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Kultur Weltweit Frank Schätzing schreibt über Künstliche Intelligenz
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05:02 24.04.2018
Frank Schätzings neuer Roman enttäuscht. Quelle: dpa
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Berlin

Die Reisenden haben einen sehr, sehr weiten Weg zurückgelegt. Sie sind von einem Paralleluniversum aus an diesen Ort gelangt. Wie sie das geschafft haben, wissen sie selber nicht. Hier ist alles merkwürdig. Keine Menschen sind zu sehen, keine Städte, aber durchscheinende, insektenartige Wesen, die die Reisenden mit großen Augen anschauen. Alles ist auf erstaunliche Weise miteinander vernetzt, man könnte den Eindruck gewinnen, in einem gigantischen Gehirn gelandet zu sein.

Und was machen die Reisenden? Sie sprechen über Menschen, die überflüssig geworden sind. Einer redet gar vom „bedingungslosen Grundeinkommen“. Ein anderer antwortet „Keine Elite wird zulassen, dass Milliarden Schmarotzer die Ressourcen der Erde aufzehren.“ Ihm wird entgegnet: „Der Sinn des Lebens ist ja wohl nicht nur produktiv zu sein.“

In Schätzings Roman wird übers Grundeinkommen diskutiert

Menschen, die gerade eine Reise zwischen Universen, einen Kampf gegen Waffenhändler und eine Auseinandersetzung mit einem übermächtigen, superintelligenten Computer hinter sich gebracht haben, diskutieren eigentlich nicht gleich über das bedingungslose Grundeinkommen. Aber es sind ja keine Menschen. Es sind Romanfiguren.

Frank Schätzing hat sie erfunden. Der behandelt in seinen meist voluminösen Romanen (sein neuer, „Die Tyrannei des Schmetterlings“, umfasst 734 Seiten) auch meist voluminöse Themen. Nach „Der Schwarm“ (intelligentes Leben aus dem Meer bedroht die Menschheit ), „Limit“ (Streit bei der Besiedlung des Mondes) und „Breaking News“ (Geschichte des Staates Israel, Weltkriegsgefahr) geht es nun um Künstliche Intelligenz.

Der Rechner macht sich selbst immer intelligenter

Schätzing erzählt von einem Sheriff, der einen Mord an einer Frau aufklären will. Sie war hochrangige Angestellte eines Unternehmens, das sich mit Künstlicher Intelligenz beschäftigt. Der Rechner, der sich selbst immer intelligenter macht, hat Großes geschaffen: eine Brücke, über die Menschen in Paralleluniversen gelangen können. Wie das funktioniert, weiß ganz allein die Maschine – was den Vorteil hat, dass Schätzing die physikalische Unmöglichkeit des Unterfangens nicht großartig wegargumentieren muss.

Das Problem beim Hantieren mit Paralleluniversen ist, dass hier alles, alles, alles möglich wird. In einem Paralleluniversum ist die Angestellte wieder lebendig und der ermittelnde Polizist stirbt – die Handlung geht trotzdem immer weiter. Eigentlich spielt keine Rolle, was geschieht, im Universum nebenan geht die Geschichte anders weiter.

Thriller-Lesealternative

Der seltsame Adoptivbruder hat Mutter, Vater, Onkel und Tante getötet. Damals, als der Protagonist des Romans noch ein Junge war. Und nun ist Rusty laut DNA-Nachweis unschuldig, kommt frei und womöglich ins Leben des Psychologen Dustin Tillman zurück, dessen Aussage ihn einst für 27 Jahre ins Gefängnis schickte. Zeitgleich taucht der Ex-Cop Aquil in seinem Leben auf, der seit Jahrzehnten einen Serienmörder auf den Fersen ist, und der Tillman in seine Besessenheit hineinzieht.

„Wir erzählen uns selbst immer nur eine Geschichte über uns selbst“, weiß Tillman aus dem Erfahrungsschatz seines Berufslebens. Dieser Satz über Gnade und Fluch der Selbsttäuschung und das ständige Nachsehen der Wahrheit gegenüber der Konstruktion ist der Leitfaden von Dan Chaons aberwitzigem Roman „Der Wille zum Bösen“, der den Leser die Wange aufs Unangenehmste an das viel beschworene Herz der Finsternis drücken lässt. Hier ist nichts wie es scheint, hier werden einfühlsam und mit genauem Blick fürs Menschliche bis in dessen tiefsten Abgrund hinein Seelen beschrieben, hier wird das Fürchten gelehrt, dass es eine Freude ist. Formal wechseln Zeiten, Perspektiven. splitterkleine Kapitel mit nicht allzu langen ruhigeren Passagen. All das passt perfekt zu den Aufmerksamkeitsspannen der tagein, tagaus Partikellektüre pflegenden Internetflitzer. Wenn sich dann eine Seite hälftet oder gar drittelt, um verschiedene Sichtweisen desselben Ereignisses darzulegen, sind Faszination und Grauen in Einklang. Wer den Willen zu diesem Thriller aufbringt, dem ist beim letzten Zuklappen, als sei er taub vor all dem Schrecken, als sei kein Buch zu Ende sondern als verklinge eine schwere Detonation. Matthias Halbig

Dan Chaon: „Der Wille zum Bösen“, Heyne,622 Seiten (erscheint am 13. Mai)

Im Grunde verhindert die Existenz von Paralleluniversen das Erzählen. Denn Erzählen braucht Grenzen. Schätzing erzählt trotzdem munter weiter. Und zwar typisches Actiongeschwurbel: Irgendwer muss irgendwohin, um irgendetwas zu verhindern. Gefahr, Reaktion, wieder Gefahr, Deckung, Verrat, neue Gefahr, Rettung in letzter Sekunde. Seitenweise War-Room-Rumgemache und Beschreibungsorgien von Dingen, die eigentlich ganz egal sind. Am Ende nervt das fortwährende Gerenne und Geballere in öden Fantasywelten. Und die Charaktere müssen in irgendeinem Paralleluniversum verloren gegangen sein.

Merkwürdige Anachronismen

Merkwürdig sind auch die Anachronismen, die dem Autor unterlaufen. Schätzing schreibt Sätze wie „Er fummelt an den Reglern seines Funkgerätes herum.“ Und das im Jahr 2050, in dem Reisen zu Paralleluniversen möglich sein sollen. Puh. Flammenwerfer werden auch eingesetzt.

Der schönste Satz des Buches ist ein Zitat des britischen Mathematikers Irving John Good, das Schätzing dem Buch vorangestellt hat: „Die erste ultraintelligente Maschine ist die letzte Erfindung, die der Mensch je machen wird.“

Der Satz verspricht eine spannende Geschichte. Schätzing erzählt sie nicht.

Frank Schätzing: „Die Tyrannei des Schmetterlings“. Kiepenheuer und Witsch. 734 Seiten, 26 Euro.

Von Ronald Meyer-Arlt

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