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Kultur Weltweit Forman hatte immer Sympathie für Einzelgänger
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10:15 15.04.2018
Miloš Forman. Quelle: imago stock&people
Hannover

Mit der Grausamkeit von Diktaturen machte Miloš Forman schon als Kind in Böhmen fürchterliche Erfahrungen. Seine Mutter war von der Gestapo verhaftet worden. Bei einem letzten Treffen hätten sie eine Viertelstunde lang nur über Belangloses gesprochen, was „die Situation nur umso grausamer machte“. So hat es der 1932 geborene Forman es in einer Doku über sein filmreifes Leben erzählt. Dann wurde seine Mutter nach Auschwitz deportiert. Sein Vater starb im Konzentrationslager Mittelbau-Dora. Die Eltern waren am Widerstand gegen die deutschen Besatzer beteiligt gewesen. Miloš fand Unterschlupf bei einem Onkel.

Den Junge Miloš zerbrach nicht am Schrecken seiner Kindheit, sondern wurde zu einem der renommiertesten Hollywood-Regisseure. Zeit seines Lebens stand er politischen Ideologien skeptisch gegenüber, und auch vom System Hollywood ließ er sich nie vereinnahmen. Seinen wohl größten Erfolg feierte er mit „Amadeus“ (1984) über die Rivalität zwischen dem Wiener Hofkomponisten Antonio Salieri und dem Genie Mozart - acht Oscars heimste das historisch wohl wenig genaue, dafür aber umso unterhaltsamere Werk ein.

„Humor ist die einzige Waffe, die einen gegen die Dummheit schützt“

Was das vielleicht Erstaunlichste dabei war: Forman verlor nie seinen Humor, wenn er auf der Leinwand vom Widerstand des Individuums gegen schier übermächtige Gegner erzählte. „Humor ist die einzige Waffe, die einen gegen die Dummheit schützt – sei es die des Kommunismus oder des Nationalsozialismus“, sagt er mal in einem Interview.

Da war Forman schon lange in die USA emigriert. Nach der Niederschlagung des Prager Frühlungs 1968 war kein Platz mehr für ihn in der Tschechoslowakei. Zuvor war er dort mit Filmen über einen widerspenstigen Teenager („Der schwarze Peter“) und über die Unfähigkeit der Funktionäre („Der Feuerwehrball“) angeeckt. Seine subversive Ader vertrug sich schlecht mit dem geforderten sozialistischen Realismus.

In Amerika fiel es Forman zunächst schwer, Fuß zu fassen. Seine skurrile Gesellschaftssatire „Taking Off“ (1971) holte zwar in Cannes einen Preis, floppte aber an den US-Kinokassen. Lange lebte er nach eigenen Worten hauptsächlich von Chili con Carne aus der Dose. Zwischenzeitlich drohte ihm ohne Arbeitsvertrag die Ausweisung aus den USA. Umso dankbarer war er den Amerikanern, dass er bleiben und seinen Traum verwirkllichen durfte.

1975 inszenierte er den Film, der sein Leben verändern sollte: „Einer flog über das Kuckucksnest“ mit Jack Nicholson als Gangster McMurphy, der sich in die Psychiatrie einliefern lässt mit dem Plan, dort gemütlich seine Strafe abzusitzen. Die Tragikomödie gewann fünf Oscars und atmete, wichtiger noch, den Geist des Nonkonformismus: Der Kampf McMurphys gegen die zerstörerische Psychiatrie stand zugleich für die Kritik an Institutionen generell.

Forman war einer der größten Individualisten

Die diktatorische Oberschwester Ratched im Film habe für ihn den Kommunismus verkörpert, sagte Forman später. Der Film löste in den USA eine Debatte über die Behandlung psychisch kranker Menschen aus und half bei der Abschaffung der Lobotomie.

Es folgte das Flower-Power-Musical „Hair“ (1979), in dem Forman Werte wie Freundschaft und Solidarität dem Wahnsinn Vietnamkrieg gegenüberstellte. Am Ende des Films sind erst Gräber auf einem Soldatenfriedhof und dann eine Antikriegsdemonstration vor dem Weißen Haus zu sehen. Die Protestkultur der Hippies hatte Folgen.

Auch in seinem letzten wirklich großen Erfolg „Larry Flint“ (1996), ausgezeichnet in Berlin mit dem Goldenen Bären, wählte Forman die Perspektive eines Widerständigen. In diesem Fall handelte es sich allerdings um einen ganz besonderen Einzelgänger: Ein Porno-Verleger wird zum Verteidiger der Pressefreiheit. Eine besondere Pointe hatte Forman auch für seine Zuschauer parat: Im Film ließ er den echten Larry Flynt einen Richter spielen, der den Filmhelden Larry Flynt zu einer Haftstrafe verurteilt.

Nun ist Miloš Forman im Alter von 86 Jahren nach kurzer Krankheit gestorben. Hollywood verliert mit ihm einen seiner größten Individualisten. Von denen gibt es nicht mehr so viele.

Von Stefan Stosch/RND

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