Gewinn ist und Abgrenzung eine Entwicklung. Nun aber wird das Gefühl, sich in einer Übergangsphase zu befinden, zur einzigen Konstante im Leben.

Alexander Schimmelbusch: Hochdeutschland. Roman. Tropen Verlag; 214 Seiten, 20 Euro Quelle: Tropen Verlag

Immerhin hat er Geschichte mitgeschrieben: Monokultur, Gentrifizierung – „all das war ja auch sein Werk gewesen“. Noch ist er Herr über die Systeme im durchdigitalisierten Haus am Hang mit Aussicht auf Frankfurt am Main, das er ebenso bewohnt wie eine seiner Wohnungen in Berlin Kreuzberg oder die Petra-Kelly-Suite im Hotel Adlon.

Schon verzweifelt er ein bisschen an aufstrebenden „Playmobil-Nazis“, Unterschichten-Chic in der Fußgängerzone, wo Shoppen Teilhabe simuliert, am Fetisch für „Authentizität“, am Stockholm-Syndrom der Bankangestellten und einem Paradigmenwechsel im Wohlstandsgefüge. Es trägt zur Unterhaltsamkeit bei, dass alles genau so sein könnte, während man hofft, dass es nicht ganz so ist.

Neun Millionen Euro im Jahr

„Die beherzte Deregulierung der deutschen Kapitalmärkte, die Victor neben der Inkompetenz auch einer kindlichen Lust der politischen Verantwortlichen geschuldet sah, die Talare der sozialen Marktwirtschaft zu lüften“, hatte eine „neue Klasse von Angestellten geschaffen, die ungefähr ab ihrem 30. Lebensjahr über eine Million Euro im Jahr bezogen.“ Bei Victor waren es im letzten Jahr neun. Er konstatiert „eine Art postideologische Leere“, die für Investmentbanken „kein philosophisches Problem“ ist, sondern ein konkretes: Es ist vorbei. Früher oder später.

Doch „solange ordentlich geschmunzelt wurde, war Deutschland mit sich im Reinen.“ Sogar mit den Ängsten. „Der Verlust ihrer Gewissheiten hatte die Deutschen in eine kollektive Angststörung getrieben.“ Sie hatten „Angst vor der Steuerprüfung, vor der Schuldenfalle, vor der erektilen Dysfunktion beziehungsweise vor der Scheidentrockenheit. Sie hatten Angst vor den dunklen Augen der Afghanen oder Libyer oder Iraker oder Syrer oder wer alle diese Leute eben waren.“

Alexander Schimmelbusch kennt sich aus. Der 1975 in Frankfurt am Main geborene Autor wuchs auf in New York, hat in Washington studiert und fünf Jahre als Investmentbanker in London gearbeitet. „Hochdeutschland“ ist sein vierter Roman.

Gefühl der Erniedrigung

Ohne übertreiben zu müssen, gelingt ihm ein Psychogramm der Privilegierten, ein Gesellschaftsporträt, das satirischen Ansprüchen genügt und Zuspitzungen den Details der Dekadenz verdankt. Oder Exempeln der Selbstaufgabe – wie in jener Abrechnung mit den Italo-Food-Selbstbedienungskantinen der Kette „Vapiano“. Beim Anstehen nach Fließband-Pasta beschleicht Victor „das Gefühl, einer Erniedrigung beizuwohnen“. Die Leser werden Zeugen, wie nah im Mittelmaß Macht und Ohnmacht beieinander liegen.

In einer höfisch anmutenden Szene persifliert Schimmelbusch einen Finanzminister als Politiker der „Bratensaft schwitzenden Union“, der seine Italien-Leidenschaft zelebriert (wobei er die den Lebensstil betonenden Vokabeln verwechselt) und keine Berührungspunkte mit der Realität hat, was ja wiederum Politik und Geldgeschäft verbindet.

Schimmelbusch betrachtet Victor von außen, um ihn aus dem Inneren wirken zu lassen. Ein Hehler im System, „das durch zu viele Hände gegangen war, das immer wieder repariert und modifiziert worden war und nach den Tuningmaßnahmen durch den Neoliberalismus nicht mehr als Volkswagen, sondern als Zuhälter-Mercedes mit Diffusor und Flügeltüren daherkam.“

Flasche statt Peitsche

In seinem „Manifest“ analysiert Victor die Lage und entwirft Visionen, widmet sich dem „Leistungsprinzip“, der „Gedankenpolizei“ oder dem „Buddenbrook-Syndrom“. Die „deutschen Männer“, die „im Konfliktfall nicht reflexartig zur Peitsche, sondern kontrolliert zur Flasche greifen“, bringt er wieder zu sich. Es geht um einen kompromisslosen Neuanfang, natürlich mit Obergrenzen: für Vermögen.

Was wie ein Parteiprogramm klingt, wird auch eines. Für Victors Studienfreund Ali Osman nämlich. Der Spross einer Döner-Dynastie, die gerade mit dem Edel-Ableger „Le Dönère“ neue Felder absteckt, war mal Grünen-Politiker und sucht nach neuen Parolen für eine neue Partei, möglichst wagemutig, populistisch, disruptiv. Das Programm fischt an den Rändern mit einer Sprache der Folklore“: Volk, Heimat, Leergut, Braten, Autobahnen ... Es kommt zur Gründung der Deutschland AG, die irgendwann den Bundeskanzler stellen wird.

Es gibt ihn: den deutschen Gegenwartsroman, der kein literarisches Selfie ist, sondern ein Spiegel. Bis zum „extremistischen Rauschen“, das allem ein Ende setzt. Über das man noch mal kichern kann. Noch.

Alexander Schimmelbusch: Hochdeutschland. Roman. Tropen Verlag; 214 Seiten, 20 Euro

Von Janina Fleischer

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