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Kultur Weltweit Gardiner geht mit Monteverdis Opern aufs Ganze
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11:06 30.07.2017
Dirigent John Eliot Gardiner bei den Salzburger Festspielen Quelle: Chris Christodoulou
Salzburg

Sie mag es nicht glauben. Zu lange hat diese Frau allein für ihr Land und sich selbst sorgen müssen. Da kann sie nicht einfach in die Rolle der liebenden Hausfrau zurückfallen. Und so steht Penelope ihrem nach jahrzehntelanger Irrfahrt endlich zurückgekehrten Gatten Odysseus schon gegenüber - und kann und will ihn doch immer noch nicht erkennen.

Vor fast 400 Jahren hat Claudio Monteverdis Version des beliebten mythologischen Stoffes in Venedig das erste kommerzielle Opernhaus der Welt eröffnet, und noch immer wirkt das Stück frappierend modern. Der Komponist leuchtet so tief in die Psyche seiner Figuren, dass deren oberflächlichen Handlungen ganz verblassen. Monteverdi erzählt nicht etwa eine alte Geschichte nach; er bringt vielmehr Hoffnungen, Sehnsüchte, Wünsche und Ängste seiner Figuren auf die Bühne. So fällt auch Penelope ihrem Gatten in „Il ritorno d’Ulisse in patria“ nicht umstandslos in die Arme. Schmallippig unterläuft sie die Erwartungen, die Gatte und Publikum beim Wiedersehen an sie haben. Es dauert einige staubtrockens Rezitative, bis sich Penelope vorsichtig auf das Duett mit Odysseus einlässt, das die Oper beschließt: Kein Jubelgesang, sondern vertonte Behutsamkeit markiert das erstaunlich offene Ende einer Geschichte, deren Ausgang jeder zu kennen glaubt.

Gardiner lässt Sängern viel Freiheit

Zum 450. Geburtstag des Komponisten präsentierte der Dirigent John Eliot Gardiner an drei großen, vom Publikum begeistert aufgenommenen Abenden bei den Salzburger Festspielen, was von Monteverdis musikdramatischen Werken erhalten geblieben ist: vom repräsentativen „Orfeo“, dessen Uraufführung am 24. Februar 1607 als Geburtstermin der Kunstform Oper gilt, über den dreißig Jahre später entstandenen, heute selten gespielten noblen „Ulisse“ bis hin zum lebensprallen Alterswerk „L’incoronazione di Poppea“.

Mit der Erfahrung eines ganzen Musikerlebens demonstrierte der 74-jährige Gardiner, wie hell dieser Schatz noch immer leuchtet. In wunderbarer Gelassenheit folgt der Dirigent, der vor 50 Jahren mit Monteverdis „Marienvesper“ debütierte, dem natürlichen dramatischen Fluss der Musik. Den Sängern seines exquisiten Ensembles lässt er dabei viel Freiheit, was die mit Wohlklang und manchmal unerschrockener Expressivität danken.

Den Sängern seines exquisiten Ensembles lässt Gardiner viel Freiheit, was die mit Wohlklang und manchmal unerschrockener Expressivität danken. Quelle: Silvia Lelli

Die English Baroque Soloists begleiten so dezent und detailscharf, wie auch die Inszenierungen von Elsa Rooke und Gardiner selbst wirken: Ein Minimum an Aufwand sorgt für ein Maximum an Ausdruck. Es gibt kein Szenenbild und keine Requisiten. Die Sänger spielen einfach vor, hinter und zwischen den Orchestermusikern, deren tönende Kulisse hier Illusion genug ist. Schließlich geht es in den drei Stücken um (sehr unterschiedliche) Spielarten der Liebe. Mit Monteverdi hat die Oper so zu ihrem zentralen Thema gefunden: Ihr Klang wurde die Kunst, die zeigen kann, was nicht zu sehen ist.

Den Sängern seines exquisiten Ensembles lässt Gardiner viel Freiheit, was die mit Wohlklang und manchmal unerschrockener Expressivität danken. Quelle: Silvia Lelli

Der Monteverdi-Zyklus: Am 2., 3. und 5. September dirigiert John Eliot Gardiner die drei Opern beim Musikfest Berlin in der Philharmonie.

Von Stefan Arndt

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