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Kultur Weltweit Franz Rogowski über seinen Film „In den Gängen“
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11:01 24.05.2018
Hat eine Clownsausbildung absolviert: Franz Rogowski. Quelle: imago
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Sie waren Fahrradbote, Antiquariatsgehilfe, Choreograf - und haben sogar eine Clownsausbildung absolviert: Fällt es Ihnen schwer fallen, sich für eine Sache zu entscheiden?

Ich wollte auf jeden Fall früh weg von der Schule - und ich hatte immer das Ziel, das gut zu tun, was ich gerade tue. Die Straßenjonglage hat mich auch zu meinem ersten Filmfestival gebracht: In Locarno bin ich mit einem Freund bei Vorführungen unter freiem Himmel aufgetreten. Damit haben wir uns damals so um die 300 Euro am Tag verdient.

Und waren Sie immer in allem gut?

Als Straßenmusiker war ich so grauenhaft, dass die Leute mir Geld gegeben haben, damit ich aufhöre. Dann wollte ich malen, habe mit meiner Mappe aber an keiner Akademie landen können. Und dann bin ich als Tänzer ans Theater gegangen, das habe ich vier, fünf Jahre lang gemacht.

Warum haben Sie aufgehört?

Als Tänzer arbeitet man für einen Regisseur, der sich zuerst durch Sprache ausdrückt. Ein Tänzer ist eher ein Stimmungsmacher, so wie eine Nebelmaschine oder ein besonderes Licht auf der Bühne. Während der Schauspieler monologisiert, zappelt man im Raum rum und verbildlicht das über den Text Transportierte. Das kann schön sein, hat bei mir aber dazu geführt, dass ich unbedingt mit dem Regisseur etwas Sprachliches entwickeln wollte.

Zur Person

Franz Rogowski, Jahrgang 1986, ist im schwäbischen Tübingen aufgewachsen und lebt heute in Berlin. Er arbeitet zunächst als Tänzer und Choreograf. Im Kino wurde der Sohn eines Kinderarztes und einer Hebamme 2013 bekannt mit dem stark improvisierten Liebesfilm „Love Steaks“ von Jakob Lass. Es folgten: „Victoria“ von Sebastian Schipper, „Happy End“ von Michael Haneke, „Lux - Krieger des Lichts“ und „Transit“ von Christian Petzold. Demnächst sehen wir ihn in dem NS-Widerstandsdrama „Radegund“ von US-Regisseur Terrence Malick.

Rogowski ist festes Ensemblemitglied der Münchner Kammerspiele. Mit der Liebesgeschichte „In den Gängen“ (Kinostart: 24. Mai) von Thomas Stuber hat er im April den Deutschen Filmpreis als bester Hauptdarsteller begonnen.

Ganz offen gefragt: Von ihrem Lispeln haben Sie sich nicht abschrecken lassen?

Das ist inzwischen ein echtes Qualitätsmerkmal. Mit Gütesiegel.

Gelobt werden Sie von ihrem Regisseuren besonders für Ihr Körperlichkeit: Ist diese ein weiteres Qualitätsmerkmal?

Hängt vom Regisseur ab. Mit Thomas Stuber in „In den Gängen“ habe ich beinahe schon choreografisch gearbeitet. Dieses Ballett von Gabelstaplern in einem ostdeutschen Großmarkt führt zu einer bestimmten Spielweise. Auch Christian Petzold war bei der Anna-Seghers-Verfilmung „Transit“ so genau in seiner Arbeitsweise, dass im Zusammenwirken mit uns Schauspielern seine ganz eigene Handschrift erkennbar wird.

Wie war das, sich in „Transit“ in einen Flüchtling zu verwandeln?

Die Vorbereitung auf eine Rolle ist für mich in verschiedene Abschnitte unterteilt: Es gibt die Phase der rationalen Überprüfung des Angebots, in diesem Fall also eines Romans von Anna Seghers und eines Drehbuchs von Christian Petzold. Danach stellt sich die Frage: Wie kriege ich die Träume und Ängste der Figur in den eigenen Körper? Von da an darf ich nicht mehr kalt und intellektuell rangehen. Am Ende besteht die Figur aus Körper und Emotionen. Ich spiele keinen Geflüchteten, ich spiele einen Menschen auf der Flucht.

Wo ist der Unterschied?

Als Flüchtling würde ich immer über die Schulter gucken, gestresst und mit einem wehleidigen Kriegsausdruck im Gesicht. Das steht mir aber gar nicht zu, weil ich nicht weiß, wie sich das anfühlt. Ich kann aber als Figur möglichst unauffällig über eine Straße laufen und dabei Angst haben. Das Schöne an „Transit“ ist ja, dass das Klischee eines Geflüchteten in dem Film gar nicht vorkommt.

Was für ein Typ ist der Gabelstaplerfahrer Christian, den Sie in „In den Gängen“ spielen?

Christian ist der „Neue“ im Großmarkt. Er ist nervös und muss vieles lernen, eben auch seinen Job in der Nachtschicht. Für mich als Schauspieler hatte das etwas unglaublich Konkretes: Ich habe den Gabelstapler-Führerschein gemacht. Und dann hatte ich eine Tonne Bier überm Kopf. Wenn Du fünf Lagen Bierkästen über dir spürst und die runterkommen könnten, verlangt das eine besondere Konzentration. Als ich das erste Mal drauf saß, habe ich auch prompt ein Gewürzregal überfahren.

Steigen Sie nach Drehschluss ganz und gar aus der Rolle aus?

Ja, ich habe noch nie die Erfahrung gemacht, dass ich nicht mehr rauskomme aus der Figur. Den Ansatz, sich komplett in einer Figur zu verlieren, habe ich noch nicht ausprobiert. Dann besteht auch die Gefahr, dass man mit sich allein spielt und nicht mehr empfänglich ist für Dinge von außen.

Sie sind Ensemblemitglied an den Münchner Kammerspielen - haben Sie überhaupt noch Zeit fürs Theater?

Mein Intendant Matthias Lilienthal ist ein großzügiger Mensch. Aber ich tauche dort schon noch auf: Gleich nach der Berlinale standen für mich sechs Wochen lang Proben auf dem Spielplan. Aber manchmal ist es hart: Ich bin nur am Spielen, Drehen, Essen, Schlafen ...

Demnächst sind Sie unter der Regie einer lebenden Legende zu sehen: Sie spielen in Terrence Malicks „Radegund“, einem Drama über den österreichischen NS-Widerständler Franz Jägerstätter: Wie haben Sie es auf die Besetzungsliste geschafft?

Malick hat mich angerufen und mich gefragt, ob ich mitmachen möchte.

Wie, der große Kinorätsler, der Geheimnisvolle, klingelt mal eben bei Ihnen durch?

Er war auf der Mailbox, ich bin leider nicht rangegangen.

Flunkern Sie jetzt?

Glauben Sie mir nicht? Warten Sie, einen Augenblick, ich habe die Aufnahme noch.

Okay, ich glaube Ihnen: Was können Sie uns über Malick verraten?

Gar nichts, das darf ich laut Vertrag gar nicht.

Dann geben Sie dem Nachwuchs doch zumindest noch einen Tipp, wie man es als 32-jährigem Schauspieler dazu bringt, von Terrence Malick angerufen zu werden.

Man existiert in diesem Beruf gar nicht, wenn man nicht gesehen und inszeniert wird. Deshalb rate ich jedem, sein eigenes Ding zu machen. Probiert Euch aus! Schreibt Euch selbst ein Stück! Begebt Euch in die freien Theater!

Von Stefan Stosch/RND

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