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„The Killing of a Sacred Deer“: Teuflische Prüfung

Kino „The Killing of a Sacred Deer“: Teuflische Prüfung

Schuld und Sühne mit Nicole Kidman und Colin Farrell: In „The Killing of a Sacred Deer“ (Kinostart: 28. Dezember) wird ein Vater zu einer fürchterlichen Entscheidung gewzungen.

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Stehen vor einer schweren Prüfung: Herzchirurg Steven (Colin Farrell) und seine Ehefrau Anna (Nicole Kidman).

Quelle: Alamode

Hannover. Mit Göttern sind die Griechen bestens vertraut. Wenn Yorgos Lanthimos seinen Film „The Killing of a Sacred Deer“ nennt, dann hat er eine antike Tragödie vor Augen: Agamemnon tötete den geliebten Hirschen von Artemis in einem heiligen Hain, dafür muss er sühnen und seine Tochter opfern. Man sollte diese Geschichte stets im Hinterkopf behalten in diesem gnadenlosen Film.

Dem Regisseur ist nicht das böse Grinsen, wohl aber der Spaß abhanden gekommen - ganz anders als noch bei seiner skurrilen Partnervermittlungsbörse in der Zukunftssatire „The Lobster“, die für paarungsunwillige Singles ja auch schon drastische Strafen bereithielt (Verwandlung in einen Hummer!). Nun unternimmt Lanthimos einen geradezu teuflischen Ausflug ins Unerklärliche, bei dem auch der Zuschauer gute Nerven braucht.

Immerhin gibt es einen Halbgott in Weiß

Einen Gott gibt es hier nicht - aber doch wenigstens einen Halbgott in Weiß: den Chirurgen Steven (Colin Farrell), der mit präsentabler Frau Anna (Nicole Kidman) und zwei gut geratenen Kids in einem großzügigen Haus lebt. Unanfechtbar scheint dieser Mediziner zu sein, den wir zunächst bei einer Operation mit einem pochenden Herzen, gefilmt in Großaufnahme, sehen. Aber Steven war nicht immer ein so perfekter Mediziner: Früher hatte er mit Alkoholproblemen zu kämpfen. Er beging einen tödlichen Fehler, wie wir eher nebenbei erfahren. Ein Familienvater starb auf seinem OP-Tisch, das Krankenhaus deckte den Chirurgen. Doch kann dieser Vertuschungsversuch ihn nicht vor einer viel härteren Strafe beschützen.

In Stevens Umfeld taucht immer häufiger der Jugendliche Martin (Barry Keoghan) auf. Was die beiden verbindet, bleibt zunächst unklar. Steve schenkt dem 16-Jährigen eine teure Uhr, er lädt ihn zum Abendessen ein. Er will Martin offenbar Gutes tun. Zunächst vermutet man ein sexuelles Interesse, aber das ist es nicht. Umgekehrt nimmt die Anhänglichkeit des Jungen bedrohliche Züge an. Martin wird zum Stalker - und er versucht, Steven mit seiner Mutter zu verkuppeln. Steven bleibt lieber bei seiner blonden Gattin. Und nun belegt Martin ihn mit einem Fluch.

Das ist durchaus wörtlich zu verstehen: Die Stimme eines Racheengels scheint durch den Teenager zu sprechen. Von Siechtum werde seine Familie heimgesucht, kündigt die Stimme an. Nur ein Ausweg bleibe Steven: Er soll Schicksal spielen, seinerseits ein Familienmitglied auswählen und töten. Nur dann könne er die beiden anderen retten.

Wie ernst soll Steven diese Drohung nehmen? Der Regisseur und sein treuer Drehbuchautor Efthimis Filippou haben ein perfides Szenario entwickelt: Die Kinder Bob (Sunny Suljic) und Kim (Raffey Cassidy) verlieren erst den Appetit, dann weisen ihre Beine Lähmungserscheinungen auf - und das ist noch nicht das Ende der Prüfungen. Gegen diese übernatürliche Heimsuchung ist keine Hightech-Medizin gewachsen. Stevens Situation wird immer verzweifelter.

Ein US-Regisseur in einem handelsüblichen Horrorfilm hätte jetzt vermutlich den Kampf gegen das Böse auf- und Steven eine Teufelsaustreibung in Angriff nehmen lassen. Mit einem Versuch ernsthafter Gegenwehr hält sich Lanthimos in seinem ersten Hollywoodfilm aber gar nicht erst auf. Er fragt danach, ob der Familienvater seine Schuld tatsächlich wieder gutzumachen versucht. Welche Entscheidung wird Steven treffen? Ist er bereit, die Strafe anzunehmen?

Die Kälte des Jungen lässt die Zuschauer erschauern

Diese archaisch anmutende Prüfung ist angesiedelt in einer geradezu aseptischen Hochglanzwelt von Klinik und Eigenheim. Für reichlich Irritation ist gesorgt - zumal hier einiges im Wortsinn „verrückt“ zu sein scheint: Die Dialoge des Arztes mit seinen Kollegen wirken seltsam steif, Anna muss beim Sex wie eine narkotisierte Patientin still verharren, und die Kamera zieht sich oft etwas weiter vom Geschehen zurück als gewohnt. Sie lässt die Menschen wie Marionetten erscheinen, die an unsichtbare Fäden zappeln. Ein surrealer Touch hält so Einzug in diesen Film.

Die eigentliche Faszination geht von der grandiosen Vorstellung des 1992 geborenen irischen Schauspielers Barry Keoghan aus, der zuletzt in Christoper Nolans „Dunkirk“ brillierte. Sein Martin verströmt kindliche Naivität und gleichzeitig eine Kälte, die einen erschauern lässt. So viel Unerbittlichkeit wagt im Unterhaltungskino sonst kaum ein Regisseur. Nur Michael Hanekes cineastische Versuchsanordnungen fallen einem da ein.

Irgendwann wird Steven mit einer Binde vor den Augen dastehen und das Schicksal über Leben und Tod entscheiden lassen. Die Szene ist grotesk, aber Lachen wird in diesem letztlich rätselhaften Film garantiert niemand.

Von Stefan Stosch / RND

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